Meist steigt das Wertebewusstsein, wenn es kriselt; wie zurzeit mit dem Klima, Covid-19 oder sozialen Fragen. Dann ist Orientierung gefragt. Weltreligionen bieten über Jahrtausende erprobte Anleitungen dafür an.

Und die Finanzwelt hat religiöses Banking und ethisches Wirtschaften als Produktkategorie entdeckt. Vier Ansätze im ­Überblick:

☪️ Geschäften ohne Zins: Islamisches Banking

Geldgeschäfte nach islamischem Recht – der Scharia – folgen strengen Regeln. Zinsen, Geschäfte mit Tabak, Alkohol, Rüstungsgütern und vielem mehr sind verboten. Damit zum Beispiel Saudi-Arabien dennoch US-Waffen kaufen kann, gibt es ein paral­leles Finanzsystem, das nicht den islamischen Regeln unterworfen ist.

Die Gesetze für das Islamic Banking leiten sich aus dem Koran (schriftliche Überlieferung), den Hadithen (mündliche Überlieferung) und dem Konsens der Gelehrten ab. Doch damit die islamische Wirtschaftswelt auf Augenhöhe mit anderen Rechtsräumen geschäften kann, gibt es Mittel und Wege.

Zinsen können so abgerechnet werden, dass stattdessen eine Kommission anfällt oder eine Bank- oder Gewinnbeteiligung vergeben wird. Für Fonds und Bonds bedienen sich Investoren und Gelehrte beim Dow Jones Islamic Market Index. Oder sie ­tüfteln an islamischen Bonds, Sukuk genannt.

Hawala: Weltweit verbreitet

Innerhalb der Schweiz sind Islamic-Banking-Angebote rar. Jene Schweizer Banken, die gezielt gläubige Moslems betreuen, sind J. Safra Sarasin und Lombard Odier. In Kooperation mit einem unabhängigen Scharia-­­Gremium bietet Sarasin Islamic Private Banking an.

Das Logo der Schweizer Privatbank J. Safra Sarasin, eine Schweizer Fahne und eine Zuercher Fahne, aufgenommen am Paradeplatz, am Sonntag, 27. April 2014, in Zuerich. (KEYSTONE/Patrick B. Kraemer)

J. Safra Sarasin: Eine der wenigen Schweizer Banken mit einem Private Banking Angebot nach Scharia-Gesetz.

Quelle: Keystone
Anzeige

Ähnliches hat Lombard Odier im Angebot, mit Blick auf die Emirate. Für muslimische Laufkundschaft in der Schweiz ist das Angebot dünn. Vereinzelt wird ein weltweit bestehendes privates Zahlungssystem namens Hawala eingesetzt.

Und das geht so: A will nach Syrien Geld schicken; dafür gibt er es B, der privat Buch führt. Nachdem B mehrere Zahlungen verbucht hat, wird über den herkömmlichen Zahlungsverkehr eine Ausgleichszahlung an C in Syrien getätigt. C führt ebenfalls Buch und zahlt an Private aus.

Wofür, an wen, das ist unbekannt. Die Islamic-Banking-Industrie distanziert sich deshalb von Hawala. Sie will nicht in Verruf geraten, ein Schattenbankensystem zu unterstützen, das nicht nur legal genutzt wird, sondern auch zur ­Terrorfinanzierung missbraucht werden kann.

✝️ Ethik vor Profit: Christlich-alternativ

Christlich-reformiertes Banking ist weniger religiös als vielmehr ethisch geprägt. Die Alternative Bank Schweiz (ABS) etwa wurde geboren, als Geschäfte mit Apartheid-Regimes und Diktatoren den Schweizer Finanzplatz in Misskredit brachten.

«Am Ende des Tages sind auch wir auf Erträge angewiesen, um unsere Mission erfüllen zu können»

Michael Diaz, Bankchef ABS

Deshalb haben nebst anderen Organisationen und Privaten der Christliche Friedensdienst und das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen der Schweiz (Heks) die ABS gegründet. Der Bank geht es darum, mit «ethisch-­nachhaltigen Werten» konforme Bankgeschäfte abzuschliessen. Und nicht jedes Geschäft wegen des Gewinns zu machen.

«Ethik vor Profit», lautet die Devise. Praktisch funktioniert das so, dass bei allen Geschäften zentrale Werte wie die Menschenwürde gewahrt bleiben müssen. Firmen mit einem Geschäftszweck, der dem zuwiderläuft, werden ausgeschlossen beziehungsweise gemieden.

Christliche Investmentkultur

Unterstützt werden Organisationen, die dieser Haltung am nächsten stehen: Stop Armut, Fastenopfer, Brot für alle. Bei der Missionszentrale der Franziskaner in Bonn wird es dem Anlage-Chef der ABS, Michael Diaz, noch dieses Jahr zusammen mit dem Verein zur Förderung von Ethik und Nachhaltigkeit bei der Geldanlage (CRIC) darum gehen, «Werte einer christlichen Investmentkultur auszuloten».

Wobei sich ABS nicht als Wohlfahrt sieht: «Am Ende des Tages sind auch wir auf Erträge angewiesen, um unsere Mission erfüllen zu können», sagt Bankchef Michael Diaz. Aber nicht um jeden Preis; über 200 Kriterien schränken die Tätigkeit der Bank im Anlagegeschäft ein: keine Waffen, Atomenergie und Pornografie.

Auch Alkohol, Rohstoff­handel, Glücksspiel und Tabak sind tabu. «Wir haben zudem keine Gewinn- und Margen-Vorgaben.» Boni heissen «Team-Prämien», alle sollen was davon haben. Einen gewissen «Hippie-Anteil» im Kulturerbe will Diaz nicht leugnen.

🕉 Das Geld und das Karma: Hindu-Banking

Die Weisheiten der Veden sind die wichtigsten Überlieferungen im Hinduismus. Die beeinflussen auch das Geldwesen, das historisch nicht unter demselben Druck steht wie bei anderen Weltreligionen.

Bis hin zu Wucher war im Hinduismus alles schon mal erlaubt. Mit der britischen Herrschaft etablierte sich das englische Bankwesen. Dennoch gibt es Geldhäuser, die hinduistische Prinzipien bewahrt haben. Und diese heute sogar als Verkaufsargument nutzen.

In der Schweiz ist die Hinduja Bank des Gründers ­Srichand Parmanand Hinduja mit Sitz in Genf der einzige hinduistisch geprägte Vermögensverwalter. Leitbild der Bank ist das Dharma, die handlungs­bestimmende Ethik der Hindus.

Es ist Voraussetzung für soziales Wohlergehen und die Entwicklung des Karmas. Hinduja will «die Menschheit voranbringen, Chancen und Inspiration zu den Menschen bringen» – die Leitprinzipien für die Bank und seine Familie. Und Geld verdienen kann man damit auch.

✡️ Akt der Nächstenliebe Jüdisch-orthodox

Grundsätzlich gibt es kein spezifisch jüdisches Bankwesen. Und Finanzinstitute in Israel funktio­nieren gleich wie an den meisten anderen Orten. Aber für Finanzierungsbedürfnisse in jüdisch-orthodoxen Gemeinden gibt es Sonderformen des Geldaus­leihens.

Zum Beispiel für eine Hochzeit, die Bar-­Mizwa oder eine Eigentumswohnung. Um Menschen aus der Patsche zu helfen, wenn das Geld mal fehlt, kennen religiös lebende Juden das Prinzip von Gamach – kurz für Gemilut Chassadim, was so viel wie «Akt der Nächstenliebe» bedeutet.

Braucht ein Jude Geld, hat er so die Möglichkeit, auf informellem Weg und abseits der üblichen Geschäftsbanken einen kommissions- und zinslosen Kredit zu erhalten. Zwei Bürgen genügen. Die Finanzierungsvarianten reichen von grösseren Summen fürs Eigenheim bis zu kleinen Ausleihungen für Hausrat, Kleidung und Bücher. ­

Anonymität wird grossgeschrieben

Zuständig dafür ist im grossen Stil eine Organisation namens Gamach Merkazi. Sie bewegt zusammen mit anderen Gamach-Institutionen ein Vermögen von ­geschätzt 500 Millionen Franken. Mikrokredite gibt es bereits über Mundpropaganda.

Fristen oder an­dere Auflagen sind weder zwingend noch üblich. ­Vertrauen ist bei diesen Geschäften die wichtigste Währung. Anonymität wird grossgeschrieben. In ­Zeiten der Finanzkrise 2008/2009 hat diese Form ­jüdisch-orthodoxer Binnenwirtschaft eine neue Blüte erfahren. Das Grundprinzip für diese Form der Geldleihe findet sich bereits in der Tora und ist der Grundstein für Solidarität und Hilfsbereitschaft in jüdischen Gemeinden.