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Andrew Keen: «Facebook ist unehrlich und schleimig»

Andrew Keen: «Wir müssen lernen, uns im Internet mehr zu disziplinieren.»   Senn/Keystone

Der Internetkritiker Andrew Keen über die negativen Auswirkungen der digitalen Revolution, seine Kritik am Silicon Valley und warum sich Konzerne wie Facebook und Google ändern müssen.

Von Tim Höfinghoff
am 29.09.2015

Haben das Internet und die digitale Revolution die Welt besser oder schlechter gemacht?
Andrew Keen*:
Es gibt Bereiche, in denen das Internet sehr problematisch ist. Es führt zu Ungleichheit, trägt zur Zerstörung der Mittelschicht bei – in ökonomischer und kultureller Hinsicht. Und es hat zur Krise auf dem Arbeitsmarkt ­beigetragen. Es führt zu einem Wirtschaftssystem, in dem alles überwacht und kontrolliert wird. So gesehen hat das Internet die Welt schlechter gemacht.

Dabei wurde uns Verbrauchern doch stets ­vermittelt, dass die digitale Revolution viele Vorteile habe: Mehr Demokratie, mehr Wohlstand.
Wo sind die Belege für mehr Wohlstand? Ich sehe sie nicht. Natürlich gibt es mehr Wohlstand, wenn Sie Ihre Firma für eine Millardensumme verkaufen, aber das trifft nur für sehr wenige Menschen zu.

Wer trägt die Schuld an diesem Trend?
Es ist nicht richtig, Individuen die Schuld  zu geben. Wir müssen das komplexer betrachten, aus Sicht von Geschäftsmodellen: Der Kern der digitalen Ökonomie ist, dass der Gewinner alles nimmt und neue Monopole entstehen. Ich glaube nicht, dass wir den Unternehmern im Silicon Valley die Schuld geben sollten. Die Mitarbeiter dort sind keine schlechten Menschen, aber sie sind Gefangene dieses neuen Systems, in dem wir unsere Inhalte an Plattformen verschenken. Es geht um ein Geschäft mit unseren Daten.

Google ist damit besonders erfolgreich. Stört Sie das?
Google ist gefährlich, weil es ein Monopolist ist. Ich störe mich nicht daran, dass Google inkompetent wäre, sondern daran, dass Google zu gut in dem ist, was es tut. Der Konzern kontrolliert in Europa rund 90 Prozent der Internetsuche. Google nutzt seine Stärke auch für YouTube, den Kartendienst und seine ­Android-Plattform. Ich fürchte, dass durch Googles Stärke Innovation und Unternehmergeist leiden. So verteidigt Google sein Geschäftsmodell, das auf Werbeeinnahmen basiert. Als – ironischerweise – ehemalige Google-Mitarbeiter begannen, ein Programm anzubieten, das Werbeanzeigen im Netz blockiert, und ihre App für die Android-Plattform offerieren wollten, hat Google alles darangesetzt, diese App zu unterbinden. Das zeigt, dass Google seinen Einfluss in verschiedenen Märkten nutzt, um sein Geschäftsmodell zu promoten. Das ist ein grosses Problem.

Doch viele Verbraucher erfreuen sich an dem grossen Google-Angebot, das kostenlos ist.
Es ist nicht kostenlos. Vielen Nutzer ist nicht bewusst, wie Google ­seine Nutzer monetarisiert. Google ist kein öffentlicher Versorgungs­anbieter. Google ist ein grosser Datenkonzern. Jedes Mal, wenn wir Google nutzen, lernt Google mehr von uns, was unsere Vorlieben sind. Was mir machen, wo wir hingehen, wer wir sind. Die Werbe­anzeigen, die wir zu sehen bekommen, reflektieren oft dieses Wissen, das Google über uns hat. Ich denke, die meisten Menschen lehnen diese Art der Überwachung ab, sie wollen Privatsphäre.

Ist uns Nutzern nicht bewusst, was wir alles hergeben?
Ich bin mir nicht sicher, ob die meisten Menschen genau verstehen, was sie hergeben. Google hat ein sehr kluges Branding und präsentiert sich als ein Anbieter, der uns viele Vorteile bietet.

Ist Facebook besser?
Facebook ist schlimmer als Google. Facebook ist unehrlich und schleimig. Facebook-Chef Mark Zuckerberg spricht stets davon, wie er die Welt verbinden will. Das macht er nur aus einem Grund: Damit sich jeder auf Facebook anmeldet und so der Wert des Unternehmens noch weiter steigt. Ich bin besorgt, wie er versucht, das Internet zu übernehmen und in eine Art Facebook zu verwandeln. Internet.org soll in Afrika den Menschen kostenlos Internet bieten. Doch das ­Internet, das die Menschen bekommen, ist im Wesentlichen Facebook.

In Europa stört viele Leute, dass Facebook Bilder von Brustwarzen zensiert, aber kaum etwas gegen Hass-Kommentare unternimmt.
Facebook profitiert von unseren Inhalten. Davon hängt dessen Profitabilität ab. Wenn IS-Terroristen anderen Menschen den Kopf ­abschlagen und solche Inhalte im Netz hochgeladen werden, dann werden diese oft monetarisiert. Das Geschäftsmodell vieler Internetfirmen ist problematisch, wenn sie Werbung rund um die Inhalte verkaufen, die Nutzer erstellt haben.

Müssen wir Nutzer nicht unser Verhalten ändern? Oder sind wir längst abhängig geworden von diesen Angeboten?
Immer mehr Jugendliche sind abhängig von Internetangeboten und wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen. Natürlich ist es keine Sucht wie bei Alkohol und Drogen, aber Abhängigkeiten haben ­immer Nachteile. Wir müssen lernen, uns mehr zu disziplinieren. Ich glaube nicht, dass es Gesetze braucht, die den Menschen verbieten, das Internet zu nutzen, oder die zeitliche Nutzung begrenzen. Doch Regulierung ist wichtig.

Sehen Sie denn nicht auch die vielen Vorteile, die Google, ­Facebook und Co bieten?
Klar gibt es viele Vorteile durch das Internet, besonders was die Kommunikation angeht. Das Netz hat das Leben vieler Menschen verändert. Das ändert aber nichts daran, dass Themen wie Ungleichheit, Arbeitsmarkt und Überwachung verschwinden. Ich bewundere vieles, was die digitale Revolution uns gebracht hat. Man muss auch die Schattenseiten sehen.

Sie argumentieren oft mit Jobs, die verschwinden würden. Doch die Digitalisierung schafft auch neue Jobs.
Wo entstehen denn neue Jobs? Sicherlich gibt es neue Jobs, aber schauen Sie sich mal das Unternehmen Kodak an. Kodak beschäftigte 135 000 Mitarbeiter. Instagram beschäftigt 15 Leute. Wie erleben jetzt, wie vernetzte Computer viele Jobs vernichten. Selbstfahrende Autos brauchen keinen Fahrer mehr. Drohnen ersetzen Lieferanten. Das Problem ist, dass nur wenige neue Jobs entstehen.

Wer sollte in einer Marktwirtschaft bestimmen, welche Jobs überleben?
Die Realität einer unregulierten Ökonomie ist, dass es einen darwinistischen Prozess gibt, bei dem wir um die verfügbaren Jobs kämpfen. Nur die Schnellsten und Klügsten gewinnen. Wenn die digitale Revolution zu einer Situation führt – wie es viele Menschen befürchten –, in der die meisten Jobs verschwinden, können wir es nicht nur den freien Marktkräften überlassen. Das zerstört unsere Zivilisa­tion. Menschen müssen arbeiten, sie brauchen einen Sinn im Leben. Die neuen Technologien verhindern das.

Früher fürchteten sich Menschen auch vor neuen Technologien und argumentierten mit Arbeitsplatzverlust. Dann hatten sie dennoch gute Ideen und schufen neue Jobs.
Ich halte nichts von dem Argument, dass, nur weil es in der Vergangenheit so war, es auch in der Zukunft so sein wird. Wir haben noch nie zuvor eine Technologie geschaffen, die das menschliche Gehirn kopiert. Wir bauen gerade Maschinen, die mit der Menschheit um Intelligenz konkurrieren.

Gibt es eine positive Entwicklung?
Ich bin kein Apokalyptiker. Ich fürchte aber, dass die normalen Jobs ­verschwinden werden. Auch Anwälte, Buchhalter, Ärzte müssen sich sorgen. Ironischerweise ist die sogenannte intelligente Arbeit viel einfacher durch Maschinen zu ersetzen.

Gibt es Branchen, die verschont bleiben?
Vom digitalen Wandel sind alle Branchen betroffen. Allerdings scheint das Staatswesen mit seiner Bürokratie davon ein wenig ausgenommen.

Der digitale Wandel bringt Disruption. Warum soll es schlecht sein, wenn es neue Anbieter wie den Fahrdienst Uber und das ­Übernachtungsportal Airbnb gibt, die der verschlafenen Taxi- und Hotelbranche ein wenig Beine machen?
Dagegen ist nichts zu sagen. Aber bezüglich Airbnb: Das Hotel- und Gastgewerbe beschäftigt Hunderttausende Menschen, nun können wir mit Airbnb auch unsere Zimmer vermieten. Aber sind das echte Jobs? Wollen wir in einer Welt leben, in der wir mit einem Uber-Auto fahren und unsere Wohnung vermieten? Wir werden Teil eines Prekariats, wenn wir unsere Arbeitskraft auf diesen Plattformen offerieren und diese Anbieter damit eine hohe Marge erzielen. Ich bin sicher nicht dafür, ineffiziente und korrupte Industriezweige zu schützen. Uber hat das Taxigewerbe durchgeschüttelt – ein ­System, das veraltet, bisweilen korrupt ist und oft einen schlechten Dienst am Kunden leistet. Das bedeutet jedoch nicht, dass ich eine Ökonomie bevorzuge, in der wir alle selbstständig sind und unsere Arbeitskraft auf solchen Plattformen anbieten. Es drückt das Lohnniveau, nur die Besitzer dieser Plattformen profitieren.

Sind Sie nicht überkritisch? Brauchen Sie Ihre starken Thesen, um Ihre Bücher zu vermarkten?
Das ist ein absurdes Argument. Ich schreibe Bücher, in denen ich starke Thesen vertrete. Ich leugne nicht, dass das Internet viele Vorteile bietet und Technologie in manchen Fällen die Welt verbessert. Aber ich bin nicht übermässig pessimistisch. Ich denke, das Internet muss die Lösungen liefern.

Wie gehen Sie persönlich mit dem digitalen Wandel um? ­Nutzen Sie Facebook?
Ich bin nicht bei Facebook, ich nutze Twitter, allerdings nicht so oft. Und E-Mails natürlich. Twitter war anfangs interessant, ist mittlerweile aber langweilig und erwartbar geworden. Twitter hat Vorteile, weil es vertrauenswürdiger als Facebook ist und unsere Privatsphäre nicht so stark ausnutzt. Das Problem ist, dass viele Menschen besessen davon sind, was gerade auf Twitter passiert. Das wirkt alles sehr trivial und man kann auch nicht in 140 Zeichen gut kommunizieren. Schlimm ist, dass wir gefangen sind in dem ständigen Jetzt und Sofort, es gibt keine Erinnerungen auf Twitter. Die Twitter-Gemeinde stolpert von einem Aufreger zum nächsten Thema. Es gibt ­keinen Sinn für die Zukunft. Und wir sehen auf Twitter nur das, was wir sehen wollen. Das ist ein generelles Problem des Internets.

Sie wirken sehr altmodisch. Ihre Kinder müssen ja ein ­schweres Leben haben. Dürfen sie überhaupt ins Internet?
Ich bin nicht altmodisch. Ich nutze neue Technologien, ­vernetze mich und lebe ein modernes, mobiles High-Tech-Leben, vor allem weil ich viel unterwegs bin. Ich lasse meine Kinder tun, was sie wollen. Als Vater versuche ich nicht ­überzureagieren. Ich würde niemals einem 8-jährigen Kind erlauben, alleine durchs Internet zu surfen. Aber mein 17 Jahre ­alter Sohn und meine 13 Jahre alte Tochter sind alt genug, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Wüsste ich, dass meine 13-Jährige pornografisches Material anschaut und mein 17-Jähriger Internet-Mobbing betreibt, würde ich eingreifen.

Sie waren früher selbst Internetunternehmer, gründeten ­Audiocafe und sind damit gescheitert. Kritisieren Sie deshalb so hart die Internetbranche und alles, was im Silicon Valley passiert?
Das ist ein dummes, kindisches Argument. Das Audiocafe-Abenteuer war ein Flop, weil es kein Geld einbrachte. Auf der anderen Seite war es eine spannende Erfahrung. Ich würde ­vieles im Leben anders machen, doch Audiocafe würde ich genauso wieder machen. Ausserdem gibt es im Internet ein Problem: Man sagt gerne, du machst dieses oder jenes nur, weil du bitter, böse oder neidisch bist. Das ist absurd. Ich glaubte damals an diese Idee, und wer wäre nicht gerne ein erfolgreicher Internetunternehmer? Doch ich bin auf diese Leute nicht neidisch, habe ein sehr angenehmes Leben.

Was läuft falsch im Silicon Valley?
Es gibt eine reiche Elite in San Francisco, die alle anderen ­verdrängt. Diese Elite hat oft keinen Respekt gegenüber ­denjenigen Menschen, die sich weniger glücklich schätzen können. Was in San Francisco abläuft, ist eine Warnung für die Zukunft.

Was kann Europa vom digitalen Wandel in den USA lernen?
Europa kann besonders auf politischer Ebene viel tun. In den USA ist die Obama-Regierung finanziell stark von Silicon Valley abhängig. Besonders Google dominiert Washington, ist einer der grössten Lobbyisten. Europa könnte eine Vorreiterrolle bezüglich Regulierung und Wettbewerbsrecht sowie Regeln zur Privatsphäre einnehmen.

Warum sollte mehr Regulierung die Antwort auf die vielen ­Internetprobleme sein?
Es ist eine Lösung, wenn man Monopole wie Google hat, die ihre Machtstellung missbrauchen. Wir bauchen Gesetze, die das Verhalten im Internet regeln und die Privatsphäre schützen. Europa ist Pionier bei vielen dieser Themen, das wirft ein gutes Licht auf Europa. Wenn ­europäische Politiker gegen diese Konzerne vorgehen und Big Tech bekämpfen, sollten wir applaudieren.

Das Internet ist 25 Jahre alt, nun wird es noch mehr vernetzt: Ob Kleidung, im Auto – das Internet der Dinge entsteht. Wo ­sehen Sie die nächsten Gefahren?
Mit dem Internet der Dinge und der Möglichkeit, wirklich ­alles zu vernetzen, können wir noch besser als bisher überwacht werden. Zu Hause, im Auto, in unserer Kleidung, überall. Das Internet der Dinge wirft nochmals ein Schlaglicht auf das Thema Überwachung.

Gibt es eine Lösung?
Es gibt mehrere Lösungen. Ich glaube, dass das bisherige ­Modell, wonach Angebote im Netz nichts kosten, ausgedient hat. Es führt lediglich zu einer auf Überwachung basierten Ökonomie. Wir müssen lernen damit aufzuhören, für Dinge nicht mehr zu bezahlen. Daher würde ich auch mehr Apple als Google vertrauen. Das Apple-Geschäftsmodell basiert stärker darauf, etwas zu verkaufen. Apple ist weniger an den Daten der Nutzer interessiert.

Apple weiss auch, welche Musik und welche Filme die Kunden herunterladen.
Das Apple-Geschäftsmodell besteht im Kern nicht darin, ­unsere Nutzerdaten an die Werbeindustrie zu verkaufen. Ich vertraue Apple nicht, weil der Konzern besser ist, sondern weil er primär Gewinn damit macht, uns iPhones und andere ­Geräte zu verkaufen.

*Der 1960 in London geborene Andrew Keen ist Buchautor und Redner. Er lehrte an verschiedenen Universitäten in den USA. 1995 gründete er das Unternehmen Audiocafe.com, das von Intel und SAP finanziell unterstützt wurde. Im Jahr 2000 scheiterte das Projekt. Keen veröffentlichte mehrere Bücher, zuletzt das Werk «Das digitale Debakel», in dem er die Internetwirtschaft angreift. Der Autor lebt mit seiner Familie in Berkeley, Kalifornien.

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