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Handys
Blackberry findet ohne Smartphones zum Erfolg zurück

Blackberry: Das Unternehmen hat sich auf IT-Sicherheit spezialisiert. Quelle: Getty/Thomas Trutschel

Als Handyhersteller hatte Blackberry keine Zukunft. Das Unternehmen hat sich erfolgreich neu erfunden.

Von Thomas Heuzeroth («Die Welt»)
12.01.2018, Aktualisiert am 13.01.2018

John Chen kennt seinen Ruf und pflegt ihn auch. «Ich habe Turnarounds zu meinem Broterwerb gemacht», sagt der in Hongkong geborene Manager mit einem Grinsen. Auf der Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas verkündet er nun den Vollzug: «Wir haben bei Blackberry den Turnaround-Modus hinter uns gelassen», sagte Chen. «Das waren schwere Jahre.» Bei solchen Aussagen kommt es natürlich auf die Perspektive an. Mit Blick auf vergangene Zeiten sprechen Beobachter eher von einem Gesundschrumpfen.

Von der einstigen Grösse ist wenig übrig geblieben. Früher hat Blackberry ganze Managergeneration mit mobilem E-Mail-Verkehr ausgestattet. Der Blackberry mit seiner physischen Tastatur war der Goldstandard unter den Handys. 2009 hatte das kanadische Unternehmen einen weltweiten Smartphone-Marktanteil von 20 Prozent. Doch dann zogen Apple mit seinen iPhones und Google mit den Android-Smartphones an Blackberry vorbei. Heute führen die Marktforscher von Gartner und IDC die Blackberry-Geräte gar nicht mehr in ihren Statistiken auf.

Gefährliche Lage

Als der heute 62-jährige John Chen vor vier Jahren nach einem geglückten Turnaround von Sybase zu Blackberry kam, war das Unternehmen in einer gefährlichen Notlage. Keiner wollte mehr die Blackberry-Smartphones haben, für die es nur wenige Apps gab. Lange Zeit weigerte sich Blackberry, auf seine Tastatur am unteren Ende der Geräte zu verzichten, obwohl immer mehr Smartphone-Nutzer Handys nur über die berührungsempfindlichen Displays bedienen wollten. Selbst Geschäftskunden entschieden sich immer häufiger für die Geräte der Konkurrenz. Apple und Google waren längst an Blackberry vorbeigezogen.

Am Ende blieb Chen, der neben der britischen auch die amerikanische Staatsbürgerschaft hat, nichts anderes übrig, als das Unternehmen von Grund auf umzubauen. «Blackberry ist eine ikonische Marke mit enormem Potenzial», sagte Chen damals. «Aber es wird Zeit, Disziplin und schwere Entscheidungen kosten, um wieder erfolgreich zu sein.»

Tiefe Einschnitte

Tatsächlich schreckte Chen auch nicht vor tiefen Einschnitten zurück. Die Smartphone-Produktion stellte er bereits 2016 ein. Wenn heute neue Blackberry-Smartphones auf den Markt kommen, sind sie von dem chinesischen Hersteller TCL, der den Namen Blackberry darauf kleben darf, weil er dafür bezahlt. So wie er auch die Geräte mit der Marke Alcatel baut.

Heute verkauft Blackberry vor allem Sicherheitslösungen an Unternehmen, mit denen sie unter anderem ihre E-Mail-Kommunikation schützen, Gespräche und Textnachrichten verschlüsseln. Überall dort, wo Daten besonders geschützt werden müssen, ist Blackberry im Geschäft. Nicht zuletzt, weil Blackberry die dafür notwendigen Sicherheitszertifikate vorlegen kann.

Handy-Betriebssystem wird eingestellt

Unternehmen können mit der Blackberry-Technologie zentral die Geräte verwalten, die ihre Mitarbeiter nutzen, darunter Smartphones von vielen Herstellern, Tablets und Computer. Die Geräte selber müssen nicht mehr von Blackberry kommen. Das hauseigene Smartphone-Betriebssystem Blackberry 10 wird daher auch nicht mehr weiterentwickelt.

Das Geschäft mit den Sicherheitsdiensten und der dazugehörigen Software wächst inzwischen zweistellig und macht heute 85 Prozent des Umsatzes der Kanadier aus. Doch Chen will an anderer Stelle noch viel stärker wachsen: Irgendwann einmal soll das Geschäft mit vernetzten und autonomen Autos die Hälfte von Blackberrys Erlösen ausmachen. «Das Auto ist digital geworden», sagt Chen heute. „Das ist für uns die perfekte Gelegenheit für ein Comeback.»

Tatsächlich mischt Blackberry hier schon kräftig mit. Zu verdanken hat das der Konzern aus Kanada einem Glücksgriff. 2010 übernahm Blackberry das Softwareunternehmen QNX von Harman International, das inzwischen zu Samsung gehört. Damit hatten die Kanadier einen Fuss in der Tür der Autoindustrie, mit der QNX schon beste Beziehungen pflegte. Mit QNX entwickelte Blackberry unter anderem eine Art Sicherheitsbetriebssystem für Autos.

Neue Verträge abgeschlossen

«Inzwischen nutzen 60 Millionen Autos unsere Software», sagt Chen. Und tatsächlich konnte der Manager eine ganze Reihe von neuen Verträgen verkünden. Blackberry arbeitet mit Ford Motor, Denso und Aptiv zusammen, das früher Delphi hiess. Eine Kooperation mit Jaguar Land Rover ist in Vorbereitung. Ausserdem gibt es Kooperationen mit Bosch und Magna.

 Zuletzt überraschte Chen Anfang Januar mit einer Ankündigung, dass künftig der chinesische Technologiekonzern Baidu die Blackberry-Technologie als Grundlage für seine Apollo-Plattform nehmen will. Apollo soll nach dem Wunsch von Baidu einmal für das autonome Fahren das werden, was Android für Smartphones ist.

Sogar Chiphersteller wie Qualcomm greifen auf die Blackberry-Technologie zurück. Allen Herstellern ist heute klar, dass vernetzte und vor allem auch autonome Autos künftig so komplex sind, dass es ohne Kooperationen gar nicht geht. Kein Hersteller ist in der Lage, hier alle Technologien selbst zu bestreiten. Und so hofft Chen, überall mitmischen zu können. «Ich will sichergehen, dass wir künftig in jedem Auto dabei sind.»

Aktie auf Fünf-Jahres-Hoch

Das trauen ihm Beobachter offenbar zu. Die Aktie erreichte allein nach der Baidu-Ankündigung ihr Fünf-Jahres-Hoch. Im vergangenen Jahr war sie schon um gut 50 Prozent gestiegen. Dabei geht insgesamt der Konzernumsatz immer noch zurück, und unter dem Strich fallen Verluste an, auch wenn das operative Ergebnis seit sieben Quartalen positiv ist. Blackberry hat mit 2,5 Milliarden Dollar noch einige Reserven für seinen Umbau.

Und Chen scheint nun vieles auf eine Karte zu setzen. Die Zahl der Ingenieure bei QNX soll in den kommenden Jahren auf 1000 verdoppelt werden. In der Nähe von Ottawa will er für 76 Millionen Dollar ein Zentrum für autonomes Fahren eröffnen. Chen weiss, dass die Autohersteller grosse Angst davor haben, dass Hacker in ihre Fahrzeuge eindringen. Genau diese Furcht könnte für Blackberry am Ende die Zukunft bedeuten. Auf der grossen Autoshow in Detroit wird der Blackberry-Chef Chen am Montag eine Keynote halten – und genau dieses Szenario beschwören.

Dieser Artikel erschien zuerst bei der «Welt» unter dem Titel: «Wie Blackberry sich ohne Smartphones neu erfindet».

 

 

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