1. Home
  2. Digital Switzerland
  3. Die Nokia-Handyfirma setzt beim Comeback auf alte Stärken

Mobilfunk
Nokia ist zurück im Geschäft

Nokia_Handy8110
Nokia 8110: Das neue Handy ist aufklappbar wie die Modelle aus den 1990er-Jahren.Quelle: ZVG

Nokia erlebt eine zweite Blüte. Die einstige Erfolgsmarke setzt auf die Stärken von früher.

Von Thomas Heuzeroth («Die Welt»)
am 26.02.2018

Obwohl der Markt für Smartphones im vergangenen Jahr zum ersten Mal überhaupt geschrumpft ist, kann Florian Seiche seine Freude kaum zurückhalten. «Wir haben ein aussergewöhnliches Wachstum erlebt», sagt der deutsche Manager. Er steht an der Spitze von HMD Global, dem «Home of Nokia Phones», wie sich das finnische Unternehmen umschreibt.

Zum Auftakt der Mobilfunkmesse MWC in Barcelona versprühte Seiche denn auch Selbstbewusstsein: «Nokia-Telefone sind in über 80 Märkten erhältlich und wurden schon in über 170 Ländern aktiviert.»

Anzeige
Florian Seiche: Der Deutsche ist seit letzten Oktober der CEO der Nokia-Handyfirma.

Erstaunliches Comeback

Wachstum? 170 Länder? Nokia? Das Unternehmen hat seine Kritiker vorerst widerlegt, die den finnischen Riesen von einst längst abgeschrieben hatten. Das scheint verfrüht gewesen zu sein. Tatsächlich hat Nokia im vergangenen Jahr ein erstaunliches Comeback hingelegt – wenn auch auf niedrigem Niveau.

Nach den Zahlen der Marktforscher von Counterpoint Research hat es der Hersteller HMD Global von gerade einmal rund 100’000 Geräten in den ersten drei Monaten des Jahres auf 4,4 Millionen Smartphones im Weihnachtsquartal geschafft. Das wäre ein weltweiter Marktanteil von etwa einem Prozent.

Ein Achtungserfolg

HMD Global hätte damit mehr Smartphones verkauft als seine Konkurrenten HTC, Sony, Google oder OnePlus. Beobachter sprechen von einem Achtungserfolg. Demnach wäre Nokia auf Platz elf der weltweit grössten Smartphone-Hersteller vorgerückt. Doch Smartphones sind nur ein Teil des Nokia-Geschäfts. Die Zahl der verkauften Feature Phones liegt deutlich höher. Counterpoint nennt für das Weihnachtsquartal 20,7 Millionen Geräte. IDC zählte im vergangenen Jahr knapp 60 Millionen verkaufte Feature Phones von Nokia. Im Vorjahr waren es nur 35 Millionen.

Feature Phones sind im Unterschied zu Smartphones einfache Mobiltelefone, die sich vor allem für das Telefonieren und Versenden von Kurznachrichten eignen. Neue Anwendungen aus dem Netz lassen sich darauf nicht installieren. Sie verkaufen sich vor allem in Ländern mit geringer Kaufkraft, weil die Geräte deutlich billiger sind als Smartphones.

Nostalgiehandy sorgt für Aufmerksamkeit

Nach Samsung hat sich Nokia im vergangenen Jahr in der Statistik der IDC-Marktforscher auf Platz zwei der grössten Hersteller von Feature Phones vorgekämpft. Counterpoint sieht Nokia inzwischen sogar als Marktführer in diesem Bereich. Im vergangenen Jahr hatte HMD Global bei seinem Auftritt auf der Mobilfunkmesse in Barcelona mit seinem Nostalgiehandy Nokia 3310 für viel Aufmerksamkeit gesorgt.

Nokia_Handy3310
Nokia 3310: Das Nostalgiehandy hat HMD Global letztes Jahr präsentiert.
Quelle: Kyodo News/Getty Images

Am Wochenende präsentierte HMD Global erneut ein Handy im alten Nokia-Design – und will seinen Erfolg aus dem vergangenen Jahr wiederholen. Mit der Neuauflage des Nokia 8110 kommt das Slider-Handy zurück. Nutzer nehmen Telefongespräche an, indem sie den Slider über der Tastatur aufziehen, und beenden sie, indem sie das Telefon wieder zusammenschieben.

Starke Nokia-Marke

Insbesondere bei den Feature Phones profitiert HMD von der in vielen Ländern noch starken Nokia-Marke. Vielerorts wurde Nokia als Synonym für Handy genutzt. Ob sich dieses Image auf Smartphones übertragen lässt, ist fraglich. Nokia setzt bei seinen Geräten auf Design, Strapazierfähigkeit und Zuverlässigkeit. «Das machen aber andere Hersteller auch», sagt Harald Smolak, Telekommunikationsexperte bei der Managementberatung Atreus.

«Smartphones sind ein Volumengeschäft», sagt Smolak. Nur wer grosse Mengen produziert, könne auch Geld verdienen. Tatsächlich verdienen nur zwei Hersteller mit ihren Geräten Geld: Apple und Samsung, wobei Apple den Grossteil der Branchengewinne für sich einstreichen kann. Nokia gehört mit seinen rund 70 Millionen Geräten nicht zu den Herstellern, die einen Grössenvorteil für sich nutzen können.

Skeptische Expertin

Auch Gartner-Analystin Annette Zimmermann beurteilt die Erfolgsaussichten eher zurückhaltend. An einen Bedarf für ein einfaches Zweithandy in Westeuropa glaubt die Telekommunikationsexpertin nicht. Für einfache Handys sei der Preis der Nokia-Geräte noch zu hoch. «Ich bezweifle, dass sie einen derartigen Aufpreis für die Marke verlangen können», sagt Zimmermann. Um wirklich aggressiv Marktanteile gewinnen zu können, seien die Geräte zu teuer.

Nokia hat eine bewegte Vergangenheit. Noch vor zehn Jahren hatten die Finnen einen Weltmarktanteil von 40 Prozent. Doch der Konzern machte grobe Fehler. Er verschlief den Trend zum Klapphandy und ignorierte die Gefahr, die Apples iPhone darstellte. Am Ende flüchtete sich das Smartphone-Geschäft von Nokia in die Arme von Microsoft.

Doch auch der Tech-Konzern aus Redmond hatte mit Nokia keine glückliche Hand. 2016 kaufte HMD Global die Patente und Nokia-Markenrechte von Microsoft. Andere Teile, darunter die Nokia-Fabriken und die Forschung und Entwicklung, gingen an eine Foxconn-Tochter, mit der HMD Global nun eng zusammenarbeitet. Auf diese Weise hofft das Unternehmen, in dem noch viele ehemalige Nokia-Mitarbeiter beschäftigt sind, die Nachteile des immer noch kleinen Marktanteils ausgleichen zu können. Foxconn produziert unter anderem auch in grosser Zahl iPhones für Apple.

HMD setzt auf Android

Inzwischen läuft auf den Nokia-Smartphones nur noch Googles mobiles Betriebssystem Android. Im Unterschied zu anderen Herstellern belässt HMD Global die Software in ihrem Ursprungszustand und nimmt keine Veränderungen vor. «Unser Engagement für ein reines, sicheres und aktuelles Android hat uns dabei geholfen, viele unserer Innovationsziele wie eine bessere Akkulaufzeit und regelmässige Sicherheitsupdates zu erreichen», sagte HMD-Produktchef Juno Sarvikas in Barcelona. Für die Nutzer von Android-Smartphones sind Update-Verzögerungen häufig ein Ärgernis.

Die Nokia-Ambitionen sind gross. «Unser Ziel ist es, innerhalb der kommenden drei bis fünf Jahre wieder zu den Top-3-Smartphone-Herstellern zu gehören«, sagte HMD-Global-Chef Seiche im vergangenen Jahr im WELT-Gespräch. «Dort sind heute Samsung, Apple und Huawei. Das ist unser Anspruch. Zusammen mit Foxconn und mit unserer Marke können wir das schaffen.»

Breite Auswahl als Stärke

Nokias Stärke ist nach wie vor eine breite Auswahl von Geräten. Vom günstigen Nokia 105 bis hin zum deutlich teureren auf der Mobilfunkmesse vorgestellten Nokia 8 Sirocco gibt es die Handys in allen Preiskategorien. Kritiker bezeichnen die Geräte eher als solide. Neue Funktionen wie das Bothie, also ein Selfie, das zugleich ein Foto mit der Front- und der Rückkamera aufnimmt, haben jedoch wenig Begeisterung hervorgerufen.

Nokia_Handys
Die neue Produktpalette: das Nokia 1 (v.l.), Nokia 8, Nokia 7 Plus, Nokia 6 und Nokia 8110.
Quelle: ZVG

In Barcelona präsentierte HMD gleich fünf neue Mobiltelefone, die trotz neuester Technik als Nokia-Handys zu erkennen sind. Der Hersteller zeigte auch das Nokia 1 mit der neuesten Android-Version Oreo in der abgespeckten Go-Edition, die weniger Hardware-Ressourcen benötigt als andere Android-Versionen. Auf diese Weise kann HMD Global das Nokia 1 in Deutschland für knapp 100 Euro anbieten.  Wer Nokia noch von früher kennt, wird das eine oder andere Design-Feature wiedererkennen. Das Nokia 1 bringt die Xpress-on-Cover zurück. Damit können Nutzer in Sekundenschnelle die Hülle des Gerätes austauschen und nach ihrem Geschmack anpassen. Mit seinen austauschbaren Hüllen hatte Nokia früher grossen Erfolg.

Der Artikel erschien zuerst bei der «Welt» unter dem Titel: «Beim Comeback setzt Nokia auf den Nostalgie-Bonus».