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Fintech im Silicon Valley: Zwischen Hype und Hybris

Blick über das Silicon Valley: «Wir wollen die Finanzmärkte demokratisieren.» Keystone

Im kalifornischen Technologietal schicken sich junge Wilde an, den Banken mit Finanztechnologie das Fürchten zu lehren. Ein Werkstattbericht.

Von Sven Millischer
am 23.10.2015

Unten sind die Schalterhallen der vornehmen First Republic Bank. Oben im 31. Stock hat Coinbase die Büros. Und dazwischen liegen Welten beziehungsweise eine Liftfahrt in San Franciscos Finanzdistrikt. Denn der Kontrast zwischen klassischem Schaltergeschäft und Fintech könnte nicht grösser sein.

«Wir sind die weltgrösste Wechselstube, Börse und Bank für die Digitalwährung Bitcoin», sagt Dan Romero zur Begrüssung. Romero treibt für Coinbase die internationale Expansion voran und führt den Besucher aus der Schweiz durchs Fintech. Vorbei an der Powerriegel-Ecke und dem Extra-Large-Kühlschrank mit frischen Smoothies geht es ins Siebzigerjahre-Grossraumbüro, in dem gut zwei Dutzend Programmierer mit grossen Kopfhörern vor noch grösseren Bildschirmen hocken. Während unten auf dem Trottoir die Grossstadt tobt, herrscht hier in luftiger Höhe klösterliche Stille. Leise summen die Server, zwischendurch ein dumpfer Klick.

«Wir wollen Bitcoin etablieren»

Coinbase gibt es seit drei Jahren. Die Bitcoin-Bank ist bereits in 28 Ländern tätig. Das in Frisco gegründete Fintech hat für die Expansion namhafte Geldgeber wie die New York Stock Exchange an Bord geholt. Über 100 Millionen Dollar Risikokapital sind so bislang zusammengekommen. Schliesslich hat die Digitalwährung Bitcoin disruptives Potenzial, und Coinbase sieht sich dabei an vorderster Front. «Wir wollen Bitcoin als Zahlungsmittel, gerade auch im grenzüberschreitenden Verkehr, etablieren», sagt Romero, während er durch die Glasfront auf Friscos Skyline blickt. In den Nebelschwaden ist die Transamerica Pyramid zu erahnen.

Der Endzwanziger redet sich ins Feuer, er spricht von einem «500-Milliarden-Dollar-Markt» im grenzüberschreitenden, SWIFT-basierten Finanzverkehr. Davon schöpften die Banken jährlich 50 Milliarden Dollar an Gebühren ab. «Mit Bitcoins würden die Transaktionskosten auf einen Bruchteil zusammenschmelzen», sagt der Coinbase-Mann und schwört auf die Digitalwährung als Schlüsseltechnologie.

Die verschlüsselten Bitcoins sollen Micropayment wie mobiles Bezahlen befeuern und gar den papiernen Pfandbrief ablösen. Die Welt des Zahlungsverkehrs könnte also bald eine andere sein, geht es nach Coinbase und Co.

Von Blackrock geschluckt

Nur einen Block weiter südlich dreht sich alles um die Zukunft der Geldanlage. Wer bei FutureAdvisor zu Besuch ist, fällt mit der Tür ins Haus. Denn ein Empfangsdesk sucht man beim «Roboadvisor» vergebens. Dafür erklärt Manager Mitch St. Peter die Besonderheiten von FutureAdvisor. Automatisierte Online-Vermögensverwalter gibt es mittlerweile ja wie Sand am Meer, und zwar nicht nur jene aus dem Silicon Valley. «Wir sind anders», verspricht er vollmundig und loggt sich auf seinem MacBook ein. Es erscheint die Future-Advisor-Oberfläche mit St. Peters privatem Kontostand. So offen sein Umgang mit dem eigenen Vermögen, so überzeugend ist die «Roboadvisor»-Applikation.

Denn FutureAdvisor schustert nicht einfach ein paar passive Börsenindices zu einem lieblosen Portfolio zusammen. Das Fintech verfolgt vielmehr einen holistischen Ansatz. So lassen sich mit dem Online-Vermögensverwalter, der 2010 von zwei ehemaligen Microsoft-Ingenieuren gegründet wurde, sämtliche Bankbeziehungen aggregieren.

Digitales Family Office für die Mittelklasse

Dank all den Daten werden aus nackten Zahlen und Transaktionen wie von Geisterhand Antworten, destilliert auf dezentrale Finanzfragen wie: Reicht die jetzige Sparquote, dass mein Kind dereinst aufs College gehen kann? Wie hoch wird meine Rente sein? Oder: Lebe ich über meine Verhältnisse?

«Wir bilden die gesamte Anlegerperspektive ab, von der Wiege zur Bahre», sagt St. Peter nonchalant und spricht von einem digitalen Family Office für die Mittelklasse, welche zwischen 100 000 und 1 Million Dollar auf der hohen Kante hat. Es ist just jene Zielgruppe der «mass affluents», welche die traditionellen Banken bisher aus Kosten- und Komplexitätsgründen vernachlässigt haben. Dennoch nehmen sich die verwalteten Vermögen von FutureAdvisor mit rund 600 Millionen Dollar bescheiden aus. «Anstatt viel Geld für Marketing auszugeben, suchen wir lieber den Schulterschluss mit einem Partner», meint der Finanzmanager vielsagend zum Abschied.

St. Peter sollte recht behalten. Nur zwei Monate nach dem Firmenbesuch in San Francisco hat Blackrock den «Roboadvisor» einverleibt. Der weltgrösste Vermögensverwalter soll FutureAdvisor bei der Übernahme Ende August mit 150 bis 200 Millionen Dollar bewertet haben. Eine stattliche Summe für etwas Softwarecode und viel Zukunftspotenzial.

Jünger als der Youngtimer

Prominente Eigner hat auch das privat gehaltene Fintech namens Robinhood. Zu den illustren Risikokapitalgebern des Online-Effektenhändlers gehören unter anderem die Hip-Hop-Superstars Snoop Dogg und Nas, die Rockband Linkin Park sowie Netscape-Gründer Marc Andreessen. Nicht minder abgefahren sind auch jene Leute, welche für Robinhood arbeiten: Das Treffen findet in einem kleinen Café in Palo Alto, nahe der Stanford-Universität, statt. Der Kommunikationschef von Robinhood fährt in einem schnittigen 1980er-Jahre BMW ein.

Bleichgesichtiger Millennial mit Rolex

Dem deutschen Youngtimer entsteigt ein bleichgesichtiger Millennial, am Handgelenk eine silberne Rolex, in den Händen ein grosses, weisses iPhone. Bei frischgebrühtem Filterkaffee erklärt mir Jack Randall, was es mit Robinhood auf sich hat. «Wir übertragen das Motto ‹Nehmt es von den Reichen und gebt es den Armen› auf den Börsenhandel», sagt der ehemalige Apple-Praktikant ohne falsche Bescheidenheit.

Schliesslich hat die Finanz-App für Android und iOS das Potenzial, den Online-Börsenhandel zu revolutionieren. «Trades sind bei uns generell kostenlos», sagt Randall spitzbübisch und gibt sogleich per Daumenschlag auf sein Display die kostenlose Kauforder für ein paar Apple-Stocks durch. Es gebe schliesslich keinen vernünftigen Grund mehr, dafür eine Gebühr zu verlangen, meint er anschliessend.

Gebühren für Trades

Diese exorbitanten «Fees» seien nämlich alte Zöpfe aus jener Zeit, als die Geschäfte noch von echten Händlern am Börsenring abgewickelt wurden. Randall macht ein Beispiel: «Wenn ein Kunde von uns 300 Trades pro Tag macht, dann zahlen wir weniger als 1 Dollar Gebühr an den Börsenplatz.» Sagts und lädt zum Firmenbesuch ein.

Bloss eine Viertelstunde Fahrzeit vom Stanford Campus entfernt hat Robinhood Sitz genommen. Die Nähe zur Uni ist kein Zufall, schliesslich sind die beiden Gründer Absolventen der kalifornischen Eliteschmiede. Nach einem Abstecher als High-Frequency-Trader an der Wallstreet sind Vladimir Tenev and Baiju Bhatt zurückgekehrt an die Westküste.

Demokratisierung der Finanzmärkte

Jetzt steht Tenev - unrasiert, in Jeans und mit Sonnenbrille - in der Einfahrt einer etwas schäbigen Lagerhalle in Palo Alto, die Robinhood beherbergt. «Wir wollen die Finanzmärkte demokratisieren», sagt der Gründer knapp und bittet zur Besichtigung. Das Motto ist klar definiert. Die Robinhood-Räumlichkeiten sind ganz dem Rächer der Enterbten aus Sheerwood Forest gewidmet.

An den Wänden prangen Graffitis, die Szenen aus der spätmittelalterlichen Ballade zeigen. Das Sitzungszimmer ist dem grossen Robin-Hood-Mimen Sean Connery gewidmet. Und die knallgrüne Kunsttapete in der Kaffee-Ecke soll wie echtes Moos daherkommen. Die Kulisse ist stimmig.

Zwei Standbeine sollen Robinhood profitabel machen

Doch wie will Robinhood überhaupt Geld verdienen, wenn nicht mit Transaktionsgebühren pro Trade? Gründer Tenev zuckt mit den Schultern: Man habe zwei Standbeine. Zum einen zahlen Kunden, wenn sie Margin-Handel betreiben, also Wertschriften gehebelt und auf Termin kaufen. Zum anderen zieht Robinhood Zinsen auf dem ungenutzten Kapital der Kunden ein. Beides soll Robinhood dereinst profitabel machen.

Doch vorerst ist Expansion angesagt: Sowohl in neue Anlageklassen wie auch in weitere Märkte. Nebst den USA und Australien steuert Robinhood dabei auch Europa an. «Wir sehen dort grosses Potenzial», sagt Kommunikationschef Randall.

Kois und eine Vertraulichkeitserklärung

Während Robinhood noch den naiven Charme eines Garagen-Startups versprüht, geht es bei Addepar deutlich zugeknöpfter zu Gange. Die Softwarefirma beschäftigt 130 Mitarbeiter und hat unter anderem den Starinvestor Peter Thiel als Kapitalgeber. Der Hauptsitz liegt am Zubringer zum Highway 101 in Mountain View. Es ist schon nach Büroschluss. Die Räume wirken verwaist.

Im Eingangsbereich steht ein schwarzes Ledersofa, ein Aquarium mit japanischen Kois und ein iPad «for visitors». Das Tablet ist allerdings nicht zum Zeitvertreib gedacht. Vielmehr muss jeder Besucher eine Vertraulichkeitserklärung unterzeichnen, dass er keine «nicht öffentlichen Informationen» in die Welt hinausträgt - man arbeite bei Addepar hart daran, die technische Infrastruktur für Finanzen «neu zu erfinden».

«Je transparenter die Datenlage, desto besser der Anlageentscheid»

So viel Anspruch will gerechtfertigt sein. Doch im Gespräch stapelt die deutsche Marketingchefin Barbara Holzapfel tief, Verschwiegenheit ist Trumpf. Schliesslich gehören die Endkunden zu den Ultra High Net Worth Individuals (UHNWI). So soll unter anderem das Family Office von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg auf Addepar schwören. «Wir können selbst komplexe Finanzstrukturen ganzheitlich und in Echtzeit abbilden», sagt Holzapfel. Das bedeutet: Selbst Trusts, Offshore-Vehikel oder illiquide Assets wie Immobilien oder Beteiligungsgesellschaften kann Addepar ins System integrieren.

Ein Quantensprung, denn bislang tragen Family Offices häufig noch von Hand die Excel-Spreadsheets der Einzelinvestments zusammen und liefern den UHNWI alle paar Monate einen dicken Stapel Papier ab. Damit räumt Addepar auf, denn: «Je transparenter die Datenlage, desto besser ist der Anlageentscheid», sagt die ehemalige SAP-Managerin, die nur noch zum Familienbesuch nach Europa fliegt.

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