Max Otte hat eine düstere Zukunftsvision. Die Weltwirtschaft stellt sich der Kölner Crashprophet wie einen Heissluftballon mit Löchern und Rissen vor. Noch bläst ihn das viele Geld der Notenbanken auf und hält das fragile Gefährt so in der Luft. Doch die Risse werden grösser und bedrohlicher. «In nicht allzu ferner Zukunft stürzt der Ballon ab oder geht in Flammen auf», prognostiziert Otte in seinem Buch «Weltsystemcrash». Otte rangiert mit seinem Werk auf Rang neun der «Spiegel»-Sachbuch-Bestseller. «Der grösste Crash aller Zeiten. Wie Sie jetzt noch Ihr Geld schützen können» befindet in der Liste auf Platz eins. Schwarzmaler, Angstmacher und Crashpropheten haben Hochkonjunktur.

Je länger der Aufschwung in der Weltwirtschaft und an den Börsen läuft, desto stärker wird er hinterfragt. Im März feiert die Aktienhausse ihr elfjähriges Bestehen, schon jetzt geht sie als die längste seit dem Zweiten Weltkrieg in die Geschichte ein.

Anfang 2009, als die Lehman-Pleite gerade einmal sechs Monate zurücklag, Präsident Barack Obama sein Amt als erster afroamerikanischer US-Präsident antrat und man mit dem iPhone 3 GS noch beeindrucken konnte, begannen die Kurse an der Börse nach der Finanzkrise wieder zu steigen. Der S&P 500 hat sich seither fast verfünffacht. Der Schweizer Blue-Chip-Index SMI legte in dieser Zeit 240 Prozent zu, allein 2019 werden es an die 30 Prozent sein.

Kein Wunder, fragen sich immer mehr Anleger, ob eine derart lange Aufschwungphase an den Börsen noch weitergehen könne und ob nicht die Zeit für einen nachhaltigen Richtungswechsel gekommen sei. Im Dezember 2018 schien die Herrschaft der Bullen zu Ende zu gehen. Steigende Zinsen und nachlassende Wachstumsraten bildeten eine unheilvolle Kombination. Die Bären zeigten ihre Muskeln und prügelten die Indizes nach unten.

Aktien

Ein so gutes Aktienjahr wie 2019 wird 2020 wohl nicht werden. Dennoch sind die Aussichten für Gewinne in dieser risikoreichen Anlageklasse gut. Der wichtigste Treiber bleibt der Anlagenotstand. Anleihen solider Staaten rentieren negativ und sind daher für gewinnorientierte Anleger nach wie vor keine Option. Die Anziehungskraft von Dividendenrenditen ist in diesem Umfeld besonders gross. Insgesamt ist 2020 durch den US-Wahlkampf und den Handelsstreit mit grösseren Schwankungen zu rechnen. Donald Trump bestimmt die Agenda. Rückschläge lassen sich für Zukäufe nutzen. Kristallisiert sich in den USA eine längere Rezession heraus, wird es Zeit, sich von den Märkten zu verabschieden.

Notenbanken manipulieren

Doch die Dirigenten an den Finanzmärkten liessen den Richtungswechsel an den Börsen nicht zu. «Innerhalb von acht Wochen vollzogen alle Notenbanken, die die Zinsen erhöhen wollten, eine Kehrtwende», sagt ZKB-Chefanleger Christoph Schenk. Bis zum August haben die Notenbanken die Zinsen allein in diesem Jahr 67-mal nach unten geschraubt. Damit wurden nicht nur die Kosten für Kredite gesenkt, sondern – was für die Entwicklung an den Börsen noch sehr viel wichtiger ist – der Anlagenotstand wieder verschärft. Sichere Anlagen wie Staatsanleihen solider Länder notieren tief im negativen Bereich und bringen, bis zum Ende der Laufzeit gehalten, sichere Verluste. Je länger die Phase der Negativzinsen dauert, desto mehr werden diese an die Sparer weitergereicht. Postfinance erhebt ab 250 000 Franken eine «Guthabengebühr», bei der ZKB schmolzen die Freibeträge in Einzelfällen bereits auf 100 000 Franken.

In so einem Umfeld ist die Anziehungskraft von Dividenden besonders gross. Wie attraktiv die Ausschüttungen im Vergleich zu Obligationen über längere Frist sein könnten, rechnet die ZKB in ihrem Ausblick aufs Jahr 2020 vor. Ein Investment in den Leitindex SMI wäre einem Kauf von zehnjährigen «Eidgenossen» wegen der 3,1-prozentigen Dividendenrendite über zehn Jahre um 31 Prozent überlegen – bei gleichbleibendem Kursniveau, versteht sich. «Die Anleger werden mit der Zeit immer stärker aus Obligationen hinausgedrückt», sagt Christoph Schenk.

Der CIO der Zürcher Kantonalbank rät nicht zuletzt wegen dieser Überlegenheit für nächstes Jahr zu Aktien. Mit seiner Einschätzung befindet er sich in guter Gesellschaft. Ob Grossbanken wie UBS oder Credit Suisse, Lebensversicherungen wie Swiss Life, Investmentbanken wie Goldman Sachs oder Vermögensverwalter wie BlackRock: Alle sehen für 2020 an den Börsen zwar bescheidenere Renditen als dieses Jahr, sind insgesamt allerdings positiv gestimmt. Das BlackRock-Investment-Institut unter Philipp Hildebrand erwartet für 2020 anziehendes Wirtschaftswachstum, abnehmende Rezessionsrisiken und «ein günstiges Umfeld für risikoreichere Anlageklassen».

Obligationen

Notenbanker wie EZB-Chefin Christine Lagarde manipulieren die Anleihenmärkte. In der Schweiz rutschten die «Eidgenossen» im Sommer bis auf eine Laufzeit von 50 Jahren in den negativen Bereich. Der Staat leiht sich Milliarden und erhält dafür sogar noch Geld. Bis zur Endfälligkeit gehalten, bringen die Schuldscheine Anlegern einen sicheren Verlust. In Deutschland und den Niederlanden ist die Lage ähnlich. Selbst in Krisenstaaten wie Italien ist die Rendite ein schlechter Witz. Besser sind die Renditen und Aussichten in den Emerging Markets. Dort fressen die hohen Hedgingkosten einen guten Teil der Gewinne wieder weg.

Quelle von Unsicherheit

Denken alle das Gleiche, heisst das an der Börse noch lange nicht, dass es auch so kommt. Ob die Optimisten recht behalten, wird in erster Linie von Donald Trump, dem wohl unkonventionellsten und unberechenbarsten aller bisherigen US-Präsidenten, bestimmt. Er besetzt mit dem Handelsstreit mit China und seiner möglichen Wiederwahl an den Finanzmärkten 2020 die mit Abstand wichtigsten Themen an den Finanzmärkten.

Vor der US-Präsidentschaftswahl am 3. November werden die Märkte mit jeder Menge Versprechen, Drohungen und Pläne aufgeschreckt. «Ein Wahljahr ist eine Quelle von Unsicherheit, und die ist nie gut für die Märkte», sagt José Antonio Blanco. Er leitet bei Swiss Life Asset Managers das Investmentmanagement im Drittkundengeschäft. In den Augen Blancos ist der Markt nicht nur optimistisch, sondern ignoriert auch viele Risiken. Dennoch ist er grundsätzlich der Meinung, dass man die Welle reiten, aber gleichzeitig eine Absicherungsstrategie ins Auge fassen sollte.

«Ein Wahljahr ist eine Quelle von Unsicherheit, und die ist nie gut für die Märkte.»

José Antonio Blanco, Swiss Life Asset Managers

Kurioserweise mutierte der twitternde Populist in den vergangenen Jahren an der Wall Street vom Schreckgespenst zur Lichtgestalt. Massnahmen wie die Senkung der Unternehmenssteuern oder der Abbau von Regulierungen für Banken sorgten für Auftrieb an den Börsen. Zumindest für Aktien wäre eine Wiederwahl des an vielen Orten für Unruhe sorgenden Präsidenten wohl das bessere Szenario. Demokratische Herausforderer wie Elizabeth Warren oder Bernie Sanders sorgen mit radikalen Forderungen zur Bekämpfung der wirtschaftlichen Ungleichheit unter den Börsianern für Nervosität. Eine um ein Prozent erhöhte Unternehmenssteuer führt zu einem Rückgang der Gewinne von rund einem Prozent. Früh im Jahr dürfte der Puls der Aktienhändler steigen: Am 3. Februar 2020 finden in Iowa die ersten parteiinternen Vorwahlen statt.

Sicher wird China im Wahlkampf instrumentalisiert. Bei Republikanern wie Demokraten findet die harte Gangart gegen die Volksrepublik grossen Zuspruch. Obwohl es nun zwischen Washington und Peking zu einer Teileinigung gekommen ist, ist das Thema noch nicht vom Tisch. «Der Handelskrieg bleibt trotz der Teilvereinbarung zumindest im ersten Halbjahr an den Märkten das bestimmende Thema. Die schwierigen Gespräche kommen erst noch», prognostiziert UBS-Ökonom Alessandro Bee. Der Experte rechnet mit einem Aktienjahr, in dem die Risiken aufgrund des Handelsdisputs und der US-Wahlen nach unten und oben grösser sind als in anderen Jahren.

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Ein schlechter Deal

Dass die Börsen zurückhaltend auf die Teileinigung reagierten, verwundert Experten nicht. «Wie erwartet, gab es nur eine Einigung auf den kleinsten gemeinsamen Nenner», sagt Sybille Wyss, CIO und Vorsitzende des Anlageausschusses von Tareno. Wegen der tiefen Zinsen und des Anlagenotstands glaubt sie, dass Aktien gegenüber Cash und Bonds 2020 die Nase vorn haben. Geht es nach der Expertin, ist der Handelskonflikt trotz des Deals alles andere als gelöst: «Wir sehen kein unmittelbares Happy End.»

In der Phase 2 geht es mit Produktpiraterie und staatlichen Subventionen um die Kernthemen des Streits zwischen den Supermächten. Zudem rechnet Tareno nach dem Waffenstillstand zwischen China und den USA mit wachsenden Handelsstreitigkeiten zwischen den USA und Europa. Wie schnell Donald Trump die über Jahrzehnte gefestigten transatlantischen Beziehungen auf die Probe stellen kann, hat sich zuletzt im Konflikt um Frankreichs Digitalsteuer gezeigt. Als Reaktion darauf hat der US-Präsident mit einer 100-prozentigen Luxussteuer für französische Produkte gedroht.

Gold und Bitcoin

Gold und Bitcoin haben auf den ersten Blick nicht viel gemein. Doch beide werfen keine Dividenden oder Zinsen ab, sind in ihrer Menge begrenzt und lassen sich nur mit hohem Energieaufwand schürfen. Enorme Unterschiede bestehen in der Volatilität. Aufgrund der hohen Schwankungen eignet sich Bitcoin 2020 zur Spekulation. Der Anteil im Portfolio sollte jedoch nur sehr klein sein. Kommen seriöse Alternativen von Notenbanken, droht der Totalverlust. Der ist bei Gold wohl ausgeschlossen. Nicht zuletzt deshalb ist das Edelmetall als sicherer Hafen gefragt. Die Angst vor Geldentwertung, Rezession und von Menschen wie Bashar al-Assad ausgelösten Kriegen und Krisen treibt den Kurs an.

Handelskonflikte und Zölle wirken sich nicht nur auf die Umsätze einzelner Unternehmen aus, sondern belasten auch die Konjunktur. Wegen der Unsicherheit, wie es im globalen Handel weitergeht, halten sich Firmen mit grösseren Projekten und umfangreicheren Investitionen, die über das Tagesgeschäft hinausgehen, zurück. Businesspläne landen in den Schubladen, Lieferanten gehen leer aus. Die Passivität schaukelt sich immer weiter hoch.

Der Brexit kommt als Thema noch hinzu. Durch den Wahlsieg der Konservativen steht dem formellen Austritt Grossbritanniens am 31. Januar nichts mehr im Weg. Doch die Neuverhandlung der wirtschaftlichen Beziehungen ist komplex. «Solange die künftigen Handelsbeziehungen nicht festgezurrt sind, bleibt die Lage unsicher», sagt Union-Investment-Chefökonom Jörg Zeuner.

Während in den USA der Konsum alles bewegt, sind in Europa und Asien die Investitionen der Unternehmen für das Wirtschaftswachstum entscheidend. Die deutsche Industrie ging bereits in die Rezession. Deutschland ist Europas wichtigster Markt, global gesehen aber ein Nebenschauplatz. Der Fokus liegt auf den USA. Rutscht die grösste Volkswirtschaft der Welt in die Rezession, gilt der Crash an den globalen Aktienbörsen als unvermeidlich. Noch sehen die meisten Experten – anders als die Crashpropheten – für die Zukunft nicht schwarz. Auch wenn die Welt 2019 synchron in eine Schwächephase schlitterte, mündet die Konjunktur laut den zahlreichen Optimisten nicht in eine Rezession. Der Waffenstillstand zwischen Peking und Washington kommt als Unterstützung für die Weltwirtschaft noch dazu.

«In der Eurozone gibt es immer mehr Indizien, dass das vierte Quartal der Tiefpunkt gewesen sein könnte. Auch in Asien geht es wohl wieder aufwärts.»

Daniel Hartmann, Bantleon
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Dynamisch sieht zwar anders aus, aber Frühindikatoren deuten darauf hin, dass die Talsohle durchschritten ist und die globale Konjunktur 2020 tatsächlich wieder etwas an Tempo gewinnt. So legte der Ifo-Geschäftsklimaindex als wichtigster Frühindikator der deutschen Wirtschaft im November leicht zu. In China sind die Einkaufsmanagerindizes wieder auf Expansionsniveau. «Unsere Frühindikatoren geben für 2020 grünes Licht. In der Eurozone gibt es immer mehr Indizien, dass das vierte Quartal der Tiefpunkt gewesen sein könnte. Auch in Asien geht es wohl wieder aufwärts», sagt Daniel Hartmann, Chefökonom des Vermögensverwalters Bantleon. Er sagt für den DAX unter bestimmten Voraussetzungen ein Plus von bis zu 20 Prozent voraus.

Das Rezessionsgespenst

Positives Denken ist bei Banken und Vermögensverwaltern traditionell verbreitet. Ihre Segel blasen sich wieder auf. «Stabilisierung in flauem Umfeld», titelt die ZKB in ihrem Ausblick. «Und sie behauptet sich doch», schreibt der Chefanleger der CS, Michael Strobaek, im Outlook. Auch in den USA scheint die längste Expansion seit den 1850er Jahren in die Verlängerung zu gehen. Im dritten Quartal wuchs die US-Wirtschaft aufs Jahr gerechnet um 2,1 Prozent.

Das Rezessionsgespenst, das im Sommer noch die Märkte erschreckte, taucht nur noch vereinzelt auf. An die Wand malt es Nobelpreisträger Robert Shiller. «Die Rezession wird kommen, da bin ich mir ziemlich sicher», sagte er Anfang Dezember. Die Verunsicherung durch den Handelsdisput sei einfach zu gross. Shiller hat die Finanzkrise vorhergesagt, könnte dieses Mal aber eines Besseren belehrt werden.

«Der anhaltend starke Konsum ist der wesentliche Grund für die Hochstände an den Aktienmärkten.»

Christoph Schenk, ZKB

Hoffnung machen die Arbeitsmärkte. «Die Arbeitsmärkte sind in sehr guter Verfassung, und die Löhne wachsen robust», sagt Bantleon-Experte Hartmann. In den USA sank die Arbeitslosenrate im November auf 3,5 Prozent und ist damit so niedrig wie seit 50 Jahren nicht mehr. Auch wenn die Zahlen durch Teilzeitbeschäftigungen geschönt sind, so ist die Angst, in Zukunft ohne Job dazustehen, gering. Das wiederum fördert die Bereitschaft, die Einkünfte nicht zur Seite zu legen, sondern in Shoppingmalls in Güter zu investieren. «Der anhaltend starke Konsum ist der wesentliche Grund für die Hochstände an den Aktienmärkten», sagt ZKB-Experte Schenk. Für die US-Konjunktur spielen die Verbraucher die entscheidende Rolle. 70 Prozent des Bruttoinlandprodukts hängen vom Privatkonsum ab. Im Dezember hat sich die Stimmung der USVerbraucher deutlich aufgehellt.

Nicht nur das Weichen der Jobangst treibt die Menschen in die Läden. Auch viele Aktiendepots weisen nach der jahrelangen Hausse Gewinne aus. Die Preise für die Eigentumswohnung oder das Haus sind in vielen Regionen regelrecht explodiert. In den USA kletterte der Case-Shiller-Hauspreisindex über das Niveau vor der Finanzkrise. «Der Anstieg der Vermögenspreise ist Teil des Masterplans der Zentralbanken. Die Menschen fühlen sich reicher und konsumieren», sagt Schenk.

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Konstant tiefe Zinsen

Swiss-Life-Experte José Antonio Blanco hält die Überlegung, dass die Geldpolitik die Märkte immer wieder rette, für falsch: «Sie schmiert den Motor und hilft nur kurzfristig. Langfristig muss die Wirtschaft als Motor der Börsen selber laufen.» Auch wenn die Wirkung der Massnahmen umstritten ist, bleiben die Notenbanken auf absehbare Zeit als Unterstützer aktiv. Abgesehen von den Vermögenspreisen ist keine Teuerung in Sicht. Die Notenbanken können die Zinsen daher weiterhin tief halten und die Investoren in die Aktienmärkte treiben.

«Es gibt derzeit keine Gründe, warum die Zinsen steigen sollten», so Blanco. Grund wäre eine Kehrtwende in der Geldpolitik, aber die erfolgt nicht in einem Wahljahr. Vielsagend ist die jüngste Auktion der Schweizer Nationalbank. Am 11. Dezember hat die SNB eine bis Juli 2039 laufende Anleihe unter die Investoren gebracht. Zinssatz: 0,00 Prozent. Angesichts guter Wirtschaftsdaten und niedriger Arbeitslosigkeit hat die US-Notenbank ihren Leitzins zuletzt im Korridor zwischen 1,5 und 1,75 Prozent belassen. In den USA haben tiefe Zinsen einen positiveren Effekt. Dort sind Schulden verbreiteter als Sparguthaben.

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«Bei diesem Zinsniveau gibt es nicht mehr viel Spielraum, das dürfte die Diskussion beflügeln, ob die Geldpolitik am Ende ist und durch Fiskalpolitik ersetzt wird.»

Alessandro Bee, UBS

Die Nationalbank muss nach wie vor einen Tick unattraktiver sein als die Europäische Währungsunion. Zuletzt hat SNBChef Thomas Jordan den Leitzins trotz wachsender Kritik und Zweifeln, ob die Negativzinsen den starken Franken überhaupt schwächen, auf –0,75 Prozent belassen. Für Europa sieht die UBS sogar noch eine Zinssenkung von –0,5 auf –0,6 Prozent. Doch die Belastung von Banken und Sparern ist bereits gross. «Bei diesem Zinsniveau gibt es nicht mehr viel Spielraum, das dürfte die Diskussion beflügeln, ob die Geldpolitik am Ende ist und durch Fiskalpolitik ersetzt wird», sagt Alessandro Bee von der UBS.

Aktienmärkte sind «the place to be»

Japan spielt wieder Pionier. Nach fast 20 Jahren der Nullzinspolitik beginnt das Land nun die Wirtschaft fiskalisch zu stimulieren. Anfang Dezember beschloss Premierminister Shinzo Abe ein milliardenschweres Ausgabenprogramm. In den kommenden 15 Monaten werden zur Belebung 13,2 Billionen Yen in die drittgrösste Volkswirtschaft der Welt investiert. Das sorgt in Regierungen und Parlamenten für Gesprächsstoff. Statt Schuldenabbau wird nun wieder der Ausbau der Verbindlichkeiten zum Thema. Sogar im sparsamen deutschen Bundestag wurde bereits über die Sinnhaftigkeit einer schwarzen Null im Bundeshaushalt diskutiert. Wie die lockere Geldpolitik würden auch steigende Ausgaben die Aktienmärkte befeuern. Zudem gilt: Je höher die Schulden, desto schwerer ist es für Staaten, die Zinsen zu erhöhen.

Für Anleger stellt sich die Frage, wie sie sich in so einem Umfeld aufstellen sollen. Solange die Zinsen auf dem Boden bleiben, sich der Handelsstreit nicht wieder zuspitzt und die Rezession nicht zum Thema wird, sind die Aktienmärkte trotz der etwas beunruhigenden Hochstände mangels gewinnbringender und risikoärmerer Alternativen wohl «the place to be». Politische Unterstützung gibt es: «Trump rühmt sich für Aktienmarktperformance, für ihn wäre es gut, wenn die Börsen weiterhin liefen», sagt Sybille Wyss von Tareno. Zwar sind die Bewertungen von Aktien nach der fast elfjährigen Hausse hoch. Doch ist der Vergleich mit Obligationen für die meisten Investoren entscheidend, und hier sehen Aktien sogar günstig aus.

Die meisten Banken raten in dem unsicheren Umfeld zu Aktien mit hoher Qualität. Das sind in der Regel grössere Firmen mit überschaubaren Schulden, verlässlichen Dividenden und starken Marktpositionen in wenig zyklischen Bereichen. Konsumgetriebene oder solide Dividendenaktien, eher aus dem Large-Cap-Bereich, hält Tareno-CIO Wyss bevorzugt in den Depots. Für sie fallen L’Oréal, Adidas und Deutsche Post unter eine dieser beiden Kategorien. «Konsum- wie auch Dividendentitel profitieren von den weltweit tiefen Zinsen», so Wyss. Demografische Trends spielen solchen Firmen in die Hände. In Emerging Markets wächst die Zahl der kaufkräftigen Konsumenten stetig.

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Immobilien

Immobilien sind einer der Kanäle, in die ein grosser Teil der Liquidität fliesst. Pensionskassen investieren in Grossprojekte, Kleinanleger setzen auf Betongeld. Negativzinsen auf Sparkonten werden diese Entwicklung noch befeuern. Doch das Preisniveau ist vor allem in der Schweiz hoch. Nur noch zehn Prozent der Mieterhaushalte könnten sich Wohneigentum leisten. Sinn machen Immobilienfonds, die international investieren. Bei Gewerbeimmobilien lässt sich auf Trends wie Lager für den Onlinehandel setzen.

Risiko Schweiz

Hohe Qualität findet man in der Schweiz auch an der Börse. Passiv auf den gesamten Markt zu setzen, könnte sich 2020 durch die Zusammensetzung des Marktes als die falsche Strategie erweisen. Nestlé, Roche und Novartis stehen für mehr als die Hälfte des Gesamtmarktes und kämpfen 2020 wohl mit Gegenwind.

Nestlé wurde 2019 als Aushängeschild für solide Gewinne und stabile Dividenden als Bondersatz gekauft und ist der wichtigste Treiber für den Schweizer Markt. «Doch jetzt ist die Aktie so teuer wie noch nie. Die Kursrakete Nestlé ist etwas ausgebrannt», sagt Fondsmanager Urs Beck. Das Risiko für überdurchschnittliche Schwankungen und eher fallende als steigende Aktienkurse ist auch bei den Pharmariesen Roche und Novartis wahrscheinlich. Während der US-Wahlkampf läuft, werden diese Titel ihrem defensiven Charakter nicht gerecht. Gegen die hohen Medikamentenpreise zu poltern, ist bei Demokraten und Republikanern populär und wird Teil vieler Wahlkampfreden sein. Sowohl für Roche als auch Novartis sind die USA der mit Abstand wichtigste Markt. Qualität hat mittlerweile ihren Preis. Da viele Investoren schon 2019 auf Qualität setzten, befinden sich diese Werte auf All-Time Highs und sind anfällig für Enttäuschungen.

Mutigere Anleger, die an eine längerfristige Lösung im Handelskrieg glauben, können in der Schweiz auf zyklischere Werte setzen. Autozulieferer haben mit 2019 ein besonders schwieriges Jahr hinter sich gebracht und sind im Vergleich zum Gesamtmarkt noch günstiger bewertet. Nach Fondsmanager Urs Beck könnten sich Wetten auf Schweizer Zulieferer rechnen: «Die Zulieferer leiden noch, doch das könnte sich 2020 und 2021 ändern.»

Die Lieferanten der Autoriesen haben die Kosten gedrückt und können ihre Gewinne nun auch bei stagnierenden Absatzzahlen steigern. Laut Beck macht es Sinn, sich auf die von Stückzahlen abhängigen Komponentenhersteller zu fokussieren – etwa Autoneum, Feintool, SFS. Vom Trend zu mehr IT im Auto profitieren Firmen wie VAT, Comet oder Inficon. Zu den günstigeren Sektoren zählen Banken wie CS oder Valiant. Beck: «Diese stärken ihre Eigenkapitalbasis und driften nicht ihrem Ende entgegen.» Crashproheten sehen das anders.

Dieser Text erschien in der Januar-Ausgabe 01/2020 der BILANZ.