Herr Hainer, welche Chancen geben Sie der Schweizer Nationalmannschaft an der Fussball-WM in Brasilien?
Herbert Hainer*: Ich glaube, dass sich die Schweizer Nationalmannschaft in den letzten Jahren gut entwickelt hat, gute ­Spieler und einen guten Trainer hat. Ich traue ihr jederzeit zu, ins Achtelfinale zu kommen.

Und danach?
Danach hängt viel von der Tagesform und dem Gegner ab. In einem K.o.-Spiel kann alles passieren.

Sie trauen der Schweizer Mannschaft also alles zu, obwohl sie nicht in Adidas spielt, sondern in Puma?
Sie haben mich nach der Qualität der Mannschaft gefragt, nicht nach der Qualität der Ausrüstung!

Spielt die Qualität der Ausrüstung auf diesem Niveau überhaupt noch eine Rolle?
Wir sind überzeugt, dass unsere Produkte, seien es Schuhe oder Textilien, die besten sind. Wir haben jetzt auf die WM ein neues Shirt eingeführt, das 50 Prozent leichter ist als das alte. Das hat sicher Vorteile: Wenn man weniger Gewicht mit sich rumschleppen muss, dann kann man länger laufen.

Wenn Ihre Produkte, wie Sie glauben, die besten sind: Warum hat Adidas dann nicht den Ausrüstervertrag bekommen für die Schweizer Nationalmannschaft?
Das müssten Sie den Schweizer Verband fragen. Aber im Ernst: Die Schweizer Nationalmannschaft ist ja nun schon seit einigen Jahren mit Puma zusammen.

Wer wird Weltmeister?
Deutschland oder Argentinien.

Beides Adidas-Mannschaften.
Das stimmt.

Sie haben an der WM neun Nationalmannschaften unter ­Vertrag, Ihr Erzwidersacher Nike zehn. Es macht keinen guten Eindruck, wenn der Weltmarktführer im Fussballgeschäft schon vor dem Anpfiff des ersten Spiels verloren hat.
a) kommt es nicht auf die Menge, sondern auf die Qualität an, und b) hatten wir 2006 bei der WM in Deutschland sogar nur sechs Verbände im Turnier, und die WM war für uns aus­serordentlich erfolgreich. Am Ende des Tages muss man sehen, wie viele Teams die Vorrunde überstehen und ins Halbfinale oder ins Finale kommen. Ausserdem haben wir durch unsere Partnerschaft mit der Fifa alle Ballkinder, alle Stewards, alle Schiedsrichter in Adidas. Wir sind auf den Banden im Stadion zu sehen, und wir stellen den offiziellen Spielball. Wir werden die grösste WM-Kampagne aller Zeiten fahren, vor allem digital. Keine Marke wird sichtbarer sein als Adidas.

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Aber Nike rüstet Brasilien aus, den Favoriten.
Wir haben Spanien und wie gesagt Argentinien sowie ­Deutschland.

Die Nike-Leute sagen, dass das Fussballgeschäft entscheidend für ihre Strategie sei, aber wir haben auch gehört, dass Sie ­Fragen zu Nike ziemlich langweilig finden.
Ja, aber fragen Sie ruhig.

Gleich. Zunächst einmal: Sie sind der erfolgreichste Adidas-Chef aller Zeiten. Ausgerechnet im WM-Jahr, das ein Höhepunkt Ihrer Karriere sein sollte, zeigt Adidas Schwächen: 2013 schrumpften die Einnahmen um knapp drei, im ersten Quartal 2014 sogar um sechs Prozent. Was ist das: ein Formtief oder schon eine Krise?
Das erste Quartal war schwach. Das stimmt. Der starke Euro und die damit verbundene Schwäche der Währungen in fast allen Schwellenländern sind ein Problem. Aber ab jetzt werden wir in jedem Quartal besser abschneiden und bis Ende 2014 um sieben bis neun Prozent wachsen – währungsbereinigt.

Sie glauben, den letztjährigen Rekordüberschuss von 839 Millionen Euro noch übertreffen zu können?
Ja, wir wollen immer zulegen. Diesmal ist die Bandbreite unserer Prognose aber wegen der Währungsunsicherheiten grösser als üblich und liegt bei 830 bis 930 Millionen Euro.

2010 haben Sie für Ende nächsten Jahres einen Umsatz von 17 Milliarden Euro vorhergesagt. Um dieses Ziel zu erreichen, müsste Adidas zweimal um mindestens acht Prozent zulegen.
Das werden wir auch schaffen – währungsneutral jedenfalls.

Wenn der Euro so stark bleibt …
… könnte es mit den 17 Milliarden Euro Umsatz als absolute Zahl länger dauern als ursprünglich gedacht.

Vor allem auf dem weltgrössten Sportartikelmarkt, in den USA, scheinen Ihre Leute geschlafen zu haben: Im ersten Quartal krachten die Einnahmen um 23,5 Prozent zu Boden. Der Reebok-Umsatz zog sich zusammen, auch die Kernmarke Adidas wirkt anfällig und kraftlos.
Sie dürfen nicht den Fehler machen, immer nur ein Quartal herauszugreifen. Sie werden sehen: Wir werden 2014 in Amerika von Quartal zu Quartal besser. Reebok wird weltweit im hohen einstelligen Prozentbereich wachsen. Aber Sie haben recht: Amerika ist der Markt, wo wir sicherlich vor den grössten Herausforderungen stehen. Wir sind dort zwar in den letzten vier Jahren immer gewachsen, aber eben nicht so stark wie unsere Hauptwettbewerber. Das erste Quartal war nicht befriedigend, das ist keine Frage. Aber vergessen Sie nicht: 2013 war mit einem Nettoergebnis von 839 Millionen nach Steuern das erfolgreichste Jahr unserer Firmengeschichte. Es wird immer gesagt, unser Wettbewerber mache alles so supertoll. Aber vielleicht wird das auch nur gesagt, damit ich mich ein bisschen ärgere.

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Kann man Sie denn damit ärgern?
Ich habe mir mal die Aktienkursentwicklung der vergangenen fünf Jahre angeguckt. Der DAX ist um 97 Prozent gestiegen, Nike um 165 Prozent und wir um 194 Prozent. Und das ist doch, was ein Investor sucht: ein langfristiges sicheres Investment.

Nicht nur in Nordamerika, auch in Europa sank der Adidas-­Umsatz 2013, als hätte jemand den Stöpsel aus der Wanne ­gezogen: um sieben Prozent auf 3,8 Milliarden Euro. Ihr Rivale Nike konnte sich im selben Jahr um 17 Prozent entfalten.
Es ist ein Kopf-an-Kopf-Rennen in der ganzen Welt. Mal gewinnen wir, mal die anderen. Vor vier Wochen haben wir die Marktführerschaft in Südkorea übernommen. Wir sind Marktführer in Japan und Russland, wir wachsen schneller in China und Lateinamerika.

Aber eben nicht daheim in Europa.
Richtig, unser Wettbewerber greift uns in Europa an, wir ihn im Rest der Welt. So wird es weitergehen. Wir schaukeln uns beide hoch, und ich bin der festen Überzeugung, dass es gut für beide Unternehmen ist. Konkurrenz belebt das Geschäft. Und Sie haben weiter genügend Stoff für Geschichten.

* Herbert Hainer (59) steht seit 2001 an der Spitze von Adidas, dem zweitgrössten Sportartikelkonzern der Welt. Der Metzgersohn aus dem bayrischen Dingolfing studierte BWL und begann seine Karriere bei Procter & Gamble. Heute sitzt er u.a. im Lufthansa-Aufsichtsrat. Seit dem Rücktritt von Uli Hoeness im März leitet der ehemalige Amateurstürmer zudem den Aufsichtsrat der FC Bayern München AG.

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