Was beschäftigt derzeit die Finanzmärkte?
Tilmann Galler*: Im Oktober und den folgenden Wochen erlebten wir an den Aktienmärkten trotz guter Quartalszahlen der Unternehmen teils empfindliche Kursrückgänge. Bestimmendes Thema war zuletzt die Frage nach der Nachhaltigkeit des globalen Wirtschaftswachstums. Zahlreiche Konjunkturdaten, insbeondere ausserhalb der USA, haben sich inzwischen verschlechtert, zudem nehmen Zweifel am positiven Momentum der US-Wirtschaft zu. Die zentrale Frage lautet entsprechend, ob den Industrieländern nun im kommenden Jahr das Ende der langjährigen Expansionsphase bevorsteht, oder ob es sich nur um eine spätzyklische Abkühlung des Wachstums handelt. Nach unserer Ansicht ist Letzteres der Fall. Eine anhaltend robuste Konsumnachfrage, die durch weitere Lohnsteigerungen und den jüngst gefallenen Ölpreis unterstützt wird, sollte in 2019 sowohl das Wachstum der US- als auch der europäischen Wirtschaft vor einer Rezesion bewahren.

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Die Augen der Investoren richten sich zurzeit verstärkt auf den US-Aktienmarkt. Nach den Rekordgewinnen des 3. Quartals nimmt die Besorgnis zu, dass in den zukünftigen Quartalen sowohl das Gewinnwachstum als auch die Rentabilität der Unternehmen unter Druck geraten werden. Beide Sorgen haben durchaus ihre Berechtigung. Den operativen Margen dürften im kommenden Jahr beide Seiten zusetzen. Die zu erwartende Wachstumsabkühlung wird sich negativ auf das Umsatzwachstum auswirken, während auf der Kostenseite die Löhne und Finanzierungskosten steigen. Dennoch erwarten wir unter dem Strich, dass die Gewinne in 2019 moderat ansteigen können. Der Schweizer Aktienmarkt konnte sich in dem volatilen Umfeld der letzten Monate aufgrund seines eher defensiven Charakters relativ gut behaupten. Wir sehen gute Chancen , dass sich dieser Trend – zumindest in den kommenden Monaten – fortsetzen wird.

TilmannGallerBoerseninterviewJPMorgan

*Tilmann Galler arbeitet als globaler Kapitalmarktstratege für die deutschsprachigen Länder bei J.P. Morgan Asset Management in Frankfurt. Er ist Teil des globalen «Market Insights»-Teams, das auf Basis von umfangreichem Research für institutionelle und Retail-Kunden Informationen rund um die globalen Volkswirtschaften und Kapitalmärkte erstellt, analysiert und Implikationen für die Investmentstrategien ableitet. In dieser Funktion ist er auch Ansprechpartner für die Fach- und Wirtschaftspresse.

Quelle: ZVG
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Donald Trump und Xi Jingping haben vergangene Woche im US-chinesischen Handelsstreit eine Einigung erzielt. Wird dieser Konflikt in wenigen Monaten wieder aufflammen?
Die USA und China haben am Rande des G20-Gipfels einen Waffenstillstand im bilateralen Handelskrieg vereinbart. Nicht mehr – aber auch nicht weniger. Die kommenden 90 Tage sollen nun genutzt werden um eine tragfähige Vereinbarung hinsichtlich der strittigen Punkte zu finden: Handelshemnisse, geistiges Eigentum und Marktzugang. Der Umstand, dass die US-Seite von dem ausgewiesenen Chinakritiker Robert Lighthizer vertreten wird, lässt erahnen, dass eine Einigung nicht leicht zu erzielen sein wird.

Katar verlässt die Opec, die USA sind zum weltgrössten Erdölhersteller aufgestiegen. Wie stark kann das Ölkartell Opec den Energiemarkt noch beeinflussen und was heisst dies für die Entwicklung des Ölpreises?
Der angekündigte Austritt Katars aus der OPEC hat sicherlich mehr symbolische als wirtschaftliche Bedeutung. Der Anteil Katars an der Gesamtrohölproduktion der OPEC liegt bei circa 2 Prozent. Dennoch erodiert aufgrund der steigenden Produktion in Nordamerika die Fähigkeit zur Preisfestsetzung. Wie stark das Kartell zukünftig den Energiemarkt beeinflussen kann, wird sich daran zeigen ob es der OPEC gelingt die Kooperation mit Russland zu vertiefen.

Der Franken hat zum Euro zuletzt wieder an Wert gewonnen. Könnte die EU-Währung im kommenden Jahr wieder unter die Schwelle von 1.10 Franken fallen?
Der Franken bleibt weiterhin ein Spielball der politischen und ökonomischen Risiken in der Eurozone. Jede weitere Verschärfung des Budgetkonflikts mit Italien und ein Rückfall der Währungsunion in eine Rezesssion könnten den Aufwertungsdruck für den Franken aufrechterhalten. Wir erwarten jedoch für 2019 keine weitere politische Eskalation und rechnen im Verlauf des Jahres 2019 mit einem Ende der aktuellen konjunkturellen Schwächephase der Eurozone, was dem Euro im Vergleich zum Franken wieder Auftrieb verschaffen sollte. Fundamental ist der Schweizer Franken für uns eine eher teure Währung.

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Gold gilt als beliebte Anlagemöglichkeit in unsicheren Zeiten. Wird das Edelmetall in 2019 angesichts der Spannungen in der Weltpolitik von seiner Rolle als «sicherer Hafen» profitieren?
Der Anstieg der nominalen und realen US-Renditen haben die Opportunitiätskosten des Goldinvestments in den letzten 12 Monaten erhöht. Dennoch haben sich die Aussichten für Gold in 2019 verbessert. Die grösser werdenden konjunkturellen Risiken, und die damit zu erwartende Zunahme an Unsicherheit und Volatilität an den Märkten werden die Nachfrage nach risikorärmeren Anlageklassen aufrechterhalten. Gold mit seiner leicht negativen Korrelation zu Aktienrisiken ist dafür ein geeignetes Instrument.

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