Tag für Tag werden Anleger derzeit mit neuen Kurszielen oder Ratings von Aktien konfrontiert. Kein Wunder: Es ist immer noch «Earnings Season», die Unternehmen veröffentlichen also ihre Jahreszahlen. Und mit neuen Erkenntnissen aus Umsatz, Gewinn und Margen ergibt sich für die Aktien der Unternehmen oft eine andere Ausgangslage.

Urheber der Kursziele und Ratings sind Banken, Broker oder unabhängige Analysefirmen. Analysten durchwühlen bei der Einschätzung der Fitness einer Firma aber nicht bloss die Zahlenkränze. Sie gehen das ganze Jahr durch auf Roadshows von Firmen, führen regelmässig Gespräche mit Finanzchefs und Kunden, studieren die Entwicklung der Konkurrenzfirmen und die Trends der Branche.

Der Befund der Analysten mündet in erster Linie in einem traditionellen «Buy»- (sehr oft), «Hold»- (häufig), oder «Sell»-Rating (eher selten) für die Aktie, versehen mit einem Kursziel. Dabei entspricht ein «Buy»-Rating einer Kaufempfehlung. Bei einem «Hold» soll ein Anleger den Aktienbestand unverändert lassen. Bei einem «Sell» wird der Verkauf eines Titels empfohlen.

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Es gibt auch Begriffe wie «Underperform» (was einer Verkaufsempfehlug entspricht), «Market Perform» (Halten) oder «Outperform» (Kaufen) im Analystenvokabular. Die Ratingempfehlungen gelten zumeist auf die Sicht von 12 Monaten.

Schwieriger sind Kurszielempfehlungen einzuordnen. Kursziele sind nichts anderes als Prognosen, wohin sich ein Kurs entwickeln sollte, sofern die der Kurszielberechnung zugrundeliegenden Faktoren und Einflüsse konstant bleiben. Finanzanalysten verzichten meist auf die Angabe einer Zeitspanne, was deren Aussagekraft erheblich verringert. Im Endeffekt fungieren Kursziele als «flexible Wegweiser» und sind nicht in Stein gemeisselt.

Wie unabhängig sind die Analysten?

Viele Ratings und Kursziele stellen sich im Nachhinein als falsch heraus. Das hat damit zu tun, dass Analysten oft nur auf rückwärtsgewandte Daten wie Quartalsberichte zurückgreifen können. Ändert sich das konjunkturelle Umfeld, laufen Ratings und vor allem Kursziele einer Entwicklung am Markt oftmals hinterher.

Der Unterschied zwischen «Buy-Side»- und «Sell-Side»-Analysten muss ebenfalls betont werden: Ein Buy-Side-Analyst arbeitet für Vermögensverwalter wie Pensionskassen oder Hedgefonds. Dabei sind die Empfehlungen dieser Analysten für Aussenstehende nicht erhältlich. Ein Sell-Side-Analyst unterstützt hingegen im Grunde genommen die Handelsabteilung seiner Bank, indem er Aktienempfehlungen öffentlich macht.

«Es ist kein Zufall, dass 'Sell'-Ratings eher selten vergeben werden – selbst wenn der Gesamtmarkt über längere Zeit negativ tendiert.»

Dies wirft immer wieder die berechtigte Frage auf, wie unabhängig Papiere von Sell-Side-Analysten sind. Sind deswegen Analysten der Buy-Side «besser»? Nicht unbedingt, denn sie ziehen bei ihren Einschätzungen meist Forschungsberichte des Sell-Side hinzu. 

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Druck zum Positiven

Von Kritikern wird auch oft ins Feld geführt, dass Analysten unter Druck stünden, hauptsächlich positive Ratings herauszugeben. So gesehen ist es kein Zufall, dass «Sell»-Ratings eher selten vergeben werden – selbst wenn der Gesamtmarkt über längere Zeit negativ tendiert. Oft gehörte Erklärungsversuche und Vorwürfe nebst dem «Verkäufer»-Argument: Analysten wollen es sich nicht mit dem Management des bewerteten Unternehmens verscherzen, von dem sie sich in bilateralen Gesprächen exklusive Informationen erhoffen. 

Oder: Das Unternehmen selber oder ein hochrangiger Vertreter ist Kunde der Bank, für den der Analyst arbeitet.

Diskussionen über bessere Transparenz von Interessenkonflikten bei Bankanalysten kochen immer dann hoch, wenn es an den Märkten zu Crashs kommt – so geschehen nach der Dotcom-Blase oder beim Börsenabsturz 2007 bis 2009 im Zug der Finanzkrise. Diese Diskussionen haben in den letzten 20 Jahren zu vielen neuen Regulierungen innerhalb von Banken geführt.

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Absolut oder relativ

Fakt bleibt: Viele Anleger verwenden die Analystenempfehlungen als Hilfestellung für ihren Anlageentscheid. Und etliche neue Kursziele hinterlassen vor allem kurzfristig deutliche Spuren bei den Aktienkursen. Die Bedeutung der Begriffe «Buy», «Hold» oder «Sell» variiert aber zwischen den einzelnen Banken:

Während Berenberg mit einer «Buy»-Empfehlung das Aufwärtspotenzial einer einzelnen Aktie angibt, muss bei Julius Bär der Sektor mitberücksichtigt werden. Die Credit Suisse gibt hingeben gar keine quantitative Angabe, sondern hantiert mit Wörtern wie «überdurchschnittlich», «durchschnittlich» und «unterdurchschnittlich».

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Vergleich der Vergleiche 

Die Uneinheitlichkeit der Analystenratings hat zur Folge, dass ein Vergleich zwischen den Analysten schwierig wird. Hinsichtlich des Vergleiches bietet die Analysten-Informations-Plattform TipRanks immerhin für die Wall-Street-Analysten eine Hilfestellung. Mittels eines Gratis-Abonnements können Anleger die Aktien-Ratings der besten Analysten betrachten und die hypothetischen Renditen vergleichen.

Ungeachtet der Nähe der Sell-Side-Analysten zu der Handelsabteilung und dem Wirrwarr um die Begrifflichkeiten: Ratings und Kursziele können bei Anlageentscheiden ein wichtiges Hilfsmittel sein. Analysten-Einschätzungen sind auch ein Gradmesser für die Stimmung am Markt. Anleger sollten daher weniger eine einzelne Analystenmeinung beachten, sondern vielmehr den Konsens. Eine Aktie, die die Analysten mehrheitlich mit einem «Buy»-Rating versehen, zeigt oftmals auch eine entsprechende Performance auf einen längeren Zeithorizont.

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Für kurzfristige Anlageentscheide sind Analystenratings meist ungeeignet. Geschehen heftige Kursziel- oder Rating-Änderungen – wie eine Heraufstufung von «Sell» auf «Buy» –,  so kann dies den Kurs zwar heftig bewegen. Bis aber Privatanleger auf die Rating-Änderung reagieren können, ist der Kursanstieg meist schon Geschichte. Einzig kurzfristig agierende Trader versuchen, von Ratingänderungen zu profitieren. Dafür muss aber die zeitliche Koordinierung für den Kauf passen.

Dieser Beitrag erschien erstmals auf «Cash.ch» unter dem Titel: «Was Anleger bei Analystenratings beachten müssen».

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