John Sculley? Obwohl er zehn Jahre lang Apple-CEO war, ist der amerikanische Unternehmer und Investor fast nur noch Mac-Usern ein Begriff. Doch momentan feiert der 76-Jährige eine Art Revival. Im Kinofilm «Steve Jobs» ist er - gespielt von Jeff Daniels - prominent zu sehen. Andere erinnern sich vielleicht an einen Werbeslogan von Pepsi-Cola aus den 1980er-Jahren, ohne zu wissen, dass John Sculley ihn geprägt hat: «The Choice of a New Generation». Die «Handelszeitung» sprach mit ihm hingegen über seine heutigen Ambitionen sowie den digitalen Wandel.

Welche Beziehungen haben Sie geschäftlich und persönlich zur Schweiz?
John Sculley*: Ich war in den vergangenen 40 Jahren viele Male in Zürich sowie an anderen Orten, und es hat mir immer gut gefallen. Geschäfte habe ich in der letzten Dekade in der Schweiz keine gemacht.

Weshalb treten Sie anlässlich des Worldwebforum am 28. Januar 2016 in Zürich als Keynote Speaker auf?
Weil ich gebucht wurde. Im Ernst: Mein Auftritt wird ein Talk sein, währenddessen ich interviewt werde. Das Interesse besteht wohl darin, dass ich von meinen aktuellen Engagements berichte sowie einige meiner Erfahrungen teile.

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Die da wären?
Als Unternehmer bin ich vor allem im Konsumgüterbereich aktiv, beispielsweise als Mitgründer beim Smartphone-Startup Obi Worldphone oder bei Zeta Interactive, eine auf die Big-Data-Analyse spezialisierte Marketing-Cloud-Firma, die kürzlich 125 Millionen Dollar von der US-Investmentgesellschaft Blackstone erhalten hat. Zudem wirke ich im Gesundheitswesen mit, beispielsweise als Vice Chairman von MD Live, einer der grössten Telemedizinfirmen in den Vereinigten Staaten. Und selbstverständlich investiere ich weiterhin in Hightech-Startups, beispielsweise als Vice Chairman ins Fintech-Unternehmen Neft, das seine Online-Plattform mPower-Credit nächstes Jahr lanciert.

Ihr Fokus als Entrepreneur?
Ich fokussiere primär auf Unicorn-Startups, sprich innovative Jungunternehmen mit einer Marktbewertung von mehr als 1 Milliarde Dollar beziehungsweise solche, die kurz vor dieser Schwelle stehen. Ich bin jeweils ein signifikanter Investor und oft auch im Verwaltungsrat. Generell fokussiere ich auf Industrien, die gerade durch die digitale Transformation gehen. Es sind keine Firmen, deren Wert nur auf moderner Technologie basiert, sondern deren Wert darauf basiert, was sie mit moderner Technologie machen, um neue Dienstleistungen zu kreieren.

Warum engagieren Sie sich?
Weil es für Entrepreneurs äusserst gute Zeiten sind, um sich in transformativen Startups zu engagieren und sie mitzugestalten. Wenn man ein Geschäftsleitungsmitglied in einer grossen, etablierten Firmaist, dann sollte man auf die Startups mit disruptiven Innovationen besonders achtgeben. In der Unternehmerwelt gibt es zurzeit sehr viele Wege, wie neue Firmen traditionelle Geschäftsmodelle und ihre führenden Konzerne ersetzen können.

Genau zu diesem Thema haben Sie letztes Jahr ein Buch veröffentlich mit dem Titel «Moonshot! Game Changing Strategies to Build Billion Dollar Businesses». Geht das so leicht?
In Anlehnung an die erste Mondlandung ist Moonshot im Silicon Valley eine Metapher dafür, dass etwas dermassen signifikant ist, dass bei dessen Lancierung die Welt am nächsten Tag nicht mehr so ist, wie sie davor war, zum Beispiel die Einführung des iPhone oder das Aufschalten des World Wide Web.

Ihr Moonshot?
Mein Moonshot, über den ich im Buch geschrieben habe, sind Big Data und die Cloud, die dermassen durchdringend und gleichzeitig günstig werden, dass es ein unternehmerisches Verbrechen ist, davon nicht zu profitieren. Die Leichtigkeit des Datenspeicherns in der Cloud hat die Art und Weise nachhaltig verändert, wie wir Informationen verwalten und abrufen. Das Resultat ist eine Machtverschiebung, die nicht erst passiert, sondern die bereits am Laufen ist - weg vom Traditionellen zum Transformativen. Nicht mehr die Marketingbudgets der Konzerne sind entscheidend, weil die Konsumenten sich untereinander austauschen und so den Wert eines Brands oder Services bestimmen. Auch darüber werde ich am Worldwebforum sprechen.

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In der Schweiz suchen viele arrivierte Konzerne fieberhaft nach dem Erfolgsschlüssel, um ihre traditionellen Geschäftsmodelle im Sinne des digitalen Wandels richtig zu transformieren. Ihr Rat?
Es ist nicht einfach, wenn man es noch nie gemacht hat. Es lohnt sich, auf Digital Natives zu setzen. Viele junge Manager zwischen 20 und 40 Jahren akzeptieren nicht, dass etwas nicht geht. Oft versuchen sie es mit eigenen Startups, aber auch Konzerne können sich dieses Wissen zunutze machen und in kurzer Zeit zu mehr Grösse skalieren.

Eine solche Erfolgsgeschichte?
Uber, auch wenn viele nicht verstehen, wie es möglich ist, dass man so rasch so kreativ sein kann. Das mag für viele zwar ein aussergewöhnliches Beispiel sein, doch in der Realität ist es das nicht. Alleine in den USA gibt es heute mindestens 150 Unicorn-Startups, die mit mehr als 1 Milliarde Dollar bewertet sind - obwohl einige überschätzt sein dürften.

Droht eine Unicorn-Blase?
Meiner Meinung nach wird die Welt nicht kollabieren und diese jungen Firmen werden nicht alle verschwinden. Der exponentielle Fortschritt bei neuen Produkten und Dienstleistungen ist real. Die erfolgreichsten Startups nehmen sich etablierte Industrien vor und ersetzen deren Ineffizienz, indem sie die Vorteile der Cloud oder des Internet of Things ausnutzen. Das ist nicht auf den Konsumgüterbereich limitiert. Selbst gigantische Technologiekonzerne wie GE, Cisco, IBM oder Intel sind betroffen. Sie machen ihre Zukunft von ihrem digitalen Wandel abhängig. Die Automation ersetzt bald Managerjobs durch smarte Maschinen.

Haben Sie als potenzielle Game Changer schon Schweizer Startups auf dem Radar?
Um ehrlich zu sein, nicht wirklich. Aber ich war lange nicht mehr in der Schweiz und habe noch nicht versucht, hier eine Firma zu gründen. Die Einwohnerzahl ist zwar relativ klein, trotzdem hat das Land eine grosse Chance: Ihren hochgebildeten Talentpool und sehr viele erfahrene Geschäftsleute. Zudem ist das globale Netzwerk der Schweiz nicht zu unterschätzen, was das Land ziemlich einmalig macht.

Eine gute Gelegenheit, dass Sie bald hier sind. Unter den fünf Hauptsponsoren des Worldwebforum befinden sich namhafte Konzerne, die Gründungsmitglieder der Standortinitiative DigitalZurich2025 sind, welche Zürich zum führenden digitalen Innovationshub in Europa machen will.
Davon höre ich jetzt zum ersten Mal. Aber ich liebe es, von solchen Plänen zu hören. Ich sehe auch keinen Grund, warum das nicht gelingen könnte.

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Wieso glauben Sie das?
Tel Aviv macht es gerade vor. Israel und die Schweiz haben einige charakteristische Gemeinsamkeiten. Also eine durchaus erreichbare Ambition, sofern das Land für ausländische Talente offen bleibt. Das ist eine der zentralen Herausforderungen - das ist eines der fundamentalen Erfolgsgeheimnisse des Ökosystems im Silicon Valley: Jeder darf kommen und bleiben und von Firma zu Firma wechseln.

Unsere Hürde diesbezüglich ist, dass wir nach einer Volksabstimmung die Masseneinwanderung beschränken und damit die Personenfreizügigkeit mit der EU riskieren - was Ihrem Ansatz widerspricht.
Ich bin offensichtlich kein Experte für Schweizer Politik. Doch Talent muss von überall rekrutiert werden können und darf daher nicht limitiert sein, wenn man eine dynamische Startup-Szene haben will. Eine Alternative ist, dass sich das digitale Zürich in der virtuellen Welt ein neues Arbeitsmodell ausdenkt, bei dem man nicht zwingend physisch vor Ort sein muss. Ich bin aber nicht in der Position, den Standortförderern Ratschläge zu erteilen.

Zum Schluss zu Ihrem jüngsten Baby: Obi Worldphone. Wieso lancieren Sie bald ein neues Smartphone?
Nicht als Konkurrenz zu Apple, sondern weil sich im Sog des iPhone alle Hightech-Hersteller nur auf das Premiumsegment konzentrieren und niemand ein Budgetprodukt auf den Markt bringt, das im Design genauso gut ist, jedoch auf Android basiert. Die Technologie ist nämlich nicht das Problem, weil wir mit den grössten Zulieferern arbeiten. Trotz tieferen Preisen planen wir, damit Geld zu verdienen.

Wie soll das gehen?
Wir steigen nicht in den gesättigten Märkten in Amerika, Zentraleuropa oder China ein, sondern in rund 70 Schwellen- und Entwicklungsländern, in denen sich die Menschen kein iPhone für 800 Dollar leisten können. Ein Obi Worldphone kostet weniger als 200 Dollar.

* John Sculley war schon früh von der Elektronik begeistert. Im Alter von 14 Jahren erfand er eine Bildröhre für Farbfernseher. Sein Patentantrag wurde jedoch abgelehnt, da ein Wissenschafter kurz vor ihm genau dieses Prinzip patentieren liess: Es bildete die Basis für die Trinitron-Röhre von Sony. Auf Wunsch seines Schwiegervaters Donald M. Kendall, des damaligen Präsidenten von Pepsi-Cola, trat Sculley 1967 als Trainee ins Unternehmen ein. Zehn Jahre später wurde er der jüngste Konzernchef. 1983 holte ihn Steve Jobs zu Apple. Während Sculleys Amtszeit als CEO wurde der Mac zum meistverkauften PC der Welt. 1985 verdrängte er Jobs - musste Apple aber 1993 selbst verlassen. Seither engagiert sich Sculley als unabhängiger Unternehmer, Investor und Berater. Finanziell unterstützt er Hightech-Startups, vor allem in den Bereichen Konsumgüter, Gesundheitswesen, Big Data und Fintech.

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