Für die Automobilkonzerne ist es das wichtigste Zukunftsthema: Die ­Digitalisierung der Fahrzeuge. Auch wenn die Branche, allen voran der weltgrösste Autohersteller Volkswagen, derzeit mit dem Dieselmotoren-Betrug beschäftigt ist: Computer­gelenkte Autos werden schon bald Alltag auf den Stras­sen sein, zumal Tech-Konzerne wie Google und Apple den etablierten Herstellern mächtig Konkurrenz machen. Die «Handelszeitung» hat einen selbstständig fahrenden Wagen auf der Autobahn getestet (siehe dazu die eingefügten Videos). Audi hat dieses Konzeptfahrzeug «Jack» getauft. Es handelt sich dabei um einen Audi A7, der mit GPS, Sensoren, Laserscannern, Kamera und viel Rechnerleistung ausgestattet ist, ­damit er «pilotiert» fahren kann.

Wie funktioniert es?

Wenn «Jack» pilotiert fahren soll, geht das so: Der Fahrer drückt während der Fahrt gleichzeitig zwei Knöpfe vorne auf dem Lenkrad. Dann zieht sich automatisch das Lenkrad zurück und der Computer übernimmt das Fahren. Ist eine vorher definierte Strecke zu Ende, meldet sich der Bordcomputer per Stimme und weist darauf hin, dass in wenigen Sekunden der Mensch wieder das Steuer übernehmen muss. Gleichzeitig gibt es optische Signale: Vor der Windschutzscheibe leuchtet dann eine Lichtleiste in verschiedenen Farben. Greift der Fahrer während des pilotierten Fahrens ans Lenkrad, bremst er, oder gibt er Gas, gibt «Jack» sofort das pilotierte Fahren auf und der Mensch hat wieder alles unter Kontrolle. Reagiert der Fahrer nicht auf das Kommando, zu übernehmen, fährt «Jack» automatisch auf den Standstreifen und hält an.

Wie fährt sich das Auto?

Das pilotierte Autofahren ist überraschend einfach zu verstehen. Ungewohnt ist allerdings, auf dem ­Fahrersitz zu sitzen und sich vom Fahrzeug auf der Autobahn – auch mit hohen Geschwindigkeiten – chauffieren zu lassen. Möglich ist dann auch, sich zu entspannen, Zeitung zu lesen oder zu telefonieren. Während der Fahrt trifft «Jack» ständig Entscheidungen: Das Auto hält nicht nur Abstand zu anderen Fahrzeugen, es gibt auch Gas, blinkt und wechselt die Fahrbahn. Das Testfahrzeug zieht automatisch auf die linke Spur der Autobahn und beschleunigt bis auf 120 km/h. Ebenso kehrt es nach einem Überholvorgang alleine zurück auf die mittlere oder rechte Spur und fädelt sich zwischen langsam fahrende LKW ein. Das alles klappt ohne Probleme

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Wo kann es fahren?

Fahrten mit solchen Testwagen sind bisher nur auf speziellen Strecken erlaubt, dazu zählen in Deutschland einige öffentliche Autobahnabschnitte. In der Schweiz experimentierte Swisscom mit einem selbstfahrenden Auto auf bestimmten Routen in Zürich. In den USA hat «Jack» ebenfalls Hunderte Kilometer auf öffentlichen Strassen hinter sich. Bei solchen Testfahrten sitzt neben dem Fahrer stets eine Person auf dem Beifahrersitz, die im Notfall eingreifen kann.

Welche Vor- und Nachteile gibt es?

Von Fahrzeugen, die pilotiert fahren, verspricht sich die Autoindustrie viele Vorteile: So sollen die Fahrten nicht nur komfortabler werden, weil sie den Fahrer auf langen Reisen oder im Stau entlasten, ­sondern die Wagen sollen auch selbstständig parken können. Sicherer sollen die Autos sein, weil sie automatisch Hindernisse erkennen, die erlaubte Geschwindigkeit nicht übertreten und verhindern, dass ein Fahrer am Steuer einschläft. Der Verkehr könnte zudem effizienter werden, weil sich Staus eventuell vermeiden ­lassen. Für ambitionierte Autofahrer mag hingegen die Freude am Selbstfahren leiden. Ausserdem ist die Technik bisher noch nicht genug ausgereift, um in Innenstädten zu funktionieren. Hinzu kommt, dass viele – vor allem rechtliche – Fragen ungeklärt sind: Wer übernimmt bei einem Unfall die Haftung? Der Fahrer oder der Autohersteller? Und: Sind autonom fahrende Wagen überhaupt vor Hackern ­sicher?

 

 

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