1. Home
  2. Digital Switzerland
  3. Der Selfie-Boom wird für diese Firmen lukrativ

Foto
Der Selfie-Boom wird für diese Firmen lukrativ

Touristin posiert für ein Selfie in Zürich: Foto als Wirtschaftsfaktor. Keystone

Die Bewerbung per Selfie wird wohl die Ausnahme bleiben, Zahlungen per Augenaufschlag sind wahrscheinlicher. Diverse Branchen erkunden, wie sich mit Schnappschüssen Profit machen lässt. Ein Überblick.

Von Stefan Mair
am 02.08.2016

Das Selfie ist die am meisten genutzte Fototechnik unserer Zeit. Es erobert immer mehr Wirtschaftsbereiche - und zwingt Firmen zur Anpassung. Vier Beispiele:

1. Bezahlen per Wimpernschlag

Zahlungen per Wimpernschlag will das Kreditkartenunternehmen Mastercard ermöglichen. Anfang des Jahres kündigte die Firma an, dass das System des Zahlens per Selfie in der zweiten Jahreshälfte starten soll. Tests in den USA und den Niederlanden sollen die Meinungen der Nutzer zum Thema erfassen. In einem ersten Schritt soll das Selfie beim Bezahlvorgang als optionale Identifizierungsfunktion dienen.

Für Mobile-Payment-Anbieter ist das Selfie eine interessante Methode. Nicht nur ein Code oder NFC-Kontakt, sondern ein Lächeln gibt den Zahlungsvorgang frei. Die Identifikation des richtigen Karteninhabers soll dadurch so schnell und so leicht wie noch nie werden. Nur Blinzeln muss der Handy-Besitzer dann noch, und schon wird das Foto mit einer Vorlage abgeglichen, welche den Authentizitätscheck komplettiert.

Auch Firmen wie Google und Apple arbeiten intensiv an Gesichtserkennungstechnologien, die dann für Zahlungssysteme eingesetzt werden können. Eine Schweizer Firma, die von Apple gekauft wurde, nämlich Faceshift, könnte hier wichtige Vorarbeiten geleistet haben. Dort wird zwar die Mimik von menschlichen Schauspielern auf Videospielfiguren übertragen. Aber die Technik von Faceshift hätte auch alle Voraussetzungen, ein Identifikationssystem per Selfie im Zahlungsuniversum von Apple zu unterstützen. Das Ziel der Bemühungen ist klar: Das schnelle Selfie soll der biometrische Identifkationsmodus der Teenager werden.

2. Selfie als Bewerbung

Eine Bewerbung per Selfie klingt erst mal abwegig und wenig seriös. Wenn man sich aber die jungen Anbieter genauer anschaut, die mit Foto- und Videoselfies arbeiten, erscheint das Konzept plausibel. Portale wie Selfiejobs, Impress-Me, Snagajob wollen das coolere LinkedIn werden. Arbeitgeber und Bewerber finden sich nach dem Tinder-Prinzip: In kurzen und aussagekräftigen Videos werben Kandidaten für sich. Das soll die Jobsuche unkompliziert und intuitiv gestalten - wie die Buchung eines Airbnb-Zimmers.

Die Gründer der Portale geben zwar zu, dass sich die Quick Selfie-Bewerbung eher für Jobs im Bereich Verkauf, Marketing oder in kreativen Branchen eignet. Dort seien sie aber viel aussagekräftiger als ein schriftlicher Lebenslauf. Auf der anderen Seite müssen auch Arbeitgeber Selfies in ihre Employer-Branding-Strategie integrieren. Viele Firmen haben inzwischen Profile auf Snapchat oder Instagram (etwa Swiss, IWC). Ohne Personalisierung und authentische Selfies geht die Social-Media-Strategie dort ins Leere.

3. In Pose für den Onlinehändler

Schlecht beleuchtete Umkleidekabinen waren gestern. Heute muss die Kabine mit perfektem Fotolicht ausgestattet sein, damit sich der Selfie-Süchtige gezielt und erfolgreich in Pose setzen kann. Immer mehr Mode-Detailhändler nutzen die Bilder für ihr Geschäft und entwickeln geschickte Strategien, um via Selfie mit den Kunden zu kommunizieren. Online-Versandhändler beispielsweise versuchen an die Umkleide-Selfies anzudocken. Der Modehändler Zappos in den USA gibt allen Nutzern, die ein Selfie mit dem Hashtag #nextOOTD posten, eine Modeberatung, die auf den geposteten Selfies in den sozialen Medien basiert. Natürlich mit dem Ziel, sie aus der Umkleidekabine raus und in den Online-Shop hinein zu locken.

Die Selfies in der Umkleidekabine sind zudem Basis für das sogenannte Social Shopping. Mädchen und Jungs brauchen keine Mutter oder keine Kollegen mehr, die sie vor der Umkleidekabine beurteilen, sondern vergleichen ihren Look bei Apps wie Fitbay mit anderen Selfies. Bei Fitbay sehen Nutzer, wie Kleidungsstücke bei anderen Menschen mit ähnlichen Massen aussehen.

Wer sich selber in die Datenbank stellen will, muss seine genauen Körpermasse angeben und wird dann von anderen Nutzern gefunden, die ein realistisches Gefühl für das neue Kleid bekommen. Das Selfie aus der Umkleide wird damit zu einem hilfreichen Tool, mit dem man andere berät, während man selbst von der virtuellen Modekritik profitiert.

4. Selfie als Marketing-Tool

Selfies in ihre Marketingarbeit zu integrieren, ist das Ziel von vielen Firmen. Die einen veranstalten Selfie-Wettbewerbe (Turkish Airlines), die anderen spenden für jedes Selfie zu einem gewissen unternehmensnahen Thema 1 Dollar (Johnson & Johnson) und kleine Friseursalons verschenken inzwischen Haarpflegeprodukte für jedes Frisuren-Selfie, das mit dem Hashtag oder dem Link des Salons verknüpft wird.

Das Selfie-Prinzip hat eine neue Marketing-Gattung mitgeprägt. Sie nennt sich Earned Media und bezeichnet Inhalte, die von Internetnutzern selber produziert werden. Abgegrenzt wird die Gattung von Paid Media (Zeitungsanzeige) und Owned Media (Firmenwebseite). Experten sehen diese Selfie-Gattung als besonders chancen-, aber auch risikoreich.

Risikoreich deshalb, weil ihre Effekte kaum zu steuern sind. Kein Social-Media-Manager kann eine Selfie-Kampagne starten und ausschliessen, dass sie sich am Ende nicht gegen die Firma wendet, weil er die Dynamik im Netz kaum kontrollieren kann. Anderseits ist Earned Media via Selfies billig und kann im besten Fall auch Menschen erreichen, die bisher nichts mit dem Produkt oder der Firma zu tun haben. Mit Belohnungen lässt sich das Risiko teilweise minimieren. Die Mövenpick-Hotelgruppe versucht etwa die Unsicherheit zu reduzieren, indem User, die einen explizit schönen Moment in ihren Hotels veröffentlichen, damit automatisch an einer Verlosung für einen Aufenthalt in einem Luxus-Fünf-Sterne-Haus teilnehmen.

Anzeige