Die Langfristziele waren (zu) ambitiös: Syngenta, weltgrösster Produzent von Pflanzenschutzmitteln und führender Anbieter von Saatgut, wollte jährlich um acht Prozent wachsen und die Marge bis 2018 auf 24 bis 26 Prozent hebeln. Doch heute sieht sich die Agrobranche einem stockenden Absatz gegenüber. Deshalb kündigte CEO Michael Mack vor Monaten ein Sparprogramm an, das jüngst konkretisiert wurde. Das Ausmass hat mich überrascht: 1800 Arbeitsplätze werden abgebaut, davon 500 am Hauptsitz in Basel. Diese Stellen werden grösstenteils nach Manchester oder Budapest verlagert.

Gespart werden soll auf dem ­Buckel des Personals. Und für das nächste Jahr ist eine weitere Kündigungswelle nicht auszuschlies­sen. Für die Entlassungen hätte ich Verständnis, wäre es um Syngenta grottenschlecht bestellt. Doch das ist nicht der Fall: 2013 verbesserte sich der Umsatz um 3,4 Prozent, während das Ebit um 7,5 Prozent schmolz. Das ist zwar wenig erfreulich, aber auch nicht alarmierend. Zumal für dieses Jahr ein Wachstum von sechs Prozent erwartet wird. Der Kahlschlag ist gut für die Rendite, aber schlecht fürs Arbeitsklima. Auch schleicht sich bei mir der leise Verdacht ein, dass die Angestellten für Fehler des Managements büssen. Beispielsweise weil man bei den Langfristprognosen allzu zuversichtlich war.

Mir haben die Syngenta-Aktien bislang gut gefallen – auch wenn sie die letzten beiden Jahre zur Schwäche neigten. Doch die Haltung der Firmenleitung ­gegenüber ihren Angestellten ist kein Ruhmesblatt. Mit Massenkündigungen die Rendite zu steigern, ist so ziemlich die ödeste aller Managementleistungen. Das spricht weder für Mack noch für den VR-Präsidenten Michel Demaré. Warten Sie mit Neuengagements zu, bis sich die Sicht geklärt hat.

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Teuer – und attraktiv

Als Anfang Oktober die Aktienmärkte ins Rutschen kamen, schmierte der Kurs von Sonova noch stärker ab; innerhalb von zwei Wochen verloren die Aktien mehr als zwölf Prozent. Die überproportionalen Verluste ­erstaunen nicht, schliesslich gehören die Papiere des Hörgeräteherstellers aus Stäfa ZH mit einem geschätzten KGV für 2015 von 21,6 zu den saftig bewerteten ­Titeln. Sie haben über die letzten dreieinhalb Jahre denn auch über 140 Prozent zugelegt. Und gerade Valoren mit einer Super-Performance sind anfällig für Gewinnmitnahmen, wenn sich das Börsenklima abkühlt.

Dennoch haben einige Leser nervös reagiert und mich gefragt, ob sie aussteigen sollten; schliesslich hätte ich die Titel ja im Frühling empfohlen. Stimmt, und dabei klar geschrieben: «Die Valoren sind teuer, mittelfristig aber attraktiv.» Und mittelfristig, das dauert nun einmal ­länger als sechs Monate. Ich bleibe bei meiner damaligen Einschätzung. Die ­Geschäftsentwicklung bei Sonova ist ­solide; im ersten Halbjahr hat sich der Umsatz um 4,5 Prozent erhöht, der ­Betriebsgewinn legte minim stärker zu. Damit steht die Ebit-Marge auf hohen 20,5 Prozent. Das Geschäft mit Hörgeräten bleibt vielversprechend.

Neben der guten Nachfrage profitiert das Unternehmen von der Erstarkung des Dollars, zwei Fünftel vom Umsatz fallen in diesem Währungsraum an. Positiv auf die Kursentwicklung dürfte sich auch das Aktienrückkaufsprogramm auswirken. Die leichte Erhöhung der Ausschüttungsquote dagegen hat auf die magere Dividendenrendite kaum Auswirkungen.

Freier Fall

Dieser Absturz sucht seinesgleichen: Transocean verloren seit Anfang 2014 gegen 60 Prozent an Wert. ­Gegenüber dem Börsengang vor fünf Jahren sind die Titel noch ein Fünftel wert. Und das bei einer Aktie, die Teil des Blue-Chip-Barometers SMI ist. Sind Sie ein häufiger Leser dieser Kolumne, dann wissen Sie, dass ich von Transocean nicht viel halte. Der US-Konzern mit operativer Zentrale in Genf und juristischem Sitz in Zug heftet sich das Schweizerkreuz einzig aus Steuer- und Imagegründen an. Der weltgrösste Tiefseebohrer hat bei der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko eine unrühmliche Rolle gespielt und tut seither alles, um sich aus der ­Verantwortung zu stehlen.

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Überhaupt läuft es schlecht für das Unternehmen: Die Überkapazitäten in der Branche zerzausen die Marge. Der abstürzende Ölpreis verschärft die Situation zusätzlich, die Ölkonzerne investieren weniger in die Exploration. Für das dritte Quartal musste Transocean-CEO Steven Newman (47) einen Verlust von 2,2 Milliarden Dollar melden, jüngst folgte die Ankündigung einer Wertberichtigung von 2,8 Milliarden Dollar.

Auch die Dividende wackelt. Auf Basis der letzten Ausschüttung rentieren Trans­ocean unrealistische 13 Prozent. Auch wenn der Ölpreis in absehbarer Zeit deutlich anzieht, ist der Konzern noch längst nicht aus dem Gröbsten heraus. Mir sind die Aktien zu glitschig.

Dauerhausse

Die amerikanische Pharmazie- und Biotechnologiefirma Gilead Sciences gelangte in diesem Jahr unversehens zu globaler Berühmtheit. Doch die Publizität freut den obersten Pillendreher John Martin kaum; die Wissenschaft feiert das neue Medikament Sovaldi gegen Hepatitis C als historischen Schritt, da höchste Heilungschancen winken. Nur kostet in den Vereinigten Staaten eine Tablette 1000 Dollar, der Behandlungszyklus von zwölf Wochen verschlingt 84 000 Dollar.

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Weltweit brandete Empörung auf, sterben doch alljährlich etwa 350 000 Menschen an Hepatitis C – vor allem in armen Ländern. Konzernchef Martin erteilte darauf sieben indischen Herstellern eine Lizenz, damit diese Sovaldi in Entwicklungsländern billig verkaufen können – zu einem Prozent des Westpreises.

Das Medikament könnte sich zum grössten Blockbuster aller Zeiten entwickeln. Ertragsstark ist es sowieso; in den ersten neun Monaten hat sich der Konzerngewinn mehr als verdreifacht. Die Aktien stehen in der Dauerhausse: Seit 2010 haben die Titel 1160 Prozent zugelegt. Das erst 27-jährige Unternehmen wird von der Börse mit 150 Milliarden Dollar bewertet, die Analysten überschlagen sich mit Kaufempfehlungen.

Ich bin vorsichtig. Sovaldi könnte sich zum Politikum entwickeln, Gilead auch auf den Westmärkten zu Preisschnitten gezwungen werden. Zudem arbeitet die Konkurrenz mit Hochdruck an Hepatitis-C-Medikamenten. Ein neues, noch effizienteres Mittel ist seit kurzem auf dem Markt: Harvoni kostet 1125 Dollar – pro Pille. Das Medikament stammt aus der Pipeline von Gilead.

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*Frank Goldfinger ist der anonyme ­Börsenspezialist der BILANZ.Schreiben Sie ihm an: bahnhofstrasse@bilanz.ch