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Finma gibt Starthilfe für die Fintech-Revolution

Finma-Chef Branson (li.) und SNB-Präsident Jordan: Es zeichnet sich ein Umdenken ab. Keystone

Jungunternehmen hatten am Finanzplatz Schweiz bislang einen schweren Stand. Jetzt zeichnet sich bei der Aufsichtsbehörde ein zaghaftes Umdenken ab. Die Branche atmet auf.

Von David Vonplon
am 27.11.2015

London rollt der Fintech-Branche den roten Teppich aus. Man will Europas Kapitale sein, wenn die Finanzrevolution losbricht. Die Finanzaufsicht baut deshalb Innovationsparks, sponsert Fintechs mit Steuergeldern und coacht sie nach Kräften. Der Schmusekurs zahlt sich aus: In Europa strömt das allermeiste Kapital zu den Jungunternehmen in die Themse-Stadt. Diesen Sommer klopften Vertreter der britischen Botschaft gar beim Schweizer Fintech-Startup Advanon an. Dessen Chef Phil Lojacono staunte nicht schlecht: «Etliche in unserem Team fragten sich, weshalb wir eigentlich noch in Zürich bleiben sollen.»

Das Jungunternehmen hatte mit der Finanzmarktaufsicht (Finma) bis zu diesem Zeitpunkt nur negative Erfahrungen gemacht: Ganze sechs Monate wartete Advanon auf grünes Licht von den Behörden - für ein Startup eine halbe Ewigkeit. Mittlerweile jedoch hat sich Lojaconos Bild von der Finma grundlegend verändert. «Nach dem Lockruf aus London hat beim Regulator ein Umdenken stattgefunden», erklärt der Startup-Gründer. Seither würden seine Anfragen speditiv behandelt. Zugleich pflege die Finma einen engen, freundlichen Dialog.

«Finma hat sich deutlich geöffnet»

Andere Startup-Vertreter machen derzeit die gleiche Erfahrung. «Wir stellen fest, dass sich die Finma gegenüber Innovationen im Finanzbereich deutlich geöffnet hat», erklärt Urs Häusler vom Branchennetzwerk «Swiss Finance Startups». Die Stimmen aus der Branche zeigen: Das Thema Fintech ist mittlerweile auf dem Radarschirm von Finma-Chef Mark Branson angekommen - und wird nun mit hoher Priorität vorangetrieben. Nicht länger wollen die Behörden tatenlos zuschauen, wie der Finanzplatz Schweiz in den Ranglisten der Zukunftsinvestitionen abgehängt wird.

Um dem noch zarten Pflänzlein Fintech in der Schweiz zu Wachstum zu verhelfen, durchkämmt die Finma derzeit den Regulationsdschungel nach Bestimmungen, welche die neuen Technologien unnötig diskriminieren. «Werden Barrieren aufgedeckt, sollen sie abgebaut werden» sagt Sprecher Vinzenz Mathys. Als Beispiel nennt er die elektronische Identifikation zur Eröffnung einer Kundenbeziehung über Video. Gemeinsam mit der Branche sei man daran, die Voraussetzungen für eine entsprechende Lösung auszuarbeiten.

«Sandkasten» für die Startups

Zugleich spielt der Regulator in Bern mit dem Gedanken, getreu dem Londoner Vorbild regulatorische «Sandkasten» anzubieten: Dort sollen Fintech-Firmen künftig ihre neuen Geschäftsmodelle ausprobieren können. Für andere Fintech-Anbieter, die nur kleine Mittel verwalten und nicht mit kurzfristigen Einlagen langfris tige Kredite vergeben, will Branson eine «Banklizenz light» schaffen.

Von der neuen Bewilligungskategorie könnte etwa die junge Crowdfunding-Branche profitieren. Bei der als «Schwarmfinanzierung» bekannten Praxis spannen Geldgeber im Internet für die unterschiedlichsten Projekte zusammen. Obwohl die Beiträge der Unterstützenden meist klein sind, behandelt die Finma diese heute praktisch wie Bankeinlagen. Dies, weil die Online-Plattformen die Beiträge der über sie abgewickelten Projekte bis zum Erreichen des Finanzierungsziels aufbewahren. «Diese Aufgabe direkt selber zu übernehmen, muss den Plattformen auch ohne volle Banklizenz gestattet sein», fordert Hannes Gassert, Gründer der Crowdfunding-Website wemakeit.ch.

«Gefühl vermittelt, wir stünden mit einem Bein im Gefängnis»

Noch sind viele der regulatorischen Neuerungen nicht mehr als Gedankenspiele der Finma-Führung. Den Ankündigungen müssen erst noch Taten folgen. An einem parlamentarischen Hearing wiederholten Fintech-Vertreter deshalb ihre Forderung nach einer Startup-freundlicheren Praxis der Finma. Die hohe Regulierungsdichte in der Schweiz zwinge die Firmen regelmässig zur Prüfung, ob ihre Ideen regulatorisch überhaupt zulässig seien, erklärt Urs Häusler. «Die Folge davon ist, dass die Firmen nach Kräften versuchen, nicht in den Geltungsbereich des Finanzmarktgesetzes zu fallen.» Dadurch allerdings würden die Firmen in ihrer Innovationskraft gehemmt.

Auch Lojacono von Advanon kann ein Lied davon singen. Ständig sei sein Startup von der Finma mit neuen Bestimmungen konfrontiert worden, die einzuhalten seien. «Wir wurden behandelt, als seien wir ein Grosskonzern mit eigener Compliance-Abteilung. Häufig wurde uns das Gefühl vermittelt, wir stünden bereits mit einem Bein im Gefängnis.»

Anlaufstelle für die Fintech-Branche

Die Fintech-Branche fordert deshalb als Sofortmassnahme eine zentrale Anlaufstelle bei der Finma. Diese soll den Startups ein Fast-Track-Prüfungsverfahren und ein - wenn möglich kostenloses - Coaching anbieten.

Bei der Finma hat man offenbar keine Einwände gegen dieses Anliegen. Nach eigenen Angaben prüft sie derzeit, wie sie einen zentralen Zugang für Anfragen von Fintech-Firmen schaffen kann. Man habe bereits Prozesse implementiert, die eine effiziente und möglichst rasche Bearbeitung der Bewilligungsgesuche ermöglichten. Einen konkreten Zeitpunkt für die Schaffung einer Anlaufstelle nennt die Finma allerdings nicht.

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