Die Börsen bebten kurz, aber heftig; seit Juni verlor das Schweizer Blue-Chip-­Barometer SMI zeitweise bis zu 5,5 Prozent, der deutsche Leitindex DAX büsste 10,2 und Frankreichs CAC 40 gegen zehn Prozent ein. Die US-Märkte kamen glimpflicher davon. Den Kursrutsch ausgelöst haben Befürchtungen, wonach sich die Zeit der weltweiten Tiefzinsphase ihrem Ende zuneigt; das Anleihen-Rückkaufprogramm der amerikanischen Notenbank Fed läuft bald aus, die sich aufhellende US-Konjunktur spricht ebenfalls für höhere Zinsen.

Die Zinsängste sind bereits wieder zerstoben, die Börsen haben sich etwas erholt. Für die Banken ist damit alles im Lot. «Die Aktienmärkte haben die ­Unsicherheiten weitgehend verarbeitet», schreibt etwa J. Safra Sarasin. Eine konträre Meinung vertreten unabhängige Börsenexperten. Roland Leuschel (77) beispielsweise prognostiziert eine baldige und scharfe Korrektur. Er bezeichnet die Geldschwemme der Notenbanken als «kurzsichtig und verantwortungslos», ja geisselt sie als «die grösste geldpolitische Katastrophe aller Zeiten».

Nun gilt Leuschel als Crashprophet. Dennoch ist seine Warnung ernst zu nehmen. Die Börsenhausse der letzten Jahre wurde durch die lockere Geldpolitik ­genährt. Ziehen die Zinsen eines nicht allzu fernen Tages an, rücken wieder Fundamentaldaten in den Fokus. Und da sieht es nicht gerade toll aus: In Deutschland und Frankreich schwächt sich die Wirtschaft ab, Italien befindet sich in der Rezession, die Konflikte in der Ukraine, im Irak sowie in Syrien verschärfen sich. ­Paradoxerweise haben gerade die schwachen Konjunkturdaten in Europa die Börsenstimmung jüngst beflügelt. Die Investoren glauben, dass die EZB nun die Zinsen nicht so rasch anheben kann. Nur sind langfristig nicht das Billiggeld, sondern steigende Unternehmensgewinne das Salz der Börse. Doch auch damit hapert es; nicht wenige Konzerne haben enttäuschende Semesterresultate geliefert. Vorderhand wird die Börsenparty weitergehen. Der jüngste Börsenrumpler aber war ein deutliches Warnzeichen.

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Gewinne einfahren

Spätestens jetzt ist es an der Zeit, das Wertschriftendepot zu durchforsten. Gerade Privatanleger tun sich schwer damit, Kursgewinne ins Trockene zu bringen. Doch nur realisierte Gewinne sind echte Gewinne. Vorsicht vor Papieren, die nach der Dauerhausse hoch bewertet sind. Titel wie Bachem, Barry Callebaut, Burckhardt, Conzzeta, DKSH, Dufry, Ems-Chemie, Kühne + Nagel oder Lindt & Sprüngli müssen bei einer Börsenkorrektur Federn lassen.

Wer bald heftige Turbulenzen erwartet, sollte einen guten Teil des Depots als Liquidität halten. Aktien jedoch sind langfristig immer noch die vielversprechendste Anlageform, zudem fehlt es an echten Alternativen. Mit Blick auf magere Börsenzeiten halte ich mich an Schweizer Blue Chips von Unternehmen, deren Aktien sich auch in schwachen Märkten gut halten. Dazu gehören Nestlé, SGS, Syngenta, Swiss Re, Zurich, Novartis oder Roche. In meiner Kolumne von Ende Juli habe ich aus solchen Titeln ein Fussballteam gebildet.

Saubere Sache

Damals nur knapp gescheitert an einer Nomination ins Fussballteam ist Geberit. Nicht weil das 1874 gegründete Unternehmen zu geringe Qualitäten oder zu wenig Kurspotenzial aufweist, sondern weil ich zu viele Kandidaten hatte. Denn der europäische Marktführer für Sanitärtechnik hat fraglos seine Reize: Geberit ist eine Cash Cow und verfügt über ein stetiges, wenn auch nicht berauschendes Umsatz- und Ertragswachstum. Der Konzern hat auch im ersten Semester den soliden Wachstumskurs beibehalten; der Umsatz stieg um 7, der Gewinn um überdurchschnittliche 17 Prozent.

Die Valoren gehören zu den defensiven Papieren, die in Haussephasen üblicherweise eher ein Mauerblümchendasein fristen. Und doch haben sich die Titel über die letzten drei Jahre im Wert verdoppelt. Was dazu führte, dass sie mit einem für das nächste Jahr geschätzten KGV von 20,4 ziemlich saftig bewertet sind. Andererseits bieten die Valoren in unsicheren Börsenzeiten eine gute Stütze. Auch die Dividendenrendite für 2014 von geschätzten 2,8 Prozent ist nicht ohne. Geberit eignen sich nur für längerfristig disponierende Investoren.

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IBM vor Turnaround?

Die freundlicheren Konjunkturaussichten in Übersee sprechen für US-Aktien. Zudem winken Währungsgewinne, denn der Dollar dürfte sich spürbar erholen. Angetan hat es mir vor allem eine Firma, die bei Börsianern als Loser gilt: IBM. Big Blue hat sich vom Computerkonzern zum weltgrössten IT-Dienstleister gewandelt. Doch der Umbau ist mit Kontraktionen verbunden; neun Quartale in Folge ist der Umsatz geschrumpft. Vor allem das Hardware-­Geschäft lahmt. Der Aktienkurs bewegt sich denn auch seit langem seitwärts. Konzernchefin Virginia (Ginni) Rometty will über Sanierungsprogramme, den Abbau von Stellen sowie den Verkauf der Kleinserver-Sparte für 2,3 Milliarden Dollar den einstigen Vorzeigekonzern wieder in ertragreichere Gewässer steuern. Im zweiten Quartal stieg denn auch der Gewinn um 28 Prozent.

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Bei IBM herrscht wieder Aufbruchstimmung. Bahnbrechend die Zusammenarbeit mit dem einstigen Wider­sacher Apple. Gemeinsam sollen Anwendungen für iPhone und iPad sowie Cloud-Dienste entwickelt werden. Vielversprechend auch die milliardenteure Entwicklung des «denkenden» Supercomputers Watson, der Ausbau der Cloud-Technologie oder die mit drei Milliarden aufgepeppte Chip-Forschung. In meinen Augen werden die Aktien verkannt. Das zeigt sich auch daran, dass sie lediglich mit einem für 2015 geschätzten KGV von 9,6 bewertet sind. Dennoch ­eignen sich IBM nur für risikofreudige Anleger. Gelingt der Turnaround, winken schöne Kursgewinne.

*Frank Goldfinger ist der anonyme ­Börsenspezialist der BILANZ. Schreiben Sie ihm an: bahnhofstrasse@bilanz.ch.