An den Aktienmärkten in Europa scheint es derzeit unwahrscheinlich zu sein, dass es zu neuen Kurshochs kommen wird. Dem SMI fehlen rund 15 Prozent, um den Gipfel erreichen zu können, beim EURO STOXX 50 sind es sogar mehr als 40 Prozent. Und doch gibt es Branchen, die auf Rekordjagd sind. Ein Sektor, bei dem die Korken knallen, sind Spirituosenkonzerne.

So haben beispielsweise Campari und Diageo gerade neue Bestmarken erreicht, und Remy Cointreau ist derweil auf ein Drei-Jahres-Hoch ausgebrochen. Dabei machen die Hersteller auch operativ eine gute Figur. So konnte Campari die Erwartungen mit ihren jüngsten Geschäftszahlen klar übertreffen.

Campari – starkes Wachstum in den USA

Dank einer starken Nachfrage nach «Aperol» und «SKYY Vodka» nahmen die Erlöse zum Jahresauftakt um 7,2 Prozent zu, der operative Gewinn kam sogar mit 21 Prozent überproportional voran. Das Unternehmen profitiert von der Nachfrage in Deutschland, welche rund einen Zehntel des Geschäfts von Campari ausmacht und vor allem von der hohen Nachfrage aus Übersee. Die USA zeigt sich für 41 Prozent der Konzernerlöse verantwortlich. Hier macht sich auch der schwache Euro positiv bemerkbar. Nebst auf organisches Wachstum setzt Campari zudem auf Übernahmen. Zuletzt hat sich die Firma den französischen Wettbewerber Grand Marnier einverleibt, und aktuell bereitet er ein Delisting und Squeeze-out der neuen Tochter vor.

Die Aussichten für Campari sind weiterhin positiv. Nicht nur die Strategie überzeugt, auch die Rahmenbedingungen sprechen für die Firma. So geht das staatlich kontrollierte Kreditversicherungsunternehmen SACE davon aus, dass Italiens Nahrungsmittelexporte bis 2019 im Schnitt um 5 Prozent zulegen und damit jeden anderen Sektor übertreffen werden. Für das Wachstum soll vor allem China sorgen. Die Experten von SACE schätzen, dass die Ausfuhren ins Reich der Mitte im Durchschnitt um 12 Prozent zulegen werden.

Pernod Ricard – neues Kurshoch im Visier

China ist allerdings Hoffnungsträger und Bremse zugleich. Aktuell trifft eher das Zweitgenannte zu, denn seit die Regierung verschärft gegen Korruption vorgeht, können Spirituosenhersteller nicht mehr so leicht ihre edlen Tröpfchen an den Mann bringen. Zu spüren bekommt dies derzeit Pernod Ricard, deren Bilanz zum dritten Quartal des laufenden Geschäftsjahres 2015/16 (30. Juni) vom Anti-Korruptionskampf der Chinesen geprägt war.

So kamen die Umsätze nicht so schnell voran wie von Analysten erwartet. Zwar gab es ein Plus um 1 Prozent, doch die Prognosen mit einem Wachstum um 1,3 Prozent wurden verfehlt. Der weltweit zweitgrösste Spirituosen-Konzern, dessen Marken Mumm, Absolut Vodka und Martell bekannt sind, glaubt aber, dass er seine Jahresziele erreichen wird. So soll sich der operative Gewinn im Gesamtjahr um 1 bis 3 Prozent verbessert haben. Genaues werden Anleger am 25. August erfahren, wenn Pernod ihre Zahlen präsentieren wird.

Die Pernod-Aktie schickt sich derweil an, in den dreistelligen Kursbereich vorzudringen und damit das Rekordhoch aus dem vergangenen Jahr bei 117 Euro ins Visier zu nehmen. Der Konkurrent aus dem eigenen Land, Remy Cointreau, ist zwar noch etwas weiter von seinen früheren Spitzen entfernt, mit Blick auf die jüngste Performance-Entwicklung haben die Franzosen aber die Nase vorne. Um satte 16 Prozent legte der Titel in diesem Jahr gegenüber dem Markt zu, Pernod sitzt hingegen noch auf einem Minus von 5 Prozent.

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Remy Cointreau trifft derzeit mit seinem Luxus-Cognac voll den Geschmack der Verbraucher. Im abgelaufenen Geschäftsjahr per Ende März wies das Unternehmen einen Gewinnanstieg von 6 Prozent aus und übertraf damit die Konsensschätzungen. Insbesondere das Geschäft mit hochpreisigen Spirituosen in den beiden wichtigsten Märkten USA und China haben dem Konzern Auftrieb gegeben.

Diageo: Britischer Senkrechtstarter

Beinahe im 90-Grad-Winkel nach oben gegangen, ist es zuletzt mit der Aktie von Diageo. Um knapp einen Fünftel verteuerte sich der Titel seit der Brexit-Entscheidung. Aufgrund der internationalen Ausrichtung gelten die Briten als Profiteure der aktuell tiefen Pfundnotierung. Auch die defensive Geschäftsausrichtung des Herstellers von Johnnie Walker und Captain Morgan hilft dem Titel. Daher könnte es sein, dass die Aufwärtsfahrt des FTSE-100-Titels noch nicht zu Ende ist.

Allerdings wird die Luft wohl langsam dünner werden. Die von Thomson Reuters aufgeführten Gewinnschätzungen je Aktie gehen für die kommenden zwei Jahre nur von einem Wachstum um 9,5 Prozent aus, das Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt aber jenseits der 20. Damit werden bereits mögliche Gewinnrevisionen nach oben eingepreist. Campari und Remy Cointreau bringen es bei einer in etwa gleichen KGV-Basis auf ein durchschnittliches erwartetes EPS-Wachstum von 14 Prozent.

Entscheidend wird nun sein, was das Management für einen Ausblick geben wird. Am 28. Juli wird Diageo den Geschäftsbericht für 2015/16 (30. Juni) vorlegen und dabei auch eine Prognose wagen. Was das abgelaufene Jahr betrifft, zeigt sich Analyst Olivier Nicolai von Morgan Stanley zuversichtlich. Er rechnet mit einem Umsatzwachstum von 2,8 Prozent sowie mit einem Ebit-Anstieg um 3,2 Prozent und verleiht dem Titel ein «Outperform»-Rating.

In das gleiche Horn bläst BNP-Analyst Eamonn Ferry, der sein Kursziel von 2150 auf 2250 Pence angehoben hat. Er glaubt zudem an eine «Beschleunigung des Wachstums» im zweiten Halbjahr 2016. Es könnte also sein, dass die Rally weitergehen wird.

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