Die Aktienmärkte sind nervös, es kommt immer wieder zu kaum erklärbaren Kursausschlägen. In dieser Situation ­bieten sich aber auch Chancen für den Einstieg in Titel, bei denen die Börse ­untertreibt. Beispielsweise bei einigen Aktien von Luxusgüterkonzernen. Seit Monaten sind diese Valoren auf Talfahrt. Seit den Höchstkursen dieses Jahres büssten ­Richemont zeitweise 19 Prozent ein, Swatch Group verloren bis zu 28 Prozent, LVMH und Hermès 15 Prozent. In den letzten Tagen haben sich die Notierungen wieder etwas erholt.

Die von satten Wachstumsraten verwöhnte Branche sieht sich unversehens einer schwächeren Nachfrage gegenüber. Vor allem die Hersteller von Luxusuhren registrieren Bremsspuren; in Europa trübt sich die Konjunktur ein, reiche ­Russen fehlen zunehmend als Kunden, in China stockt der Absatz. Von der Nachfrageflaute in Asien besonders betroffen ist Richemont: Der Genfer Konzern erzielt rund zwei Fünftel des Umsatzes in dieser Region. Beim Aushängeschild Cartier musste sogar Kurzarbeit eingeführt werden, bei anderen Uhrenmarken wird diese Massnahme geprüft. Der jüngst vorgelegte Semester­ausweis zeigt zwar ein leichtes Umsatzwachstum, doch ist der Gewinn um annähernd ein Viertel ein­gebrochen.

Besser auf Kurs ist die Swatch Group. Der weltgrösste Uhrenhersteller hat zwar für das erste Halbjahr eine Wachstumsverlangsamung beim Umsatz und einen Gewinnrückgang gemeldet. Für das zweite Semester jedoch zeigt sich Konzernchef Nick Hayek zuversichtlich. Auch mittel- bis längerfristig bescheinigen Analysten dem Unternehmen ein rascheres und profitträchtigeres Wachstum als der Konkurrenz. Zudem dürfte die von Apple lancierte Smartwatch den Schweizer Uhrenproduzenten weit weniger treffen, als das die Börse befürchtet. Unter den Luxusgütertiteln gehören Swatch zu meinen Favoriten, die Papiere sind mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 13,7 günstig bewertet. Doch wer einsteigt, muss viel Geduld mitbringen.

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Breites Sortiment

Auch andere Luxusgütervaloren wie Burberry oder Prada sind dank den Kurskorrekturen vergleichsweise billig zu haben. Gut gefallen mir LVMH. Der weltweit grösste Luxusgüterkonzern mit mehr als 60 Marken besitzt ein wohlausgewogenes Portefeuille, das von Wein und Spirituosen über Mode, Lederwaren, Parfums und Kosmetika bis zu Uhren und Schmuck reicht. Dank dieser Diversifikation lassen sich Schwächephasen in einzelnen Segmenten auffangen. Für die ersten neun Monate meldet Bernard Arnault, Chef und Hauptaktionär des französischen Unternehmens, einen um vier Prozent höheren Umsatz. Zwar spürte auch LVMH die schwache Nachfrage in Asien, doch in den USA und Europa läuft es rund. Die Aktien sind vor allem für längerfristig orientierte Anleger interessant.

Renditekracher

Die beiden Versicherungskonzerne Zurich Insurance Group und Swiss Re gehören seit längerem zu jenen Schweizer Unternehmen, die ihre Aktionäre über saftige Dividenden verwöhnen. Und daran soll sich nichts ändern. Zurich-CEO Martin Senn hat erklärt, dass das Hauptaugenmerk einer dauerhaft attraktiven Ausschüttung gelte. Ins gleiche Horn stösst Swiss-Re-Chef Michel Liès, wenn er sagt, erste ­Priorität habe eine wachsende Dividende. Aktuell bietet Zurich eine Dividendenrendite von sechs Prozent, bei Swiss Re sind es auf Basis der letzten Ausschüttung sogar zehn Prozent. Doch darin war eine Sonderdividende enthalten. Mit einer gekürzten Dividende von geschätzten fünf bis sechs Franken ­rentieren die Valoren immer noch 6,3 bis 7,5 Prozent.

Bei solch gewaltigen Renditen ist die Kursentwicklung, solange sie nicht gerade negativ ausfällt, fast nebensächlich. Doch Swiss Re vermag auch hier zu überzeugen und schwingt beim Performancevergleich über die letzten vier Jahre gegenüber Zurich deutlich obenauf. Einzig in den vergangenen 52 Wochen hat ­Zurich besser abgeschnitten. Dennoch setze ich mittelfristig auf Swiss Re.

Der Rückversicherer erfreut sich eines ausgezeichneten Geschäftsgangs; in den ersten neun Monaten wurde gleich viel Gewinn erwirtschaftet wie im gesamten Vorjahr. 2014 dagegen ist mit einer Verflachung zu rechnen, doch ist die Dividende nicht in Gefahr. Dagegen hat Zurich an Gewinntempo verloren. Wurde per Mitte Jahr noch ein Ertrags­plus von 14 Prozent gemeldet, verblieb nach neun Monaten ein Plus von dünnen 3 Prozent. Für das nächste Jahr ist ebenfalls mit einer flauen Ertragsentwicklung zu rechnen. Immerhin dürfte die Dividende gesichert sein.

Gipfelstürmer

Vor zwei Jahren ging EFG Financial Products an die Börse. Zu dem Zeitpunkt war die von vier Partnern gegründete Firma gerade mal fünf Jahre alt. Ich gab dem Going public keine gros­se Erfolgschance. Einmal wegen des jugendlichen Alters, noch mehr aber wegen des Geschäftszwecks: Die später in Leonteq umbenannte Firma bietet ­institutionellen Anlegern strukturierte Anlageprodukte samt den dazugehörigen Dienstleistungen an. Zu der Zeit stand die Derivatebranche in einem etwas schiefen Licht.

Ich irrte mich – und zwar gewaltig. In nur zwei Jahren haben sich die Leonteq-Aktien im Wert verfünffacht, inzwischen wird die Gesellschaft mit gegen zwei Milliarden Franken bewertet. Das starke Wachstum bei den Einnahmen und die überproportionalen Zunahmen beim Ertrag dürften anhalten. Zusätzliche Impulse sind von der neusten Zusammenarbeit zu erwarten; jüngst kündigte Mitgründer und CEO Jan Schoch (37) eine Partnerschaft mit der Singapurer DBS Bank an. Leonteq wird künftig für das grösste Geldhaus Südostasiens strukturierte Aktienderivate entwickeln und vertreiben. Für einige Finanzanalysten ist Leonteq die nächste Partners Group.

Das Resultat: Im Aktienkurs steckt viel Zukunftshoffnung – nach meinem Geschmack etwas gar viel. Das geschätzte KGV für nächstes Jahr stellt sich auf über 30. Wer auf diese Titel setzt, braucht einen sehr langen Atem.

*Frank Goldfinger ist der anonyme ­Börsenspezialist der BILANZ.Schreiben Sie ihm an: bahnhofstrasse@bilanz.ch