Weine aus Italien zählen zu den besten der Welt. Das wird auch beim Jahrgang 2013 so sein. In Piemont, der Toskana und auch in Sizilien werden herausragende Tropfen gekeltert – Jahr für Jahr. Von Investitionsmöglichkeiten in Italien berichten Anleger hingegen kaum je verzückt – geschweige denn von einem möglichen Jahrhundertjahr. Der Milliardär Gilberto Benetton warnt: «Es ist schwierig, wenn nicht unmöglich, in Italien zu investieren. Ausländische Geldgeber lassen sich an einer Hand abzählen.» Das klingt nach einer Bananenrepublik und nicht nach Anlagechancen auf dem Börsentableau in Mailand.

Doch trotz Krise gibt es diese Anlagechancen, nicht nur in Italien, sondern auch in anderen Ländern der Eurozone. Das liegt vor allem an Mario Draghi, dem Chef der Europäischen Zentralbank (EZB). Seine Ankündigung, dass die EZB im Notfall unbegrenzt Staatsanleihen von Euroländern kaufen werde, führte zu einer deutlichen Beruhigung an den zuvor sehr schwankungsanfälligen lokalen Börsen. Die Notenbank übernimmt so die Rolle eines Kreditgebers der letzten Zuflucht. Damit wird zwar keines der politischen und strukturellen Probleme Europas gelöst, doch die für die Lösung notwendige Zeit gekauft.

Die Rahmenbedingungen von und in Europa haben sich seither verbessert. Die Leistungsbilanz der Währungsunion ist als Ganzes ausgeglichen, die Lohnstückkosten sind in der Peripherie gefallen und werden es gemäss Prognosen weiter tun, schreibt die Neue Helvetische Bank.Die tieferen Lohnstückkosten werden die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen erhöhen. Die sich daraus ergebenden rosigeren Aussichten für die Unternehmensgewinne sind noch nicht in die Aktienkurse eingepreist. Modelle, die den fairen Preis von Aktien schätzen, legen eine Unterbewertung europäischer Aktien von rund 50 Prozent nahe.

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In Spanien zeigt sich die tiefe Bewertung etwa daran, dass die Dividendenrendite des ibierischen Leitindex IBEX 35 bei hohen 6,5 Prozent liegt. Zum Vergleich: In der Schweiz beträgt die Dividendenrendite des SMI drei Prozent. Anleger können beispielsweise mit einem Indexfonds, kurz ETF, der Deutschen Bank an der Entwicklung des spanischen Aktienmarktes und der hohen Dividendenrendite partizipieren (ISIN: LU0592216393). Dank dessen tiefen Gebühren von nur 0,3 Prozent pro Jahr bleibt unter dem Strich viel von der Dividendenrendite übrig. Deutlich mehr als bei den meisten Obligationen an Zinsen verdient werden kann. Jan Peterhans, Leiter Aktien von Swisscanto, erklärt: «Die hohen Dividendenrenditen in Europa sind eine attraktive Alternative zu Obligationen. Diese Stärke wurde während der Krise von den Investoren ignoriert.»

Belastungsprobe. Die Dividende alleine reicht aber nicht aus, um Investoren in grosser Zahl anzuziehen. Die Märkte sind wegen Silvio Berlusconi beunruhigt. Die anstehenden Wahlen sind nicht nur für Italien, sondern für die Eurozone insgesamt eine Belastungsprobe. Der Aufwärtstrend an vielen Börsen ist vor der Ausmarchung einer Seitwärtsbewegung gewichen. Aktuell stellt die Politik die Kurse.

Doch «politische Börsen haben kurze Beine», weiss ein Kalenderspruch, und auch die Chancen für eine Rückkehr des Cavaliere ins Präsidentenamt sind klein. So gesehen, bringt es Marie Owens Thomsen, Ökonomin von Crédit Agricole, auf den Punkt: «Die Wahl ist ein Thriller, kein Killer.» Es dürfte sich also auszahlen, mutig zu sein. Der italienische Standardwerteindex FTSE MIB behauptet sich wegen der politischen Unwägbarkeiten im laufenden Jahr nur knapp im Plus und hat kurzfristig grosses Aufholpotenzial im Fall der Wahl eines Mitte-Links-Bündnisses. Mit Blick auf die Gebühren und aus Gründen der Diversifikation ist es am vorteilhaftesten, mit einem ETF von iShares (IE00B1XNH568) auf ein Aufbäumen des italienischen Leitindex zu setzen.

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Die tiefen Bewertungen in den Krisenländern Europas ziehen vor allem eine Sorte Investoren an – Value-Anleger. Beim wertorientierten Anlegen geht es darum, Aktien zu kaufen, deren innerer Wert sich nur zu Teilen im Börsenkurs wiederfindet. Puristen beziehen sich auf Benjamin Graham und die Bücher «Security Analysis» und «The Intelligent Investor». Letzteres wurde von Warren Buffett als das beste Buch bezeichnet, das je für Anleger geschrieben wurde. Die Wissenschaft differenziert diverse Strategien unter dem Obergriff Value (siehe Tabelle unter 'Downloads'), doch etwas ist den unterschiedlichen Ansätzen gemeinsam: Sie schneiden besser ab als ihre jeweiligen Referenzindizes. Das haben Untersuchungen bestätigt. Im Zeitraum von 1926 bis 1998 betrug die Überrendite der Value-Strategien pro Jahr 7,5 Prozent, hält das Fondshaus Acatis fest. Die Überlegenheit des Ansatzes ist breit abgestützt, über das Ausmass diskutiert die Wissenschaft kontrovers. Im Fall von weiteren überlegenen Strategien wie «Insider», die besonders gut abschneiden, sind die jeweiligen Untersuchungszeiträume jedoch klein und die Anzahl der Studien überschaubar, was die Aussagekraft einschränkt.

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Ein Titel, der von den Value-orientieren Schnäppchenjägern immer wieder als kaufenswert bezeichnet wird, ist OPAP. Dabei handelt es sich um den grössten griechischen Lotterie- und Sportwettenbetreiber – etwas salopp formuliert gibt es im Fall OPAP nur ein Risiko, nämlich dass Griechenland die Drachme wieder einführen und die Gewinne in der Landeswährung und nicht in Euros verrechnen könnte.

Eine andere Aktie, die auf der Beobachtungsliste vieler Value-Anleger steht, ist der spanische Telekomanbieter Jazztel. Jan Peterhans von Swisscanto nennt Kaufgründe: «Der Konkurrent von Telefónica wächst rasch, gewinnt Marktanteile und wird als Übernahmekandidat gehandelt. Sogar über eine Dividendenzahlung wird spekuliert.» Die extremste Unterbewertung für einen europäischen Aktienmarkt zeigen die Bewertungsmodelle jedoch nicht für Spanien, Portugal oder Griechenland an, sondern für Italien (siehe Grafik unter 'Downloads').

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Vor allem angelsächsische Institutionelle machen immer noch einen grossen Bogen um die Börse Mailand. Die lahme Konjunktur und die hohe Verschuldungsquote schrecken sie ab. Dabei übersehen sie, dass die Schulden, ähnlich wie in Japan, mehrheitlich von den Italienern selbst gehalten werden. Zudem lässt Landsmann Mario Draghi keinen Zweifel daran, die Schuldzinsen falls nötig auf ein erträgliches Niveau zu drücken. Doch das dürfte so schnell nicht der Fall sein, derzeit rentieren die Anleihen 4,4 Prozent. Nicht nur an der Zins-, auch an der Konjunkturfront sind die Risiken überschaubar. Die Schrumpfung der Wirtschaft hat sich verlangsamt, und der Trend kehrt möglicherweise bereits in der zweiten Jahreshälfte. Spätestens aber 2014, das prognostizieren jedenfalls viele Banken, unter anderem Crédit Agricole. Die Börse handelt Erwartungen in der Regel mit einem Vorlauf von rund sechs Monaten. Die Kurse sollten also demnächst auf breiter Front anziehen.

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Länderrisiken vermeiden. Finanztitel schwingen dabei wohl obenaus. Sie haben das grösste Erholungspotenzial. Ein Beispiel: Der Lebensversicherer Unipol weist ein Kurs-Buch-Verhältnis von nur gerade 0,3 auf, und die italienischen Banken sitzen im Gegensatz zu den spanischen Mitbewerbern nicht auf einem Berg fauler Kredite als Folge der geplatzten Immobilienblase. Auch die Neue Helvetische Bank hat sich in Italien umgeschaut, auf ihrer Einkaufsliste stehen ENI, Fiat Industrial und Parmalat.

Wer Länderrisiken beim Anlegen scheut, aber dennoch von der Wiedererstarkung Europas profitieren will, streut seine Engagements vorzugsweise über einzelne Sektoren. Jan Peterhans führt die aktuelle Positionierung von Swisscanto aus: «Wir haben ein Übergewicht an Zyklikern wie Banken, Diversified Financials, Versicherungen, Medien, Automobile, IT-Hardware und Software und ein Untergewicht an defensiven Branchen wie Versorger, Basiskonsumgüter und Pharma.» Dank dem Boom des passiven Investierens haben die grossen Anbieter mittlerweile auf beinahe sämtlichen Sektoren des europöischen Aktienmarktes Produkte im Angebot.

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