Immer ein leeres Konto zu haben, wie ­Oswald Grübel als Lehrling, kann auch Ansporn sein, es zu füllen. Grübel hat sein Lohnkonto inzwischen von der Credit ­Suisse zur UBS gezügelt, und von leer kann keine Rede mehr sein.

Bei den meisten Menschen ist das erste Bankkonto am Anfang eher leer und wird erst über die Jahre voller. Allerdings geht es den wenigsten so wie Grübel, dass sie eine Lehre bei einer Bank beginnen und deshalb sowieso klar ist, bei welcher Bank sie ihr erstes Konto eröffnen. Die meisten wählen ihre erste Bank nach bestimmten Kriterien aus: Für den SVP-Präsidenten Toni Brunner ist beispielsweise «Nähe und Vertrautheit» wichtig, für die Konsumentenschützerin Simonetta Sommaruga das «grün Inspirierte», für die Investorin Fleur Platow «die persönliche Beziehung». Viele gehen auch automatisch zu der Bank, wo die Eltern ihr Konto haben, wie die Moderatorin Wasiliki Goutziomitros.

BESTE KONDITIONEN. Es gibt also viele Gründe, warum die befragten Prominenten gerade bei der ganz bestimmten Bank ein Konto haben und nicht bei einer andern. Nur ein ­eigentlich offensichtliches Kriterium scheint keine Rolle zu spielen, nämlich welche Bank die besten Konditionen bietet. Niemand scheint ein Konto bei einer Bank zu haben, weil es am besten verzinst wird, die Administrationsgebühren am günstigsten sind oder das Institut die tiefsten Kreditzinsen berechnet. Dabei könnten Bankkunden so mehrere zehntausend Franken sparen (siehe Tabelle im Nebenartikel unten).

Teodoro Cocca, Professor für Vermögensverwaltung an der Universität Linz, überrascht das Verhalten der Bankkunden hierzulande nicht: «Die Schweizer sind wenig preissensibel. Wer in der Schweiz tiefe Preise anbietet oder als Bank eine hohe Verzinsung der Konten, macht sich oft sogar verdächtig, denn das suggeriert hier tiefe Qualität.» In Deutschland sei das anders. Darum kämen beispielsweise ja auch die grossen Discounter wie Aldi, Lidl und Media Markt aus Deutschland.

Konfrontiert damit, dass er sich mit dem höchsten Zinssatz aller Sparkonten bei der Schweizer Volksseele verdächtig macht, sagt Marc Bürki, Chef der Online-Bank Swissquote: «Wir bieten vernünftig hohe Zinsen und streben damit eine ­Marge von 0,5 Prozentpunkten an.» Das heisst, Swissquote bietet den Sparern 1,8 Prozent Zins und kann das Geld selber zu durchschnittlich 2,3 Prozent anlegen. «Einen Grossteil der Einlagen lassen die Sparer langfristig auf ihren Konten, deshalb können wir auch einen Grossteil langfristig in Staatsanleihen investieren», erklärt Bürki.

TIEFERE MARGE. Auch Urs Widmer, Chef der Axa Bank, welche die zweithöchsten Sparzinsen anbietet, will nichts von einem Dumping­angebot wissen: «Die Marge bei uns ist zwar wahrscheinlich etwas tiefer als bei anderen Banken. Aber als Direktanbieter haben wir auch weniger Kosten als Banken mit einem grossen Filialnetz.» Auch sonst sehe er nichts, was seine Bank in ­irgendeiner Weise verdächtig machen könnte: «Die Axa Bank Europe,­ zu der wir juristisch gehören, ist solide finanziert. Wir haben beispielsweise ein besseres Kreditrating als die beiden Schweizer Grossbanken.» Die hohen Sparzinsen gingen auch nicht auf Kosten der Mitarbeiter. «Wir behandeln unsere Mitarbeiter gut, zahlen anständige, aber nicht übertriebene Löhne», so Widmer.

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Dass Swissquote und die Axa Bank über einen Prozentpunkt mehr Zinsen ­zahlen können als die meisten anderen Banken, macht sie also nicht verdächtig. Sondern es ist vielmehr ein Hinweis darauf, dass der Preiswettbewerb bei den Sparkonten bisher nicht gerade intensiv geführt ­wurde.

Die Online-Bank Swissquote und die Axa Bank bieten ­ihre hohen Sparzinsen seit dem Jahreswechsel und haben damit bereits knapp 10  000 Kunden von anderen Banken zu sich locken können. Bis es Hunderttausende sein werden, dürfte es allerdings ein weiter Weg sein, denn «Bankkunden in der Schweiz sind nicht nur wenig preissensibel, sondern auch unglaublich loyal beziehungsweise träge», sagt Teodoro Cocca. Eine jährlich im Auftrag der Schweizerischen Bankiervereinigung durchgeführte Umfrage belegt dies eindrücklich. Die letzte Umfrage fand im ­Januar des laufenden Jahres statt. Ergebnis: 15 Prozent der Befragten gaben an, dass die UBS ihre Hauptbank sei. Das sind nur zwei Prozentpunkte weniger als im Jahr zuvor. Und das trotz allen Schwierigkeiten der Bank und trotz allen negativen Schlag­zeilen.

Das liegt nicht unbedingt daran, dass die Kunden der UBS trotz allem treu bleiben wollen, sondern wohl vor allem daran, dass der Wechsel einer Gesamtbankbeziehung sehr aufwendig ist: Der Arbeitgeber, die Krankenkasse und viele andere müssen über die neue Kontonummer informiert, die Lastschriftverträge geändert und die Wertschriften im Depot transferiert werden. Zudem gibt es für Kunden, die Bankgeschäfte per Internet erledigen, eine weitere Hürde: «Bei der bestehenden Bank kennen sich die Kunden im Online-Banking aus. Bei der neuen müssten sie erst wieder viel Zeit investieren, um sich mit dem System vertraut zu machen», erklärt Martin Scherrer, Bankexperte beim Internet-Vergleichsdienst Comparis.

Die Barriere für den Austritt aus einer Gesamtbankbeziehung ist also eher hoch. Aber um von den guten Angeboten anderer Banken zu profitieren, ist der ganz grosse Aufwand gar nicht nötig. Wer sein Erspartes auf ein Konto mit höherem Zinssatz bei einer andern Bank transferieren möchte, eröffnet ganz einfach das ­entsprechende Konto bei der neuen Bank und erteilt seiner bisherigen einen ­Zahlungsauftrag. Damit hat es sich, und die Bankkunden haben dann halt nicht mehr nur eine Bankbeziehung, sondern mehrere.

MEHRERE KONTEN. Im umliegenden Ausland ist das schon länger so. «In Deutschland, Frankreich und Österreich gibt es deshalb auch viel mehr Banken, die sich auf bestimmte Bankdienstleistungen spezialisieren», sagt Urs Widmer von der Axa Bank. Und die spezialisierten Institute haben damit Erfolg: Beispielsweise hat die ING Direktbank in Österreich innert dreier Jahre 150  000 Kunden von sich überzeugen können. «Der Trend wird auch in der Schweiz in die Richtung von Mehrbankenbeziehungen gehen. Schon heute hat der Durchschnittskunde zwei oder ­sogar eher drei Bankbeziehungen», sagt Teodoro Cocca. «Eine für das Lohnkonto und die Zahlungen, eine für Finanzprodukte und eine Online-Bank.» In Zukunft kommt vielleicht immer öfter auch noch eine spezialisierte Bank für das Sparkonto hinzu. «Der Wechsel zum Sparkonto mit den höchsten Zinsen zahlt sich aus», sagt Scherrer von Comparis.

Und wieso eigentlich nicht noch eine Bank speziell für Kassenobligationen? Diese werden derzeit bei der UBS am besten verzinst. Und, wer weiss, vielleicht hat Oswald Grübel ja nicht nur sein Lohnkonto zur UBS gezügelt, sondern gleich auch noch einige Kassenobligationen bei seiner neuen Bank gekauft.

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Oswald J. Grübel

Konzernleiter UBS
” Es war ganz einfach, ich fing als Lehrling bei der Bank an und hatte damit auch gleich mein erstes Bankkonto. Mit dem ersten Monatslohn von 60 D-Mark war das Konto leider immer leer. “

Pascale Bruderer

Nationalrätin und Vizepräsidentin der SP
” Meine Eltern eröffneten anlässlich meiner Geburt 1977 bei der Hypothekarbank Baden, die später von der Neuen Aargauer Bank übernommen wurde, und der Aargauer Kantonalbank je ein Sparbuch. Bei beiden Banken gab es damals als spezielle ‹­Geburtsaktion› eine Einlage von 20 Franken. Bei der AKB bin ich bis heute geblieben, das andere Konto löste ich irgendwann auf. Vermutlich ungefähr dann, als ich selber während meines Studiums bei einer Bank arbeitete und dort ein zusätzliches Konto eröffnete, von dem ich mich zwischenzeitlich jedoch auch wieder getrennt habe. “

Beni Thurnheer

Moderator und Kommentator
” Soweit ich mich erinnern kann, hatte ich als Kind ein ­Sparheft bei der Zürcher Kantonalbank. Als ich zur SRG kam, ­geschah es irgendwie von alleine, dass man dann ein ­Gehaltskonto bei der UBS eröffnete, so im Stil von ‹Wenn Sie nichts anderes wünschen›. An einen Zwang mag ich mich aber nicht erinnern. So war es dann und ist es geblieben bis zum heutigen Tag. “

Thorsten Hens

Professor für Finance und Direktor des Swiss Banking Institute
” Ich habe zu meiner Geburt ein Postsparbuch mit fünf D-Mark geschenkt bekommen und dann später auch mein Gehalts­konto bei der Post gehabt. Ich habe neben anderen Konten ­immer noch ein Trading Account bei der Post (Easytrade) und suche die Post immer wieder als sicheren Hafen. So zum Beispiel ­Ende 2007, als der DAX noch auf dem Allzeithöchst stand, die anderen Aktienmärkte aber schon kräftig korrigierten. Da die Post zudem einen Sign-up-Bonus bis Ende 2007 für Spareinlagen gab, habe ich Ende 2007 viele Aktiengewinne ­realisiert und wieder – wie zu meiner Geburt – das Sparbuch benutzt, mit viel Erfolg, wie wir jetzt wissen. “

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Simonetta Sommaruga

SP-Ständerätin und Präsidentin der Stiftung für Konsumentenschutz
” Mein erstes Bankkonto wurde von meinen Eltern eröffnet. Die Bank stand am Dorfplatz, und die vergitterten Fenster ­bewiesen mir, dass mein Geld dort sicher aufbewahrt war. ­Diese Bank gibt es heute nicht mehr, sie ist längst von einer der grossen geschluckt worden. Als das geschah, habe ich mein Konto gekündigt. Ich mochte dieses Grosstuerische nicht. Seit Jahren deponiere ich mein Geld nur bei Banken, deren ­Geschäftsmodelle meinen Werten entsprechen: Sie sind ­transparent, kundenfreundlich, grün inspiriert, sie halten sich an ethische Grundsätze und bezahlen keine Millionensaläre. “

Wasiliki Goutziomitros

Moderatorin der Sendung «Schweizweit» bei 3SAT
” Mein allererstes Konto war ein Sparbuch, das meine Eltern zu meiner Geburt bei der ZKB eröffneten. Von dem wusste ich aber sehr lange nichts. Mein erstes aktives Konto eröffnete ich im Teeniealter. Ich war auf dem Gymnasium und jobbte während der Ferien. Da brauchte ich ein Girokonto. Da meine Eltern bei der UBS waren, ging ich dorthin. Bei meinem Wegzug fürs Studium nach München lag das Konto brach, und ich habe es aufgelöst. Besonders geärgert hat mich damals, dass ich zur Auflösung 50 Franken bezahlen musste. Aber bei einer grossen Bank ist das wohl so. Mittlerweile bin ich wieder bei der ZKB. “

Toni Brunner

Nationalrat und Parteipräsident der SVP
” Bei der örtlichen Bank haben meine Eltern für alle Kinder ein Sparheft angelegt. Heute habe ich ein Sparkonto und eines für die laufenden Zahlungen. In all den Jahren bin ich mit der ­ursprünglichen Bank verbunden geblieben. Die Nähe und die Vertrautheit sind wichtige Kriterien für die lange Kunden­bindung. “

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