1. Home
  2. Digital Switzerland
  3. EY-Schweiz-Chef: Wie die Schweiz digital nicht abgehängt wird

Marcel Stalder
«Die Schweiz muss bei der digitalen Transformation mithalten»

Marcel Stalder
EY-Schweiz Chef Marcel StalderQuelle: Handelszeitung

EY-Schweiz-Chef Marcel Stalder ist Co-Gastgeber des Digital Gipfels. Im Gespräch sagt er, wie Digitalisierung in der Schweiz vorankommt.

Von Stefan Mair
am 01.11.2018

In wenigen Tagen treffen sich CEO ­Schweizer Konzerne, Top-Politiker und Gründer zum Digital Gipfel. Was steckt dahinter?
Marcel Stalder: Der erste Schweizer Digital Gipfel vom 5. und 6. November 2018 findet im Rahmen der Standortinitiative Digital­switzerland unter der Schirmherrschaft des Bundesrats statt. Eingeladen sind wichtige Vertreter von Wirtschaft, Politik und Wissenschaft der Schweiz sowie Gründer und Vertreter von internationalen Technologieunternehmen. Der Digital Gipfel komplettiert die bestehenden Ak­tivitäten von Digitalswitzerland: Die Spitze von Wirtschaft, Politik und Wissenschaft tauscht sich mit Gründern und Vertretern internationaler Technologiefirmen aus.

Kommen nun auch Politiker zu diesem Treffen?
Ja, es werden politische Vertreter dabei sein. Die Idee ist es, dass Topleute aus ­Politik und Wirtschaft mit denen grosser Technologiefirmen zusammenkommen. Auch der COO von Tesla ist dabei.

Anzeige

Warum engagieren Sie sich so stark für ­ Digitalswitzerland?
Wir sehen uns als wichtigen Corporate ­Citizen in der Schweiz. Und wenn es nicht von der Trägerschaft der Schweizer Wirtschaft einen Beitrag gibt, wer soll das sonst gestalten, dass man sich in der vierten industriellen Revolution als wettbewerbs­fähig aufstellt, um den Wohlstand erhalten zu können? Und deshalb setze ich viel Freizeit ein, um mitzuhelfen, dass die Schweiz mithält bei der digitalen Transformation, dass wir unsere Ausbildungsstätten in den Top-Rängen halten, dass wir Rahmen­bedingungen verändern, damit sie zukünftigen Bedürfnissen entsprechen, und auch dass wir genügend Venture-Kapital aufbauen, um Innovation zu finanzieren.

Ein grosses Problem für Startups.
Ja, das ist ein Problem. Die Schweiz ist ­Innovationsweltmeisterin, aber die Arbeitsplätze werden in Tel Aviv oder Berlin angesiedelt, warum? Weil man in der Schweiz Innovation nicht ausreichend finanziert. Wir müssen schauen, dass das Kapital der Innovation folgt. Wir müssen auch Plattformen bauen. Die Zukunft wird eine ökosystembasierte Wirtschaft sein, die Vergangenheit war eine «brand»-wettbewerbsbasierte Wirtschaft. Diesen Wandel müssen wir aktiv gestalten. Deshalb bauen wir bei Digitalswitzerland sogenannte Branchen-Verticals. Und letzte Woche haben wir von EY gemeinsam mit anderen Firmen eine neue Plattform­lösung für Hypotheken präsentiert – Credit Exchange oder kurz Credex. Als strategischer Entwickler durften wir ­dieses neue Ökosystem gestalten.

Marcel Stalder – der Netzwerker

Name: Marcel Stalder

Funktion: CEO EY Schweiz

Karriere: Stalder ist seit 2016 CEO und Verwaltungsrat von EY Schweiz sowie Marktleiter der DACH-Region. Zuvor leitete er bei EY den Geschäftsbereich Financial Services.

Das Unternehmen EY ist in der Schweiz mit 2840 Mitarbeitenden in elf Niederlassungen vertreten und arbeitet schwerpunktmässig in den Bereichen Wirtschaftsprüfung, Steuerberatung, Unternehmens- sowie Managementberatung und klassische Rechtsberatung.

 
Wie beurteilen Sie die Fähigkeit der Politik, auf die Digitalisierung zu reagieren?
Ehrlich gesagt, wurde ich von unserem Bundesrat in den letzten Monaten immer wieder positiv beeindruckt. Beispiels­weise Ueli Maurer, den ich persönlich ­kennenlernen durfte und der mich mit seiner Haltung überzeugt; er ist wirklich tief involviert und weiss, was es braucht für die zukünftige Entwicklung. Auch Bundesrat Schneider-Ammann hat in seiner Amtszeit aus meiner Sicht sehr vieles richtig gemacht. Dazu gehört auch sein un­ermüdlicher Einsatz für die Freihandelsabkommen – mit Indonesien will er nun auch noch abschliessen, bevor er in Rente geht. Gerade letzte Woche durfte ich gemeinsam mit Fenaco einen runden Tisch leiten zum Thema Agrotechnologie. Die Schweiz hat mit Nestlé, Bühler, Syngenta und weiteren absolute Spitzenplayer auf dem Gebiet und ausserdem eine starke Landwirtschaft. In diesem Kreis ist Bundesrat Schneider-Ammann eine treibende Kraft beim Zusammenführen etablierter und neuer Player und beim Etablieren der Schweiz als Zukunftsplatz einer modernen Nahrungsmittelproduktion.

Es gab auf Twitter die Idee, dass man nächstes Jahr nicht nur etwa am Zürcher HB einen grossen Digitalswitzerland-­Auftritt plant, sondern auch im Bundeshaus in Bern. Würden Sie das befürworten?
Absolut, sensationelle Idee. Als wir bei ­Digitalswitzerland den Digitaltag gestartet haben, haben wir gesagt, wir wollen zur Bevölkerung. Und wie geht man zur Bevölkerung? Man analysiert, wo es am meisten Traffic gibt, und das ist an den Bahnhöfen – vor allem in Zürich oder Bern, aber auch in Genf. Aber ich glaube, «Traffic» darf man nicht nur verstehen als «wo passieren viele Schritte», sondern auch «wo passieren viele Entscheidungen» – denn das ist ja auch eine Art Traffic. Deswegen müssen wir auch an den Ort gehen, wo Entscheide gefällt werden – eine Präsenz im Parlament finde ich deshalb eine ganz hervorragende Idee.

Welche Fähigkeiten Ihrer Mitarbeitenden ­wurden im Zug der Digitalisierung ­überflüssig?
Da muss man sich anschauen, wie sich das Beratungsgeschäft insgesamt verändert hat. In der Wirtschaftsprüfung beginnen wir nach der Planung immer damit, die Daten der Kundschaft zusammenzutragen. Ende der 1990er Jahre hat man viel Papier erhalten aus der Buchhaltung – die umfassende Bilanz und alle Detailpapiere. In den nuller Jahren hat man meistens vom CFO einen USB-Stick erhalten. Immer aber war und ist es noch eine Herausforderung, denn der Jahresabschluss passiert unter Zeitdruck. Früher hat man dann immer wieder beim CFO angerufen und hat neue Sticks erhalten, dann weitergeprüft – ein Hin und Her.

Und wie läuft es heute?
Heute hat sich das verändert. Wir bei EY arbeiten mit einer weltweiten Plattform, die heisst Canvas. Da kann der Kunde mit seinen Systemen andocken und während seines Jahresabschlusses alle Positionen, die geprüft sind, hochladen. Unsere Mitarbeitenden können irgendwo auf der Welt sitzen und sehen, wenn die Daten freigegeben sind. Sie können sich das so vorstellen, dass wir eine Bilanz sehen und dass jede Position, die aufgeladen ist, grün wird; dann können wir arbeiten. Und immer, wenn wir neue Uploads haben, können wir fortfahren. Wir haben damit eine Schnittstelle zum Kunden und seinen Systemen im Zusammenhang mit Daten. Bei der Prüfung früher hat man Stichproben genommen und einzelne Buchungsvorgänge geprüft und hat dann mit der Wahrscheinlichkeitsrechnung auf die gesamte Menge geschlossen. Heute entwickeln wir uns in die Richtung, dass wir den ganzen Datensatz einer Firma ziehen und dann mit Analyse-Tools wie Process Mining ­arbeiten. So können wir den Geschäftsvorfall das ganze Jahr prüfen und nicht mehr nur auf Stichproben.

Digital Gipfel

Zum Schweizer Digital-Gipfel, der dieses Jahr zum ersten Mal abgehalten wird, treffen sich am 5./6. November nationale und internationale Führungskräfte aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. Der Digital-Gipfel versteht sich als Plattform, die den Austausch zwischen den Unternehmen und mit Forschung und Politik fördern und den Mut zur Veränderung vorantreiben will. An der ersten Durchführung im Zürcher Hotel «Dolder Grand» sprechen unter anderem Alexander Karp, Mitgründer und Chef der kalifornischen Softwarefirma Palantir, Ulrich Spiesshofer, Chef des Technologiekonzerns ABB, Robert Gentz, Mitgründer und Co-Chef von Zalando, Sascha Zahnd von Tesla, Philipp Metzger vom Bundesamt für Kommunikation und Koordinator der interdepartementalen Arbeitsgruppe «Digitale Strategie Schweiz» sowie Daniel Wiegand, Gründer des Flugunternehmens Lilium. Gastgeber beim Digital Gipfel sind Marc Walder, Gründer der Standortinitiative Digitalswitzerland und Chef von Ringier sowie Marcel Stalder, Chef von EY Schweiz. Der Digital-Gipfel ist «Invitation Only».