Normalerweise ist es für ein Land schmeichelhaft, in einem Ländervergleich auf den ersten Platz zu kommen. Für den «Financial Secrecy Index» gilt diese Regel aber nicht: Dort wird die Schweiz wie schon in der letzten Ausgabe 2015 als grösste Steueroase bezeichnet. Auf dem zweiten Platz ist neu ein Land, welches weniger oft in diesem Zusammenhang in der Kritik steht: Die USA. Die weiteren Spitzenplätze in der Liste des Forschungsinstituts «Tax Justice Network» (TJN) besetzen die britischen Cayman-Islands, Hongkong und Singapur.

Die Schweiz ist aus Sicht des TJN immer noch die «Grossmutter» aller Offshore-Finanzplätze. Zwar habe die Schweiz ihre Praktiken in den letzten Jahren verbessert, schreibt das britische Institut. Die neuen Regeln seien aber weiterhin unzureichend, findet das TJN – und erwähnt unter anderem den sogenannten Automatischen Informationsaustausch (AIA).

Nicht alle Staaten profitieren vom AIA

So tausche die Schweiz jetzt zwar Steuerdaten mit anderen Ländern aus. Vom AIA profitierten aber nur ausgewählte Länder – mit vielen Entwicklungsländern habe die Schweiz hingegen noch kein Abkommen dazu abgeschlossen. «Weissgeld für reiche und einflussreiche Staaten, Schwarzgeld für verletzliche Entwicklungsländer», umschreibt das TJN das Schweizer Vorgehen.

Bei den USA vermisst das TJN Fortschritte, die Transparenz bei Geldflüssen zu verbessen. Das Land nehme nicht an internationalen Initiativen zum Austausch von Steuerdaten teil und erlaube es den US-Bundesstaaten weiterhin, Unternehmen und Fonds Anonymität zu garantieren. Staaten wie Delaware an der Ostküste gelten als beliebter Sitz für Briefkastenfirmen. 2009 hatte das TJN in ihrem Index die USA schon einmal als grösste Steueroase bezeichnet – seitdem kam aber meistens die Schweiz in den Genuss des Schmähtitels.

Das Forschungsinstitut nimmt die Steuerpraktiken von über hundert Staaten anhand von 20 Hauptkriterien unter die Lupe. Bewertet werden beispielsweise die Geldwäschereigesetze oder der Austausch von Steuerdaten mit anderen Ländern.

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(mbü)