Daniel Müller hat zu viel Geld. Im vergangenen Jahr haben seine Kunden wieder mehr auf ihre Konten einbezahlt, als er über Kredite loswerden konnte. Es ist Jahresende und Müller ruft der «Handelszeitung» das voraussichtliche Ergebnis seiner Bank ab. Er kann das jederzeit tun. Denn er ist der Chef der Bank, ihr einziger Vollzeit-Angestellter, und die Bank macht kaum etwas anderes als Sparkonten und Hypotheken. Das ist simpel. Doch so schwierig wie heuer war das Geschäft noch nie.

Willkommen bei der Ersparniskasse Speicher (EKS), der kleinsten Bank der Schweiz. 1,9 Stellen gibt es hier, verteilt auf drei Angestellte. Ende Jahr hatte die Bank 79 Millionen Franken in der Bilanz. Es bräuchte 12'000 Ersparniskassen, um auf die Grösse der UBS zu kommen.

Auf den ersten Blick sieht die EKS aus wie irgendeine Bank. Direkt am Bahnhof von Speicher AR gelegen, eine Schalterhalle, ein schicker Tresor mit Kundensafes, Beratungsräume. In einer Ecke beim Treppenhaus stehen drei blaue Sparschweine, daneben ein paar Werbegeschenke: Ein Eiskübel der Brauerei Schützengarten und etwas Schokolade. «Schauen Sie da nicht so genau hin», bittet Müller.

Hier im Dorf kennen ihn die meisten. Spätestens seit er für das Video zum Jubiläum der Bank hinter dem Schalter schlafend posiert hat. Und anschliessend mit Zahnbürste im Mund im Tresorraum. Auf die Bitte des «Handelszeitung»-Fotografen, doch seinen «Tschoopen» anzuziehen, sagt er nur, das mache er nie. Beim Fotoshooting begrüsst er einen Passanten mit einem kollegialen «Hoi». Später stellt sich heraus: Das war ein Kollege der hiesigen Raiffeisenbank.

Mit anderen Banken ist die EKS schwer vergleichbar. Als Minibank bietet sie nur Konten und Kredite an. Dazu Zahlungsverkehr und Fremdwährungen. Man sei die klassische Zweitbank, sagt Müller. Karten stellt die EKS nicht aus. Wieso auch, sie besitzt keinen Geldautomaten.

Die Marge schmilzt dahin

Eigentlich geht es der Bank gut. Vor kurzem konnte sie ihr 200-Jahr-Jubiläum feiern und Müller blickt auf gut dreissig Jahre zurück, während deren sich die Bilanzsumme versechsfachte. Die EKS baute Reserven auf, schreibt jedes Jahr einen Gewinn. Doch die tiefen Zinsen drücken. Jedes Jahr verdient die EKS etwas weniger. «Wir brauchen eine Zinsmarge von 0,85 Prozentpunkten», sagt Müller. «Auf dreijährigen Hypotheken haben wir jetzt noch 0,9 Prozent.» Noch vor zehn Jahren brachte das Zinsgeschäft fast 1 Million Franken ein. 2019 waren es 640'000 Franken. Das Kosten-Ertrags-Verhältnis ist von 55 Prozent auf 78 Prozent angestiegen. Eigentlich ist das viel zu viel. 

Aus Risikogründen vergibt die Bank nur Festhypotheken mit Laufzeiten von bis zu drei Jahren. Die meisten Kunden würden aber am liebsten auf 15 Jahre abschliessen. Auch verliere man aufgrund der strengen Kriterien Kunden an die Konkurrenz, sagt Müller. Bisher bezahlte sich die konservative Strategie jedoch aus. «Wir mussten noch nie einen Rappen abschreiben», sagt er stolz. Die Zahl der Zweithypotheken kennt er auswendig. «Im Moment sind es zwanzig Kunden.»

«So kleine Banken haben durchaus ihre Berechtigung. Viele sind gut unterwegs.»

Andreas Dietrich, Hochschule Luzern

Eine solche Bank dürfte es eigentlich nicht mehr geben. Skalenvorteile, technologischer Wandel, immer komplexere Vorschriften zwingen zu Grösse. Jahr für Jahr sinkt denn auch die Zahl der Banken in der Schweiz. Ende 2019 waren es noch 264. Als vor zwei Jahren die Spar- und Leihkasse Leuk in der Walliser Kantonalbank aufging, gab es keine mehr, die kleiner war als die Bank in Speicher. Der «Tages-Anzeiger» schrieb über sie einmal: «Die Frage ist, wie lange sich die Kunden noch mit diesem rudimentären Service zufriedengeben.» Das war vor 22 Jahren.

«So kleine Banken haben durchaus ihre Berechtigung», findet Andreas Dietrich, Bankenprofessor an der Hochschule Luzern. «In unserer Retailbanken-Studie gehören immer wieder ganz kleine Banken zu den Besten.»

Daniel Müller_Chef der Ersparniskasse Speicher.Fotografiert in Speicher (SG) am 3.12.2020

Den «Tschoopen» zieht Daniel Müller für den Fotografen nicht an. Das mache er nie, sagt er.

Quelle: Salvatore Vinci

Schon nach der Finanzkrise habe man den Kleinstbanken den Tod vorausgesagt, doch er sei nicht eingetreten. «Viele sind noch immer gut unterwegs.» Ein Grund dafür ist gerade die Digitalisierung. Zwar steht in der Ersparniskasse kein Bankomat, doch die Kunden haben über E-Banking Zugriff auf ihr Konto und können ihre Bankgeschäfte seit diesem Jahr auch über das Handy abwickeln. Es sei einfacher geworden, sich an Dritte anzudocken, sagt Dietrich. Auch die EKS profitiert von der Entwicklung. Seit 13 Jahren arbeitet sie mit der Bankensoftware der Hypothekarbank Lenzburg, seit drei Jahren sind auch die Server an diese ausgelagert. «Wir waren die Pilotbank für das Kernbankensystem Finstar», sagt Müller stolz.

Dorfleben am Rande St. Gallens

In der Mittagspause führt uns der Bankchef an den Dorfrand, hinauf auf die «Ebni». Auf der einen Seite könne man bei schönem Wetter auf den Säntis blicken, auf der anderen bis runter an den Bodensee. Auf dem Weg passieren wir nicht nur stolze Fabrikantenhäuser – auch die Ersparniskasse wurde einst von zwei Industriellen eingerichtet –, sondern auch die Wohnorte von Müllers Vorgesetzten. Und wie bestellt, treffen wir auch den Vizepräsidenten der Bank an. Speicher, das Dorf.

Gleichzeitig verändert sich der Viertausend-Seelen-Ort. Neben den Bauernhöfen werden moderne Wohnungen für Stadtflüchtlinge gebaut. Denn Speicher ist eben auch das: Ein steuergünstiger Vorort St. Gallens. Mit dem Bähnli, das längst zu einem Tram mutiert ist, ist man in zwanzig Minuten im Stadtzentrum.

Die grösste Gefahr für Banken wie die EKS sei die Überalterung der Kundschaft, sagt Dietrich. Gelingt es noch, die junge Generation zu gewinnen? Das bestätigt auch Müller. Früher kamen die Eltern Ende Jahr mit den Kindern vorbei, um das Münz aus den Kässeli einzuzahlen. «Und Anfang Jahr standen sie alle wieder hier, um im Sparheft den Zins nachtragen zu lassen.» Später wurden auch die Kinder gute Kunden – entweder fürs Sparkonto oder für die Hypothek.

Müsste eine Bank heute nicht mehr bieten? Nein, findet Müller. «Wir besprechen das regelmässig. Doch wir halten es mit dem Motto: Schuster, bleib bei deinen Leisten.» Das Anlagegeschäft etwa würde es notwendig machen, das Team zu vergrössern, und das rechne sich nicht. Dasselbe gelte für das Firmenkundengeschäft. Dem stimmt auch Dietrich zu. «Bei dieser Grösse muss man sich fokussieren», sagt der Bankenprofessor. Nähe könne durchaus ein Verkaufsargument sein. «Es gibt Kunden, die suchen nicht den Marmorpalast, sondern eine einfache Bank.»

Einzige Schweizer Bank als Stiftung

Und die immer strengeren Vorschriften der Finanzmarktaufsicht (Finma)? «Das ist zunehmend ein Problem, aber noch kann man damit leben», sagt Müller. Die Ersparniskasse profitiert von Ausnahmebestimmungen. Das vorgeschriebene Minimum von 10 Millionen Franken Eigenkapital erreicht sie mit ihren zuletzt 9,6 Millionen noch nicht ganz. «Doch wir sind auf gutem Weg dahin», so Müller. Auch ist sie eine der 66 Banken, die nach dem neuen Kleinbankenregime beaufsichtigt werden. Die teure Finma-Revision muss jetzt nur noch alle drei Jahre stattfinden. Gänzlich aus der Reihe tanzt sie mit der Rechtsform. Die EKS ist als einzige Bank der Schweiz direkt als Stiftung aufgestellt. Ein Thema mit der Finma sei das nicht. «Wir haben null Druck, das zu ändern.»

Daniel Müller_Chef der Ersparniskasse Speicher.Fotografiert in Speicher (SG) am 3.12.2020

Fast jeder dritte im Ort ist Kunde der Sparkasse. Müller kennt von vielen die Kontonummern auswendig.

Quelle: Salvatore Vinci

Mit Ärgernissen anderer Banken muss Müller sich nicht abgeben. Automatischer Informationsaustausch (AIA) und Steuerabklärungen? Gibt es hier nicht, denn Müllers Kunden wohnen alle in der Schweiz. Zwanzig Konten musste man bei der Einführung des AIA aufheben, mehr nicht. «Wenn ein Gastarbeiter wegzieht, schliessen wir das Konto», so Müller. «Wir bekommen das schon mit.»

1730 Kunden hat die Ersparniskasse Speicher, fast jeder dritte hier im Ort. Von vielen kennt Müller die Kontonummer auswendig. «Mir gefällt die Breite meiner Arbeit, dass ich für alles verantwortlich bin», sagt der 59-Jährige. Die Unabhängigkeit der Bank aufzugeben, kommt für ihn nicht infrage. «Nicht, solange es anders möglich ist.» Noch nicht mal in einem Verband sei man Mitglied, auch nicht bei der Bankiervereinigung. «Das kostet viel zu viel.» Dass er das gleiche Argument aufführt, wie die kürzlich ausgetretene Raiffeisen Gruppe, lässt Müller schmunzeln.