Einen wahren Wahlkrimi erlebte zuletzt Österreich. Der ehemalige Chef der Grünen, Alexander Van der Bellen, sicherte sich mit einem hauchdünnen Vorsprung von 31'000 Stimmen gegenüber dem Rechtspopulisten Norbert Hofer das Amt des Bundespräsidenten. Im ersten Wahlgang hatte Hofer den Kandidaten der beiden Regierungsparteien SPÖ und ÖVP eine schwere Niederlage verpasst und damit ein mittleres politisches Beben ausgelöst. Der sozialdemokratische Bundeskanzler Werner Faymann nahm seinen Hut. Die Nachfolge trat Christian Kern an.

Als bisheriger CEO des staatlichen Bahnunternehmens ÖBB eilt dem neuen Regierungschef ein wirtschaftsfreundlicher Ruf voraus. Bereits bei seiner Antrittsrede vor dem Parlament in Wien sprach Kern von einem Ruck, der nun durch das Land gehen müsse. Mit einem «New Deal» möchte der SPÖ-Politiker das Wachstum anregen und mehr Jobs schaffen.

In der Tat könnte die österreichische Wirtschaft einen positiven Impuls gut gebrauchen. In den vergangenen vier Jahren dehnte sich das Bruttoinlandprodukt (BIP) im Schnitt lediglich um 0,6 Prozent aus. Gleichzeitig nahm die Arbeitslosenquote sukzessive auf mehr als 9 Prozent zu. Immerhin scheint sich die Lage nun etwas zu bessern. Nachdem das BIP im Schlussquartal 2015 nur um 0,2 Prozent vorangekommen war, legte die Wirtschaftsleistung von Januar bis März um 0,6 Prozent zu. «Wir erwarten für Österreich weiterhin ein Wirtschaftswachstum von 1,5 Prozent im Jahr 2016», schreiben die Ökonomen der Bank Austria in ihrem Konjunkturausblick. Das wäre die höchste Steigerungsrate seit 2011.

ATX – klein, aber fein

Zusammen mit der politischen Aufbruchstimmung spricht dieses Szenario für einen genaueren Blick auf die Wiener Börse. Im Gleichlauf mit dem breiten europäischen Aktienmarkt gab der Austrian Traded Index (ATX) seit dem Jahreswechsel um rund 5 Prozent nach. In dieser Benchmark sind die 20 umsatzstärksten, in Wien kotierten Aktien enthalten. Banken- und Immobilienwerte geben mit einem Anteil von zusammen mehr als 40 Prozent den Ton an. Im internationalen Vergleich ist der ATX ein kleiner Index. Gemessen am Streubesitz beträgt die Kapitalisierung umgerechnet gerade einmal 35 Milliarden Franken. Zum Vergleich: SMI-Schwergewicht Nestlé bringt es auf einen Börsenwert von 235 Milliarden Franken.

Dem Reiz einzelner ATX-Mitglieder kann diese Diskrepanz keinen Abbruch tun. Beispiel Lenzing (ISIN AT0000644505): Ein Kursplus von rund 20 Prozent hievt den Textilfaserhersteller 2016 an die Spitze des Austro-Index. Das oberösterreichische Unternehmen ist auf holzbasierte Cellulosefasern spezialisiert. Nach Ansicht des Managements könnte es sein, dass dieser Markt weltweit bis 2020 um 5 bis 6 Prozent jährlich wachsen wird. Als zentralen Treiber erachtet Lenzing das starke Bevölkerungswachstum sowie den steigenden Wohlstand in den Schwellenländern. Diese Entwicklung könnte dazu führen, dass der Pro-Kopf-Verbrauch im Textil-Bereich in den Emerging Markets zwischen 2010 und 2020 um rund die Hälfte am Zunehmen ist.

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Lenzing – Analysten sind zuversichtlich

Unter anderem mit der Fokussierung auf nachhaltige Spezialfasern versucht Lenzing den vermeintlichen Megatrend abzugreifen und den Profit kontinuierlich zu steigern. Konkret soll das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) bis 2020 jährlich im Schnitt um einen Zehntel zulegen. Die Richtung stimmt.

Für das erste Quartal meldete Lenzing ein prozentual zweistelliges Wachstum und übertraf damit die Markterwartungen deutlich. Trotz des starken Momentums ist der ATX-Top-Performer nicht teuer. Auf der Basis der für 2017 erwarteten Überschüsse beträgt das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) weniger als 13. Diese Kennzahl geht mit einer Dividendenrendite von mehr als 3 Prozent einher. Analysten rechnen mit weiteren Avancen, laut Reuters liegt das Konsens-Rating aktuell bei «Outperform».

Conwert – starkes Wachstum

Auch bei Conwert (ISIN AT0000697750) heben die Experten mehrheitlich den Daumen. Kürzlich stufte die Deutsche Bank den Immobilientitel auf «Kaufen» herauf und nannte ein Kursziel von 17,50 Euro – ein Aufschlag von gut einem Fünftel auf die aktuelle Notierung. Der Verkauf von Liegenschaften und ein strikter Sparkurs brachten Conwert 2015 zurück in die Gewinnzone. Nach einem Jahr Pause konnten sich die Aktionäre wieder über eine Dividende freuen. 2016 möchte das Management weiter zulegen.

Die in der Immobilienbranche viel beachtete Ergebniskennzahl Funds from Operations I (FFO I) soll bei mehr als 65 Millionen Euro landen und damit den 2015er-Wert um gut einen Fünftel übertreffen. Gleichzeitig peilen die Verantwortlichen durch die Konzentration des Portfolios auf die Wohnungsmärkte in Österreich und Deutschland ein Verkaufsvolumen von 300 bis 350 Millionen Euro an.

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RHI – günstig bewertet

Während Conwert 2016 bei der Performance bis dato zu den fünf stärksten ATX-Titeln in diesem Jahr zählt, rangiert RHI (ISIN AT0000676903) in der unteren Hälfte des Performance-Rankings. Gleichwohl zählt das in Wien beheimatete Unternehmen mit einem 2017er-KGV von weniger als 8 zu den günstigsten Blue Chips des Landes. RHI produziert feuerfeste Auskleidungen für Schmelzöfen. Zu den wichtigsten Kunden zählen der Stahlkonzern ThyssenKrupp sowie der Baustoffriese LafargeHolcim. Im vergangenen Jahr sorgte nicht zuletzt die Stahlkrise dafür, dass RHI beim operativen Ergebnis einen prozentual zweistelligen Rückgang verbuchte. Der Profit nahm im ersten Quartal 2016 weiter ab. Gleichwohl prognostiziert das Management für das Gesamtjahr eine stabile Entwicklung.

Thomas Neuhold, Aktienanalyst bei KeplerCheuvreux, stellt in einem Kommentar fest, dass die Guidance damit deutlich über den aktuellen Analystenschätzungen liegt. Gleichzeitig verweist er auf die ansprechende Bewertung sowie auf die Chance, dass sich die Lage im Stahlsegment weiter verbessern könnte. Vor diesem Hintergrund stuft der Experte die RHI-Aktie mit «Kaufen» ein und taxiert das Kursziel auf 24 Euro. Zum Vergleich: Aktuell steht das dividendenstarke Papier – die Rendite für 2016 beträgt 4,7 Prozent – bei 17,26 Euro.

Übrigens: Anleger können sich den ATX auch als Ganzes ins Portfolio holen. An der Schweizer Börse ist ein entsprechender Indexfonds (ISIN LU0392496690) der Commerzbank kotiert. Mit einem Gesamtvermögen von umgerechnet 13,7 Millionen Franken handelt es sich dabei um einen relativ kleinen Exchange Traded Fund. Die Gesamtkostenquote von 0,25 Prozent p.a. ist dennoch niedrig.

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