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Marc Walder: «Für Zürich PS auf die Strasse bringen»

Marc Walder
Marc Walder: «Das Ganze ist aber kein Sprint. Eher ein Marathon.» Foto: ZVGQuelle: .

Ringier-Konzernchef Marc Walder über die Standortinitiative Digital Zurich 2025, deren ambitionierte Vision für die Limmatstadt – sowie das Ziel, das vorerst der Weg ist.

Von Norman C. Bandi
am 26.11.2015

Wann hatten Sie Ihre Eingebung für Digital Zurich 2025*?
Marc Walder: Eingebung ist etwas hoch gegriffen ... Es war auf einer USA-Reise. In New York bin ich regelmässig, weil sich dort der digitale Content-Bereich stark entwickelt, während das Silicon Valley deutlich breiter ist – von Apple über Google und Facebook bis Airbnb, Tesla oder Uber. Der damalige New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg hat 2009 die Standortinitiative Media.NYC.2020 ins Leben gerufen mit dem Ziel, dass der Big Apple unter dem dominanten Silicon Valley nicht untergeht.

Wie sollte das gelingen?
Der Grundsatzgedanke ist: Top-Companies vereinen sich für die gemeinsame Sache und sorgen dafür, dass New York als globales, digitales Content-Zentrum wieder attraktiver wird und somit das Gründen von Startups, das Treiben von Innovation und das Anziehen von Talenten begünstigt. BuzzFeed, «The Huffington Post», «Refinery29» oder «Business Insider» sind daraus entstanden. Aber auch die Transformation der «New York Times» ist davon geprägt. Es war also Inspiration und Motivation zugleich.

Für Ihr Verlagshaus ...
Ringier ist ein internationales, diversifiziertes Medienunternehmen, das in 15 Ländern tätig ist, jedoch seinen Hauptsitz in Zürich hat. Und hier habe ich diesbezüglich noch nicht so viel Engagement gespürt, vor allem nicht beim Schulterschluss von grossen Unternehmen. So ist DigitalZurich2025 schlussendlich entstanden. Das Lob gebührt den CEO, die alle mitziehen.

Mit welcher Intention?
Wir sind Verfechter des Cluster-Prinzips. Basel mit der Pharmaindustrie ist hierzulande ein gutes Beispiel. Oder Zürich als Finanzplatz. Das Silicon Valley wiederum ist das beste und aktuellste Beispiel. Oder Tel Aviv im Hightech-Bereich. So werden wir nun diesen Dominoeffekt fördern.

Wie kamen die Steine ins Rollen?
Das meiste war Sisyphusarbeit. Mein ursprüngliches Gespräch mit Stadtpräsidentin Corine Mauch war im Sommer 2014, als ich ihr die Idee grob skizzierte. Sie sagte sehr schnell: «Das gefällt mir. Komm wieder, wenn Konzept und Teilnehmer stehen.»

Warum haben Sie sich trotz dieser Art von Abfuhr nicht entmutigen lassen?
Es ging ab nun darum, Entscheidungsträger von der Idee zu überzeugen. Ziel war, die ganz grossen Unternehmen beziehungsweise deren Chefs für die Grundidee zu begeistern. Die letzten fünf, sechs Gründungspartner kamen dann Anfang Jahr während des WEF in Davos dazu.

Seit kurzem steht das Gerüst für Digital Zurich 2025.
Danach hatten wir ein Kick-off-Meeting im Stadthaus bei Corine Mauch. Nebst der Stadt fungieren seither auch der Kanton Zürich und Economiesuisse als Schirmherren. Offiziell wurde der Verein im Herbst 2015 mit 20 Unternehmen und Institutionen gegründet.

Wie viel bringen die Partner ein?
Die Gründungsmitglieder bezahlen pro Jahr 50'000 Franken, tragen die Idee mit und engagieren sich persönlich – was enorm wichtig ist. Die Partner engagieren sich aber auch, indem sie ein bis zwei ausgewählte Mitarbeiter zur Verfügung stellen, die an unseren Projekten teilnehmen und ihre Expertise einbringen. Die Mitglieder fördern so Projekte, die wir unterstützen oder initiieren.

Wann nimmt die Sache Fahrt auf?
Ich bin überrascht, wie viel Speed wir bereits aufgenommen haben. Das Ganze ist aber kein Sprint. Eher ein Marathon.

Inwiefern Speed? Den Leuten von der Strasse ist Digital Zurich 2025 kaum ein Begriff.
Speed in dem Sinn, dass wir fünf grosse Projekte definiert haben, die 2016 umgesetzt werden. Es passiert also. Wunderbar. Weg vom theoretischen Denken hin zum praktischen Handeln.

Wie stark ist es Ihr Ego-Projekt?
Wissen Sie, am Schluss erreichen Sie nur etwas, wenn Sie sich engagieren. Das ist immer so im Leben. Es ist aber auch immer so, dass Sie alleine nicht weit kommen. Hier schon grad gar nicht. Ohne die 19 anderen Persönlichkeiten wäre das Ganze also eine Idee geblieben. Heute leite ich noch den Lenkungsausschuss. Vereinspräsident von Digital Zurich 2025 ist Rechtsanwalt Christian Wenger.

Die «Sonntagszeitung» hat Sie als Initiant kürzlich als Mutter Teresa bezeichnet.
Das habe ich gelesen. Vielleicht ist der Vertreter eines Medienkonzerns besonders darauf sensibilisiert, wie radikal, wie rasant die Digitalisierung Geschäftsmodelle disruptiert – und wie gefährlich dies für traditionelle Geschäfte sein kann, die mit der Digitalisierung nicht Schritt halten können. Die Verlagswelt hat dies mit der Musikindustrie am radikalsten erfahren. Aber längst sind andere Industrien davon erfasst worden. Nicht minder radikal.

Geht es ums Überleben?
Letzten Endes. Ringier beispielsweise hatte vor sieben Jahren null Prozent digitales Ebita. Mittlerweile sind wir bei 65 Prozent. Medienunternehmen, die diesen Sprung nicht schaffen, wird es in ein paar Jahren nicht mehr geben.

Die Vision zu Digital Zurich 2025 lautet nicht gerade unbescheiden: «Making Zurich the Leading Digital Innovation Hub in Europe.» Von null auf 100?
Ein Beispiel: Zürich ist heute bereits wichtigster Standort von Google in Europa. Mit Tausenden Mitarbeitern. Wie gesagt, nur ein Beispiel. Ich würde darum nicht sagen, dass wir bei null beginnen.

Nach welchen Kriterien messen Sie den Erfolg?
Keine einfache Frage. Ist es die Anzahl geschaffener Arbeitsplätze? Die Anzahl gegründeter Startups? Die Anzahl wichtiger Venture Funds und Investments? Oder die Anzahl Börsengänge aus diesem Cluster?

Was soll es denn sein?
Wohl von allem. Sämtliche Faktoren addiert sollen so aufeinander einwirken, dass wir am Ende sagen können: Das digitale Ökosystem Zürich steht mit unserer Standortinitiative besser da als ohne.

Unsere nationalen Rahmenbedingungen machen Ihnen das Leben momentan nicht gerade einfacher. Masseneinwanderungsinitiative oder Unternehmenssteuerreform III als Stichworte ...
Die Masseneinwanderungsinitiative ist für die Schweizer Wirtschaft grundsätzlich ein Hindernis. Die Argumente der SVP greifen zu kurz. Besonders im digitalen Startup-Bereich ist die Internationalität entscheidend. Weder im Silicon Valley noch in Berlin finden sich rein amerikanische oder rein deutsche Teams. So wird es auch in der Schweiz sein. Deshalb ist es zentral, dass wir unseren freien Zugang für ausländische Talente behalten.

Und die Unternehmenssteuerreform III?
Unsere Rahmenbedingungen für Investments bei Startups sind heute mehr als suboptimal. Lassen Sie mich Ihnen ein kurzes Beispiel geben: Ein Jungunternehmer braucht Geld. Er findet einen Investor. Dieser bewertet die junge Firma mit dem interessanten Geschäftsmodell auf 50 Millionen Franken. Der Investor bezahlt 5 Millionen und erhält folglich 10 Prozent. Die 5 Millionen werden für das Wachstum der Firma gebraucht. Der junge Gründer erhält davon nichts. Er muss aber per sofort hohe Vermögenssteuern auf seine Anteile bezahlen, die 45 Millionen wert sind. Ein Killer.

Die Schweiz ist folglich zu wenig attraktiv für Investoren und Startups?
Das ist so.

Und es fehlt an Venture Capital?
Egal, wie wir es nennen – am Schluss geht es immer auch um Geld. Zum einen lautet die Frage: Ist die Schweiz zu unattraktiv für ausländische Investoren? Zum andern lautet sie: Sind die Investoren in der Schweiz zu risikoavers? Kapital gibt es bei uns ja mehr als genug. Trotzdem funktioniert es noch nicht optimal. Was darauf zurückzuführen ist, dass unsere regulatorischen Leitplanken nicht startup- und investorenfreundlich sind.

Was kann diesbezüglich ein Verein wie Digital Zurich 2025 bewirken?
Aus diesem Grund ist die wirtschaftspolitische Meinungsbildung auch Teil unserer Initiative.

Lobbying in Bundesbern – dazu genügt Ihr einziges Einzelmitglied Ruedi Noser nicht?
Nein. Aber als frisch gewählter Ständerat, bestens vernetzter Politiker und äusserst erfolgreicher ICT-Unternehmer ist er eine glaubwürdige Figur, um diesbezüglich eine wirtschaftspolitische Debatte anzustossen. Inwiefern wir längerfristig ein «political shaper» sein wollen, diskutieren wir zurzeit intern. Fest steht aber, dass die richtigen wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen entscheidend für die Realisierung der Vision von Digital Zurich 2025 und für die Zukunft der Schweizer Wirtschaft sind.

Die Zürcher mischen sich mal wieder national ein, obwohl sie ein regionales Ziel verfolgen?
Bei der Ausarbeitung unserer Statuten haben wir lange darüber diskutiert, ob wir eine Zürcher oder Schweizer Standortinitiative machen wollen. Die Meinungen, um offen zu sein, sind unterschiedlich. Einig waren wir uns, dass wir regional anfangen müssen, statt uns national zu verzetteln.

Sonst gibt es ein Copy-and-Paste des Swiss Innovation Park mit dezentralen Hubs.
Wenn es uns gelingt, für Zürich PS auf die Strasse zu bringen, können wir über eine landesweite Ausdehnung nachdenken.

Ist Digital Zurich 2025 ein geschlossener Club?
Überhaupt nicht. Ich werde oft gefragt: «Warum bin ich nicht dabei?»

Offensichtlich ist: Mit UBS heisst ohne Credit Suisse.
Eben nicht. Das ist eine falsche Interpretation. Wir haben einfach mal mit 15 Top-Companies angefangen, weil sie gewichtig sind und mit ihnen der erste Kreis steht. In den oberen Zirkel mit 50'000 Franken Jahresbeitrag können und werden weitere grosse Unternehmen kommen. Zudem werden wir bald günstigere Mitgliedschaften für KMU und Startups festlegen.

Das heisst, Namen wie Credit Suisse, Raiffeisen, Helvetia oder Coop werden bald folgen?
Selbstverständlich.

Wie entscheidend ist dabei der Zürich-Bezug der Mitglieder?
Wesentlich, aber nicht entscheidend. Post, SBB, Swisscom und Mobiliar kommen aus Bern.

So etwas wie Digital Zurich 2025 gibt es quasi seit fünf Jahren. Es nennt sich eZürich und ist eine Plattform für Köpfe, Ideen und Projekte, die den ICT- und Wirtschaftsstandort Zürich voranbringen wollen. Früher bei der Stadt, heute beim Kanton. Machen Sie eZürich obsolet?
Wir haben alle das gleiche Ziel. Das ist doch gut so. Dann gibt es ja auch noch die Greater Zurich Area oder den Swiss Innovation Park in Dübendorf. Das soll sich alles gegenseitig ergänzen. Bei Fragen reden wir miteinander und wo es Schnittstellen gibt, nutzen wir diese.

Wie muss man sich im Jahr 2025 Ihr digitales Zürich vorstellen?
Wenn ich das wüsste. Ich bin schon froh, wenn ich weiss, wie die Medienindustrie in ein paar Jahren aussehen könnte. Wenn Sie mir vor zehn Jahren gesagt hätten, dass Google 2015 in Zürich Tausende Arbeitsplätze hat, hätte ich Sie ausgelacht. Heute ist das Realität.

Welche Sektoren oder Branchen sollen die Zugpferde sein?
Die Medienindustrie ist in Zürich relevant mit NZZ, Tamedia, Axel Springer Schweiz oder Ringier. Ebenfalls der Bereich mit den Telekommunikationsunternehmen. Ganz zentral bleibt der Finanzplatz und in dessen Sog der Fintech-Sektor – hier ist Zürich der Cluster in Europa, mit London und Frankfurt. Diese Entwicklung spielt uns gerade in die Hände. Zudem unsere globalen Versicherer und hiesigen Retailer, die auch stark durch den digitalen Wandel herausgefordert sind.

Was ist mit den vielen neuen Startups?
Die sind kolossal wichtig. Dort, wo gute Startups sich ansiedeln und ihre Geschäfte aufbauen, werden Arbeitsplätze und Wertschöpfung geschaffen. In den letzten 50 Jahren war das Momentum für Startups noch nie so entscheidend wie jetzt.

Mit anderen Worten: Scheitern ist für Digital Zurich 2025 verboten?
Historische Chancen kommen meist nur einmal. Tel Aviv ist ein tolles Beispiel. Unser Vorteil ist, dass wir bestehende Wirtschaftszweige haben, die sich gerade neu erfinden oder erfinden müssen. Digital Zurich 2025 ist dabei hoffentlich ein relevanteres Dominosteinchen, weil bedeutende Unternehmen und Organisationen involviert sind. Drücken Sie uns die Daumen.

*Digital Zurich 2025 wurde am 4. September 2015 lanciert. Der Verein bezweckt die Positionierung der Grossregion Zürich als attraktiven Standort für digitale Startups, Firmen und Talente. Zu den 20 Gründungsmitgliedern gehören folgende Unternehmen und Institutionen: EY Schweiz, ETH Zürich, Google Schweiz, Leonteq, Migros, Mobiliar, Oliver Wyman, Post, Ringier, SBB, SIX, Swiss, Swiss Life, Swisscom, UBS, Wenger & Vieli und Einzelmitglied Ruedi Noser sowie Stadt Zürich, Kanton Zürich und Economiesuisse, die die Schirmherrschaft übernommen haben.

Zum strategischen Lenkungsausschuss um Präsident Marc Walder ( Ringier) zählen: Lino Guzzella ( ETH Zürich), Heinz Karrer ( Economiesuisse), Ruedi Noser (ICT-Unternehmer und FDP-Ständerat), Patrick Warnking ( Google), Susanne Ruoff ( Post), Urs Schäppi ( Swisscom), Ivo Furrer ( Swiss Life), Andreas Meyer ( SBB) und Lukas Gähwiler ( UBS).

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