Seit diesem März ist der Schweizer ­Aktienmarkt um über 40 Prozent in die Höhe geschnellt. Da könnte es Anlegern langsam schwindlig werden – vor allem, wenn sie sich vor Augen führen, dass sich die Wirtschaft in einer der grössten Krisen der letzten Jahrzehnte befindet. Die Weltwirtschaft schrumpft nämlich weiter: Der Internationale Währungsfonds (IWF) prognostiziert fürs laufende Jahr ein Minus von 1,1 Prozent. Zudem steigen die Arbeitslosenzahlen. In den USA ist inzwischen fast jeder Zehnte arbeitslos. Das ist die höchste Quote seit Juni 1983.

Im nächsten Jahr dürfte die Welt­wirtschaft zwar auf den Wachstumspfad zurückfinden. Der IWF prognostiziert ein Plus von immerhin 3,1 Prozent, was allerdings noch weit entfernt ist von den 5,5 Prozent im Jahr 2007. Ohnehin geht das Wachstum zu einem grossen Teil auf Kosten der Staatsbudgets: Um die Wirtschaft zu stützen, haben die Staaten ­gigantische Konjunkturprogramme lanciert, welche die Staatsschulden an­schwellen lassen.

Schuldenberg. Der US-Kongress schätzt, dass das Defizit des Landes in den nächsten Jahren auf 80 Prozent des Bruttoinland­produkts steigen wird. Bis Ende des nächsten Jahres dürften die USA einen Schuldenberg von rund 20 Billionen ­Dollar angehäuft haben. ­Eine solche ­Verschuldungsstrategie kann nicht ewig aufgehen: Inflation und Steuererhöhungen sind wahrscheinliche Folge­szenarien.

So kann es auch nicht verwundern, dass renommierte Ökonomen wie Nouriel Roubini den Kursaufschwung an der Börse als Bärenmarktrally interpretieren, also als kurzfristigen Kursaufschwung in einem längerfristigen Abwärtstrend. ­Roubini ­gehört zwar eher zu den Pessimisten. Allerdings hat er damit oft recht behalten, beispielsweise als er im Frühling 2008 prognostizierte, dass sich die Verluste aus der Kreditkrise auf ein bis zwei Billionen Dollar summieren würden. Viele hielten seine Schätzung damals für übertrieben. Inzwischen veranschlagt aber der IWF die Folgen der Krise auf 4,1 Billionen Dollar – also auf deutlich mehr, als Roubini voraussagte.

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Roubini ist in Bezug auf den Ak­tienmarkt sehr pessimistisch. Im April schätzte er den fairen Wert des S&P 500, des Aktienindex der 500 grössten börsenkotierten US-Firmen, auf 720 Punkte. Tatsächlich steuert der Index derzeit auf 1100 Punkte zu, ein Niveau, das sogar die Prognosen der optimistischsten Ökonomen übertrifft.

Es ist also gut möglich, dass es in den nächsten Monaten zu einem Einbruch an den Aktienmärkten kommen wird. Mit den Titeln der besten Unternehmen ­lassen sich langfristig aber dennoch Gewinne an der Börse erwirtschaften.
Das hat sich schon in der grössten Weltwirtschaftskrise des vergangenen Jahrhunderts gezeigt. General Motors zum Beispiel verhielt sich in der Grossen Depression antizyklisch, rührte kräftig die Werbetrommel und konnte so ­ihren Konkurrenten Marktanteile ­ab­jagen. Das machte sich an der Börse bezahlt: Der GM-Aktienkurs verdoppelte sich in den Krisenjahren von 1929 bis 1934 von 8 auf 16 Dollar, während sich die Kurse an der US-Börse insgesamt halbierten.

Auch in der jüngsten Zeit gibt es Unternehmen, deren Aktienkurse sich sehr positiv entwickelt haben. Zwischen Anfang 2004 und Ende 2008, in einer Zeitspanne, die in der Finanzkrise endete und in welcher der Swiss Market Index «flat» war, gedieh in der Schweiz der Agrarchemiekonzern Syngenta am besten. Das zeigt eine der BILANZ exklusiv zur Verfügung stehende Studie des Beratungsunternehmens Boston Consulting Group (BCG).

Syngenta brachte ihren Aktionären ­einen Ertrag von durchschnittlich 22 Prozent pro Jahr. Damit liegt das Unter­nehmen an der Spitze der 16 grössten börsenkotierten Unternehmen in der Schweiz (siehe Tabelle «Die besten ­Aktien der Schweiz» im Anhang). Noch vor ABB, die es trotz Finanzkrise auf ­einen jährlichen Ertrag von 21 Prozent brachte. Auf dem dritten Platz folgt der Logistikkonzern Kühne + Nagel, der ­seinen Aktionären einen jährlichen Ertrag von 19 Prozent ablieferte. Das gute Abschneiden des Spitzentrios hat unterschiedliche Gründe. Peter Damisch, Partner bei BCG, sagt dazu: «Syngenta und ABB konnten nicht nur den Umsatz steigern, sondern auch noch die Margen erhöhen. Bei Kühne + Nagel dagegen konnten die Margen kaum verbessert werden, dafür war das Umsatzwachstum sehr stark.»

6000 Unternehmen. Das internationale Team der Beratungsgesellschaft analysierte indes nicht nur Schweizer Aktien, sondern wertete die Kennzahlen von weltweit rund 6000 ­Unternehmen aus zwölf Branchen aus. Werte von Finanzunternehmen wurden aussen vor gelassen, weil sich deren ­Bilanzkennziffern nicht mit anderen Branchen vergleichen lassen. In den Top Ten ihrer jeweiligen Kategorie befinden sich auch zwei Schweizer Unternehmen. In der Transport- und Logistikbranche schaffte es Kühne + Nagel auf den fünften Rang – Nummer eins ist der brasilianische Grupo CCR mit jährlichen Erträgen von 36 Prozent für die Aktionäre. Im Chemiesektor liegt Syngenta auf Platz acht. Mit einem jährlichen Ertrag von 74 Prozent für die Aktionäre ist die OCI Company nicht nur Branchenleader im Chemiesektor – das südkoreanische Unternehmen ist auch die Nummer eins aller weltweit analysierten Firmen (siehe Tabelle «Die zehn ertragreichsten Aktien der Welt» im Anhang). Die Firma glänzt nicht nur mit Umsatzwachstum und massiv erhöhten Margen, sondern hat gleichzeitig auch Schulden abbauen können. Und das alles zu ­einer Zeit, als die beiden grossen Schweizer Chemiefirmen Clariant und ­Ciba mit massiven Problemen zu kämpfen hatten. Der Clariant-Aktienkurs halbierte sich in den fünf Jahren zwischen 2004 und 2008, und Ciba musste sich in die rettenden Arme des deutschen Konkurrenten BASF stürzen.

Ausnahme Apple. Zuoberst in der Liste der Weltbesten stehen fast alles eher unbekannte, klei­nere Firmen – mit Ausnahme von Apple auf Platz fünf. Unter den grossen Firmen wurde der Hersteller von Computern und Unterhaltungselektronik auch mit Abstand Nummer eins ­(siehe «Die zehn besten Blue Chips weltweit» im Anhang). Auf dem zweiten Rang folgt mit Monsanto ein Konkurrent des Schweizer Agrochemiekonzerns Syngenta.

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Der hochinnovative Apple-Konzern liegt auch in der Liste der Unternehmen weit oben, die ihren Wert nicht nur über fünf, sondern gar über zehn Jahre nachhaltig steigern konnten (siehe «Die zwölf nachhaltigsten Firmen weltweit» unten). Um in ­diese Auswahl zu gelangen, mussten Firmen in mindestens sechs der letzten zehn Jahre einen höheren Ertrag für Aktionäre liefern als der jeweilige ­Aktienindex ihres Landes. Ganz nach oben schaffte es in diesem Ranking die Pharmafirma ­Gilead Sciences. In jedem der zehn Jahre von ­Anfang 1999 bis Ende 2008 übertraf die auf die Behandlung von HIV spezialisierte Firma ihren Vergleichs­index. Dahinter folgt Apple, die das Kunststück zwar nur in sieben von zehn Jahren fertig brachte, aber wie Gilead Sciences mit einem starken Wachstum aufwarten konnte. Auf dem dritten Platz folgt British American Tobacco. Der Tabak­konzern glänzte vor allem mit seinen Dividendenausschüttungen. Die Divi­dendenrendite des Titels war doppelt so hoch wie beim Durchschnitt der anderen ­Aktien.

Mit den richtigen Aktien im Depot ist es also möglich, selbst in stürmischen Zeiten sehr hohe Renditen zu erzielen. Doch mit welchen Titeln wird dies An­legern auch in Zukunft glücken?

«Die künftigen Wertschaffer werden jene Unternehmen sein, denen es gelingt, die Anleger immer wieder positiv zu überraschen», sagt Peter Damisch von der Boston Consulting Group. Um heraus­zufinden, wie es diesbezüglich um die Unternehmen steht, analysierten die BCG-Berater die Erwartungsprämien.

Eine positive Erwartungsprämie bedeutet, dass das Unternehmen aktuell höher bewertet ist, als es seiner Ertragskraft entsprechen würde. Positive News über ein Unternehmen genügen also nicht, um dem Aktienkurs Schub zu verleihen – die Nachrichten müssen noch positiver sein, als es die Anleger schon erwarten.

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Ertragskraft. Ist die aktuelle Ertragskraft hingegen höher als die Bewertung, spricht man von einer negativen Erwartungsprämie oder von einem Erwartungsabschlag. Die Anleger geben sich also schon damit zufrieden, dass keine negativen Neuigkeiten zum ­betreffenden Unternehmen publik werden. Jede positive Nachricht sollte also schon zu Kurssteigerungen der betreffenden Aktie führen.

Von den Schweizer Firmen und den Unternehmen aus den zwölf analysierten Branchen haben wir 15 Überraschungskandidaten ausgewählt (siehe «Die Aktien mit dem grössten Überraschungspotenzial» im Anhang). Sie sind eher unter­bewertet und haben Chancen auf Kursavancen an der Börse. Das heisst auch, dass sie bei einer allfälligen Kurskorrektur an den Börsen in den nächsten Monaten weniger verlieren sollten als andere Aktien.

Falls der Ökonom Roubini mit seiner Bärenmarktprog­nose recht behält, kommen Anleger mit solchen Titeln wahrscheinlich besser weg – und wenn er daneben liegt, dürften die Überraschungskandidaten erst recht zunehmen.