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Logistikzukunft: «Amazon geht eigenen Weg»

Verteilzentrum von Coop: Mit dem E-Commerce hat die Komplexität in der Logistik zugenommen.Quelle: Keystone

Der Logistikleiter von Coop erklärt die Auswirkungen des Online-Handels, was in puncto Cargo Sous Terrain geht und wie ausländische Anbieter beobachtet werden.

Roberto Stefano
Von Roberto Stefano
01.12.2017

Das Weihnachtsgeschäft läuft bereits auf Hochtouren. Wie macht sich dieses in der Logistik von Coop bemerkbar?
Daniel Hintermann*: Sowohl an Weihnachten wie auch an Ostern stellen wir die grössten Ausschläge im Jahr fest. Vor diesen Festtagen wird besonders viel eingekauft und die hohen Mengen sind in der Logistik eine Herausforderung. Hinzu kommt an Weihnachten, dass das Fest nicht immer auf dieselben Wochentage fällt und wir die kantonal unterschiedlichen Regelungen beachten müssen.

Inwieweit hat sich allgemein das Einkaufsverhalten der Kunden verändert?
Verändert hat sich vor allem, dass mehr Convenience- und Frischeartikel hinzugekommen sind und sich das Sortiment deutlich ausgeweitet hat. Wir verkaufen in den Supermärkten Produkte mit ganz unterschiedlichen Anforderungen an die Logistik, von Socken über Rindsfilet bis hin zu tiefgefrorenen Erbsen. Daher sind für uns Fahrzeuge unterwegs, die verschiedene Temperaturzonen aufweisen, damit die Kühlkette perfekt aufrechterhalten werden kann.

Wie spüren Sie den E-Commerce-Boom?
Wir haben im Bereich Detailhandel 24 Online-Shops bei Coop. Diese verzeichnen durchs Band hohe Wachstumsraten. Allerdings beeinflusst das die Coop-Logistik, die vor allem die Belieferung unserer Verkaufsstellen beinhaltet, kaum. Der Online-Verkauf hat letztlich dazu geführt, dass wir für jedes Format eine Logistiklösung entwickeln mussten. Zum Teil sind diese sehr autonom, andere wiederum, wie Coop@home, konnten wir zum Teil in die bestehenden Prozesse integrieren. Insgesamt verwalten wir heute deutlich mehr Prozesse in der Coop-Logistik als früher. Die Komplexität hat stark zugenommen. Dies spürt man besonders bei den Informatik-Schnittstellen.

Was heisst das?
Software war schon immer wichtig, beispielsweise für die Tourenplanung oder das Warenmanagement. Mit der Digitalisierung gewinnt sie noch mehr an Bedeutung. In der Logistik können wir zum Beispiel genau verfolgen, ob die Temperatur in unseren Lastwagen stimmt oder wie ökologisch die Fahrzeuge gefahren werden. So brauchen wir heute zahlreiche Schnittstellen zu anderen Systemen.

Wie reagieren Sie auf das zunehmende Stauproblem auf den Strassen?
Coop setzt verstärkt auf die Schiene. Dazu haben wir 2010 mit Railcare ein eigenes Bahnunternehmen gekauft und dieses massiv ausgebaut. Dadurch können wir heute beispielsweise von unserer Verteilzentrale in Aclens bei Lausanne aus die gesamte Region Genf beliefern – trotz täglichem Stau auf den Strassen. Wir transportieren das ganze Sortiment in sogenannten Wechselbehältern mit der Bahn bis zur Stadt und nehmen von dort aus die Feinverteilung mit Lastwagen vor. Ein ähnliches Vorgehen ist auch an anderen Orten geplant, beispielsweise von Schafisheim für die Stadt Basel.

Auch die verfügbaren Trassen auf der Schiene sind doch begrenzt?
Wir kommen eigentlich problemlos dazu, da Railcare bei der Vergabe der Trassen mit einer S-Bahn gleichgestellt ist. Unsere Züge sind kurz und schnell. Die Trassen sind entscheidend, da wir genau wissen müssen, wann ein Zug wo ankommt.

Wie steht es um die Auslastung der Züge?
Das Ziel ist eine möglichst volle Beladung. Wir haben deswegen von Anfang an angekündigt, dass das System auch anderen Anbietern offensteht. Wir sind denn mit der Auslastung auch sehr zufrieden.

Wird Coop zu einem Logistikanbieter?
Nein. Coop ist im Gross- und Detailhandel tätig. Die Logistik ist ein Mittel zum Zweck. Da wir eine Hub-Strategie verfolgen und von Zentren wie Schafisheim oder Pratteln die ganze Schweiz erreichen wollen, haben wir uns für den unbegleiteten kombinierten Verkehr entschieden. Da es keinen Anbieter auf der Schiene gab, der unsere Bedürfnisse erfüllen konnte, haben wir in Railcare investiert. Wenn ein externer Anbieter aber eine Logistik-Dienstleistung besser erbringen kann, werden wir uns immer für diesen entscheiden: Wenn Microspot etwa ein Tablet zum Kunden nach Hause liefert, dann machen wir das mit der Post. Da müssen wir keine eigene Logistik aufbauen.

Der US-Riese Amazon dagegen will eine eigene Logistik aufbauen.
Amazon geht einen eigenen Weg.

Was halten Sie von einer verstärkten Kooperation in der City-Logistik?
Wir sind überzeugt, dass es früher oder später eine solche Lösung braucht. Gewisse europäische Metropolen machen es vor. Vielleicht war bei uns der Leidensdruck noch zu wenig gross. Eine funktionierende City-Logistik ist nötig, noch bevor sich neue Transportsysteme wie autonome Lastwagen oder Cargo Sous Terrain (CST) durchgesetzt haben. Die Frage ist, wie man die bestehenden Logistiker auf eine solche Plattform bringen kann. Alleine auf freiwilliger Basis scheint es nicht zu klappen.

Sie könnten mit Migros einen ersten Schritt machen.
Das ist grundsätzlich natürlich nicht ausgeschlossen. Allerdings muss man sehen, dass die grossen Detailhändler ihre Logistik bereits sehr stark optimiert haben. Somit würde es wohl kaum zu deutlich weniger Fahrten kommen. Das grösste Potenzial liegt bei jenen Anbietern, die nur wenige Schachteln oder Paletten ausliefern. Dennoch, damit eine City-Logistik funktioniert, müssen die Detailhändler mit an Bord sein.

Wie passt da die Verlagerung Ihres Logistikstandorts für die Region Nordwestschweiz-Zentralschweiz-Zürich von Dietikon nach Schafisheim in die Strategie?
Wir beliefern aus Schafisheim etwa 40 Prozent der Filialen in der Schweiz, von Basel über Zürich bis ins Glarnerland oder nach Andermatt. Durch die Konzentration in Schafisheim sparen wir gut 10 000 Tonnen CO2 ein, die eine Hälfte durch das moderne Gebäude, die andere indem wir mehr Kilometer auf der Schiene unterwegs sind. Auch erreichen wir dort die nötigen Mengen, damit sich eine vollautomatische Logistik lohnt. Würde man nur Zürich beliefern, sähe das Ganze anders aus, da wir heute die Stadt mit Lastwagen direkt ab Schafisheim beliefern. Auch im Hinblick auf CST ist der Standort ideal. Wird das Projekt verwirklicht, können wir die Stadt noch besser versorgen.

Sie haben Cargo Sous Terrain (CST) erwähnt. Glauben Sie an das Projekt?
Ja, ich bin sehr zuversichtlich. Bis Ende Jahr muss CST gewisse Bedingungen erfüllen, damit der Bundesrat das CST-Gesetz in die Vernehmlassung bringt. Dieses regelt beispielsweise die Frage, wem der Untergrund eines Landes gehört. Eine Bedingung ist, dass die private Finanzierung bis zur Baubewilligung zustande kommt. Es geht um rund 100 Millionen Franken.

Gelingt das Unterfangen?
Bis Ende Jahr wird man mehr wissen. Doch ich bin sehr guter Dinge, dass die Finanzierung zustande kommt. Coop ist an der neuen CST-Aktiengesellschaft beteiligt, genauso wie die Migros und zahlreiche Transporteure, Versicherer, Banken und Baufirmen. Coop wird sich an diesem ersten Finanzierungsschritt beteiligen. Wir glauben an die Umsetzbarkeit der Vision und wollen dies mit einem Geldbeitrag signalisieren. Alle grossen Detailhändler müssen CST nutzen, damit der Betrieb rentabel wird. Technologisch ist das Projekt machbar. Und auch die Wirtschaftlichkeit kann erreicht werden.

Braucht es CST auch dann noch, wenn autonome Lastwagen im Einsatz stehen?
Die Frage ist, wo welche Technologie sinnvoll ist. Es wird wohl ein Miteinander geben, schliesslich benötigen auch autonome Fahrzeuge Platz auf den Strassen. Hinzu kommt, dass CST nicht nur ein Transportsystem ist, sondern auch eine Lagerfunktion übernimmt. Das System braucht drei Spuren, damit prioritäre Lieferungen vorgezogen werden können. Dadurch wird es automatisch zum grössten Lager, welches sich in der Schweiz befindet. Das geht oft vergessen.

Welche Trends machen Sie ansonsten in der Logistik hierzulande aus?
Ein grosser Logistik-Trend ist die Nachhaltigkeit. Sie geniesst bei Coop eine sehr hohe Priorität und beeinflusst unser Geschäft schon allein aufgrund von gesetzlichen Vorgaben wie den Euro-Normen, an welche die LSVA gekoppelt ist. Wir fahren bereits seit mehreren Jahren mit fünf Elektrolastwagen – ein weiterer ist bei Transgourmet im Einsatz – und sammeln so viele Erfahrungen. Seit knapp einem Jahr sind wir auch mit einem Wasserstofffahrzeug unterwegs. Ein wichtiges Thema sind die Kühlaggregate. Sie verursachen fast gleich viel CO2 wie die Fahrzeuge selber. Railcare hat deshalb das sogenannte rCE-Powerpack entwickelt, welches die kinetische Energie der Radachse in elektrische Energie umwandelt. Der durch die Railcare-Erfindung mögliche Verzicht auf dieselgekühlte Transporte reduziert den Ausstoss von CO2. Pro Containerwagen werden 75 Prozent weniger Treibstoff benötigt. Wir haben uns 2008 zum Ziel gesetzt, bis 2023 CO2-neutral zu sein.

Lohnen sich die Fahrzeuge wirtschaftlich?
Ja, und dies obwohl die Anschaffungskosten deutlich höher sind. Diese werden durch den geringeren Energieverbrauch und den Wegfall der LSVA kompensiert.

Welche Trends erkennen Sie noch?
Die Information und die Einflussnahme des Kunden: Wann wird eine Bestellung genau ausgeliefert und wohin? Bei Coop@ home geben wir ein Zeitfenster von einer Stunde vor. Vor diesem Hintergrund müssen wir genau wissen, wo sich unsere Ware befindet. Das Tracking ist extrem wichtig. Weiter gibt es den Trend zu einer erhöhten Geschwindigkeit in der Auslieferung. Hier heben wir uns dank der Nähe zum Kunden auch klar von ausländischen Anbietern ab. Schliesslich wollen wir mit der Drohnenlieferung Erfahrungen sammeln.

Wie stark beobachten Sie ausländische Konkurrenten wie Amazon?
Wir verfolgen diese, nicht nur Amazon, sondern auch asiatische Anbieter, sehr genau – aber nicht nur als potenzielle Wettbewerber, sondern weil diese die Logistikwelt mitgestalten. Entscheidend ist die Beurteilung der Innovationen und ihres Einflusses auf die Schweiz.

Wohin wird sich die Logistik in der Schweiz in Zukunft entwickeln?
Das Warenaufkommen dürfte weiter steigen. Insbesondere die Einzellieferungen werden zunehmen. Das hängt unter anderem mit dem Online-Handel zusammen. Für uns bedeutet dies, dass wir unsere Logistiklösungen weiter optimieren müssen.

* Daniel Hintermann ist Leiter der Direktion Logistik und Mitglied der Geschäftsleitung von Coop. Die Direktion Logistik ist eine von acht Direktionen beim Detailhändler Coop und beschäftigt rund 4600 Mitarbeitende. Die Coop-Logistik ist in nationale und regionale Verteilzentralen organisiert. Formate wie Coop City oder Coop Bau & Hobby nutzen eigene Logistiklösungen.

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