BILANZ: Herr Schmidt, in einer Ihrer letzten Sendungen beim Sender Sky haben Sie Ihre Karriere mit Playmobil-Männchen nachgespielt. Das Motto: «20 Years a Slave». Seit gut einem halben Jahr sind Sie nun kein «Sklave» mehr. Wie nutzen Sie Ihre Freiheit?
Harald Schmidt: Ich habe mein Studio auf HD-Technik umgebaut, das ist gerade fertig. Dann vermiete ich die Studios. Ansonsten trödle ich viel und gehe früh schlafen.

Und vermissen Ihren früheren Stabilitätsfaktor, die «Harald Schmidt Show», als Routine?
Nein. Morgens lese ich Nachrichten im Internet. So gegen neun Uhr fahre ich ins Büro, zu Bonito TV, dann wird die Kaffeemaschine angefahren. Gegen zehn Uhr kommt die Geschäftsführerin. Wir gucken, was an E-Mails reingekommen ist, sagen 90 Prozent ab – und dann bin ich wieder im Internet unterwegs, hole wieder einen Kaffee, telefoniere ein bisschen, schlafe ein bisschen.

Im Büro?
Ja, ich habe eine ganz schicke Liege: eine sogenannte Billy-Wilder-Liege, die er angeblich erfunden hat. Nach 20 Minuten fallen einem die Arme seitlich runter, und man wird wieder wach. Abends gucke ich dann noch Börse im Ersten. Das war es aber auch mit Fernsehen. Es sei denn, es kommt Fussball. Vielleicht einmal in sechs Wochen mache ich abends noch eine Veranstaltung. Aber keine Galas, keine Panels oder so was.

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Sondern?
Im Dezember mache ich einen Abend in Basel über die Tagebücher der Brüder Goncourt mit dem Schriftsteller Alain Claude Sulzer, der die auch gelesen hat. Das sind ja 7000 Seiten, ein wahnsinniges Werk. So was mache ich gerne: exklusive Sachen.

Dazu gehört auch wieder eine «Harald Schmidt Show», jedenfalls in Miniaturausgabe: Unternehmen können Sie für massgeschneiderte Folgen buchen. Die Werbung Ihres Vermarkters hat uns an den Glamour einer Baumarkt­eröffnung erinnert. Das macht Ihnen wirklich Spass?
Die Bewerbung ist nicht mein Bereich. Wie Fernsehsender meine Show beschrieben haben oder wie ich angekündigt werde – da halte ich mich komplett raus. Entscheidend ist das Produkt, das ich ­abliefere. Und das entspricht den ­Erwartungen.

Wir werden das Gefühl nicht los, dass sich da jemand an die Erfolge seiner alten Show klammert.
Mir geht es darum, dass ich die Geschäfts­idee sehr lustig finde. Es besteht ein gewisser Reiz darin zu gucken, wie oft wir das verkauft bekommen, ohne dass ich da durch die Lande ziehe.

Die Leute müssen in Ihr Studio nach Köln kommen?
Ja. Sofort kamen Anfragen, ob ich zu den Unternehmen ginge. Aber das mache ich nicht. Bei mir im Studio – oder gar nicht. Ich warte auf Interessenten, mehr beschäftige ich mich nicht damit. In meinem Portfolio ist das vergleichbar mit dem Anteil von Gold in einem sehr progressiv orientierten Fonds.

Wie viele Shows haben Sie schon verkauft?
Keine Ahnung. Ich betreibe ja keine ­Akquise. Mein grosses Vorbild war da immer Patek Philippe …

… die Genfer Uhrenmanufaktur.
Genau. Es wird im Grunde zugeteilt, wer die Uhr kaufen darf. Sonst sind Sie so ein Renditeknecht, der ständig rumrennt, weil er was an den Mann bringen muss. Entscheiden, wer Kunde sein darf – das ist das schönere Geschäftsmodell.

Wessen Anfrage würden Sie denn ­ablehnen?
Da schliessen sich viele ja schon von ­alleine aus. Als Unternehmen müssen Sie erst einmal die Coolness haben, eine solche Veranstaltung zu kapieren. Ich habe für McDonald’s, Nescafé und Hexal gearbeitet. Irgendwelche Hersteller von Kipp-Garagentoren oder so überweise ich an Zweitligatrainer für den Hemdkragen.

Für Sie ist also die Grösse des ­Unter­nehmens das Interessante?
Der Stellenwert des Unternehmens.

Bei Ihrem Vorbild Patek Philippe würde man vermutlich argumentieren, bestimmte Kunden seien es nicht wert, ­beliefert zu werden.
Meinen Sie jetzt aus moralischen Gründen? Waffenhändler zum Beispiel?

Oder Billigketten.
Da würde ich ja weit hinter das deutsche Kabarett zurückfallen, wenn ich mit einer moralischen Wertung käme. Da mache ich in der Diskussion jeden platt: Wer ein T-Shirt für sieben Euro kauft, darf nie mehr was zu Menschenrechten sagen. Heckler & Koch zum Beispiel …

… der schwäbische Hersteller von Handfeuerwaffen …
… würde mich sehr interessieren. Die ­Politik sagt, wir liefern keine Waffen, aber der mit der grünen Mütze auf dem Kopf sagt: Arbeitsplätze! Nun haben wir ja die Lösung gefunden, dass wir nur an liebe Diktatoren liefern. Aber wenn einer böse schiesst, dann bekommt er sofort die Waffe weggenommen.

Wenn Sie solche Nachrichten hören: ­Kribbelt es in Ihnen, darüber im Fern­sehen herzuziehen?
Da denke ich: Gott sei Dank geht dieser Kelch an mir vorüber.

Es sind gerade auch schwere Zeiten für Comedy: Syrien, Ukraine, Flüchtlingsdramen …
Es waren ja immer schwerere oder leichtere Zeiten. Aber ich möchte mich nicht mehr damit befassen müssen, sondern freue mich, dass diese Themen unbearbeitet an mir vorüberziehen.

Auch dann, wenn irgendein Manager oder Politiker wieder über einen Skandal stolpert?
Wen gibt es da schon noch gross Spannendes? Angela Merkel, Dieter Bohlen, Franz Beckenbauer – wer kommt dann noch? Marijn Dekkers und so, die kennt ja aber schon keiner mehr. Den Test könnten wir hier in Köln gleich auf der Domplatte machen. Keiner kennt die DAX-Chefs. Sie kannten vielleicht noch Joe Ackermann, aber Joe ­Kaeser? Niemand. Das habe ich Abend für Abend erlebt. Wenn Sie da mit Volker Kauder kommen, Jürgen Trittin – da wird es ganz leise.

Gibt es im deutschen Fernsehen ­jemanden, der die Lücke gefüllt hat, die Sie hinterlassen haben?
Da gab es nichts zu füllen. Wenn es als Lücke empfunden worden wäre, würde ich es ja weitermachen. Die Show ist nun wirklich ausgereizt bis zum Gehtnichtmehr. Heute ist die Zukunft im Bereich dessen, was über ein Handy konsumiert werden kann.

Und das ist nichts für Sie?
Ich bin ein grosser Fan des Internets, ­obwohl ich nichts begreife. Ich bin umgeben von Leuten, die das Internet ­extrem kritisch sehen – und den ganzen Tag am Handy hängen. Ich selbst habe kein Smartphone.

Ist Ihnen zu viel Technik etwa suspekt?
Das Irre ist, dass Leute, die permanent alles ins Netz stellen, Angst haben, ausspioniert zu werden. Und wie das Internet die Leute betteln lässt: Bitte, lass mich dieses neue Telefon kaufen, ich übernachte auch vor deinem Geschäft.

Harald Schmidt interessiert sich also eher für das gute alte ­Börsenfernsehen.
Ich interessiere mich hauptsächlich dafür, wer gerade moderiert. Noch ­besser als bei «Börse im Ersten» ist es im «Heute-Journal», wenn Valerie Haller zugeschaltet wird aus Frankfurt. Die da teilweise desaströse Meldungen bekannt geben muss, Pleiten von ganzen Staaten, aber immer fröhlich ist. Und am Ende heisst es dann immer freundlich «Danke, Valerie», und dann geht es ­weiter mit dem Wetter, als wäre nichts gewesen.

Sie nutzen die Sendung also nicht, um sich über Anlagemöglichkeiten zu informieren?
Nein. Das ist abends doch alles schon gelaufen. Ich verfolge das und freue mich, wenn ich sozusagen Symptome richtig deute. Aber es fallen in der Sendung tolle Begriffe. «Kauflaune steigt», finde ich einen super Begriff: Im Klartext heisst das ja, dass es noch mehr Müll gibt, den keiner braucht, sinnlos rangeschafft mit Hilfe von Krediten. Aber es wird äusserst positiv dargestellt, mit einer vollen Einkaufsstrasse, Menschen in Anoraks, die sich drängeln, und dazu heisst es dann: «Die Kauflaune steigt.»

Was machen Sie mit Ihrem Geld?
Ich befolge das, was die Gurus sagen: ­investieren. Nicht das Geld auf der Bank liegen lassen, die womöglich gleich durch den Stresstest fällt.

Darum haben Sie in Ihr eigenes ­Unternehmen investiert. Wie viel hat der Technik-Umbau gekostet?
Im Bereich von plus/minus einer Million Euro. Ohne dass ich eine Bank dafür ­gebraucht hätte.

Sie legen Ihr Geld also nur so an, dass Sie immer schnell darauf ­zugreifen können?
Sagen wir es so: Ich bin gern flüssig.

Gibt es noch andere Bereiche, in die Sie jetzt investieren wollen?
Nein. Jetzt nur noch in mich. Wenig ­Alkohol, viel Gemüse und viel bewegen an der frischen Luft.