BILANZ: Herr Roth, als Präsident der Schweizerischen ­Nationalbank (SNB) waren Sie Aufseher über die Banken, jetzt werden Sie als VR-Präsident der Genfer Kantonalbank selbst von der SNB beaufsichtigt. Welche Aufgabe macht mehr Spass?
Jean-Pierre Roth: Spass war nie der Massstab, an dem ich meine Aufgaben gemessen habe. Aber es ist sehr interessant, auf der anderen Seite des Tisches zu sitzen.

Von dort gibt es viel Kritik an den neuen Kapitalvorschriften von SNB und Finma. Die Kantonalbanken klagen über die neue ­Regelflut und fühlen sich mit den Grossbanken zu Unrecht in einen Topf geworfen.
Als SNB-Präsident war ich vor allem mit den Grossbanken ­beschäftigt. Jetzt sehe ich verstärkt die Perspektive der kleineren Banken. Die Kantonalbanken müssen erfahren, dass die neuen Regeln für die Grossbanken auch auf sie angewendet werden, obwohl sie nicht «too big to fail» sind.

Die Zürcher Kantonalbank klagt gar, das sie proportional mehr Kapital als die Grossbanken halten müsse. Verstehen Sie das?
Ich verstehe, dass die Kantonalbanken nicht wie die Gross­banken behandelt werden wollen. Sie sind regional verankert. Sie stellen deshalb kein Systemrisiko dar. Also brauchen wir auch nicht die gleich hohen Kapitalanforderungen wie UBS und Credit Suisse.

Warum machen die Regulatoren da keine Unterscheidung?
Man scheint zu hundert Prozent vermeiden zu wollen, dass eine Bank verschwinden wird. Doch diese Sicherheit kann es nie geben, und sie wäre auch nicht gut für unser marktwirtschaftliches System.

Bei den Grossbanken begrüssen Sie aber die strenge Regulierung – sie hat zum Radikalabbau bei der UBS beigetragen.
Das Thema des Ausstiegs aus dem Investment Banking lag seit Jahren auf dem Tisch. Der Schritt ist richtig und überfällig. Er hätte schon viel früher erfolgen sollen.

Müsste die Credit Suisse nicht nachziehen?
Beide Grossbanken haben das gleiche Problem. Die Credit ­Suisse muss aus diesem Grund genauso ihre Bilanzpositionen reduzieren und das Investment Banking abbauen wie die UBS. Aber Kultur und Vorgehensweise der beiden sind unterschiedlich.

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Das Private Banking gewinnt damit für die Schweizer Banken noch mehr an Bedeutung. Doch es steht ebenfalls massiv unter Druck. Wie bleibt die Schweiz vorn?
Indem wir umsetzen, was wir immer gesagt haben: Der Erfolg der Schweiz entscheidet sich über die Qualität. Wir müssen ­sicherstellen, dass die Kunden zufrieden sind. Wir müssen bei Ausbildung, Angebot und Umsetzung unserer Dienstleistungen die Besten sein. Es gibt keine andere Strategie.

Heisst hohe Qualität auch Steuerehrlichkeit?
Die Entwicklung hin zur Steuerehrlichkeit war seit längerem absehbar.

Wird der Druck auf das Bankgeheimnis anhalten?
Davon bin ich fest überzeugt. Die Lage im Ausland wird schwierig bleiben. Die Weltwirtschaft lahmt, die Staaten lechzen nach Steuereinnahmen. Das Finanzgeschäft ist zudem attraktiv, und es gibt einen Kampf zwischen den Finanzplätzen. Sie wollen unser Geschäft.

Sehen Sie keinen Aufschwung?
In den USA sieht man positive Zeichen. Die Arbeitslosigkeit sinkt, es werden neue Jobs geschaffen, die Immobilienpreise stabilisieren sich. In Asien ist es eher umgekehrt. Die Chinesen wissen nicht, was die neue Führung bringen wird. Sie haben ein Demografieproblem wegen ihrer Ein-Kind-Politik, und sie werden stärker den Binnenkonsum stimulieren müssen. Dennoch ist die Dynamik in Asien noch unglaublich gross. Dazwischen befindet sich Europa in einer sehr schwierigen ­Situation.

Wie schwierig?
Europa ist der Hauptverlierer der Finanzkrise. Zwischen 2000 und 2010 haben die Europäer ihre Hausaufgaben nicht ­gemacht. Die meisten Länder in der Eurozone bauten ihr Defizit nicht ab. Obwohl die Konjunktur sich deutlich verbesserte, vernachlässigte man die Disziplin. Der Euro war ein Ruhekissen. Wenn Italien oder Spanien früher keine vernünftige Wirtschaftspolitik verfolgten, gerieten Lira oder Peseta sofort unter Druck. Mit der Euro-Einführung fehlte plötzlich der Druck der Märkte. Und dann wurden die Ungleichgewichte so gross, dass der gesamte Euro unter Druck geriet.

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Haben Sie diese Fehlentwicklung schon damals an der Spitze der Nationalbank erkannt?
Natürlich haben wir die Unterschiede in der Wettbewerbs­fähigkeit zwischen Nord- und Südeuropa gesehen. Die Italiener hatten in der Wettbewerbsfähigkeit 20 Prozent gegenüber Deutschland verloren, doch sie konnten nicht mehr abwerten. Also stieg die Arbeitslosigkeit. Diese Ungleichgewichte in der Eurozone waren offensichtlich.

Dennoch haben die Verantwortlichen in der Eurozone sie wohl übersehen.
Ich weiss nicht, wie die Verantwortlichen damals intern diskutiert haben. Fakt ist: Europa hat zwischen 2000 und 2010 sehr viel in die Sozialwerke investiert, statt die Budgets in Ordnung zu bringen. Zum Beispiel wurden Pensionszusagen ohne ­Absicherung erhöht, obwohl die Bevölkerung altert. Man machte keine strukturellen Anpassungen, obwohl sie notwendig gewesen wären.

Jetzt sind sie dafür umso schmerzhafter.
Die Europäer sind jetzt in der sehr unkomfortablen Situation, dass sie Korrekturmassnahmen in einem negativen Wirtschaftsumfeld umsetzen müssen. Wenn sie ihr Haus in Ordnung bringen, wird die Konjunktur weiter nach unten gehen, und die Arbeitslosigkeit wird steigen. Dafür ist die Politik ­verantwortlich.

Derzeit scheint sich die Krise eine kleine Ruhepause zu gönnen.
Es ist ruhiger geworden, weil die Europäische Zentralbank (EZB) mit der Ankündigung unbegrenzter Anleihenkäufe zu sehr starken Massnahmen gegriffen hat. Aber die Reform von Arbeitsmärkten und Sozialwerken steht noch am Anfang. Sogar in Deutschland sind Sonderzahlungen für Mütter, die zur Kinderbetreuung zu Hause bleiben, beschlossen worden. In Frankreich s­endet der neue Präsident alles andere als ermutigende Signale aus. Die grossen Probleme in Europa sind Wettbe­werbsprobleme: Wie kann sich Europa im Wettstreit mit Asien richtig positionieren? Dazu müssen die Arbeitskosten sinken.

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Die Deutsche Bundesbank sieht die Stabilität der Währung in Gefahr und hat die EZB für deren Massnahmen scharf kritisiert.
Die EZB kann nur kurzfristig die Märkte stabilisieren, aber die wichtigen Massnahmen müssen im Realsektor getroffen werden.

Sie haben mit EZB-Präsident Mario Draghi am MIT in Boston studiert. Opfert er die Stabilität?
Er hat das Richtige getan. Die Notenbank hat in dieser Not­situation Massnahmen getroffen, um einen Kollaps zu ver­hindern. Das Problem ist, dass die Politiker darin einen ­Vorwand sehen, nicht zu handeln.

Die Eurokrise wird uns also noch länger begleiten.
Das befürchte ich. Die OECD prognostiziert für die nächsten zehn Jahre für die Eurozone ein Wachstum von 1,5 Prozent. Das ist viel zu wenig, um Arbeitslosigkeit zu reduzieren und die ­Sozialwerke zu finanzieren. Dieses niedrige Wachstum gefährdet sogar die politische Stabilität.

In der Schweiz sind die Arbeitskosten noch höher.
Die Schweiz hat zwei Vorteile im Vergleich mit der Eurozone: Der Arbeitsmarkt ist viel flexibler, und Forschung und Bildung sind viel bedeutender. Die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Wirtschaft ist sehr gut. Verglichen etwa mit der französischen Wirtschaft, sind das Welten.

Dennoch: Kann sich die Schweiz vom Euro-Malaise abkoppeln?
Für die Schweiz wird es schwierig, wenn ihre Absatzmärkte Probleme haben, und Europa stellt für die Schweizer Exporteure noch immer 60 Prozent des Markts. Die Chance kann nur in der Diversifizierung der Absatzmärkte liegen. Wir haben schon eine starke Präsenz in Asien und in anderen Schwellenländern sowie eine gute Präsenz in Amerika. Die müssen wir ausbauen.

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Ist die Anbindung des Frankens an den Euro nicht gefährlich?
Der Franken ist nicht angebunden an den Euro, es gibt nur eine Untergrenze. Das war in einer Krisensituation eine sehr vernünftige Strategie, um uns gegen Extremrisiken zu schützen. Die SNB hat da alles richtig gemacht.

Gibt es gar keine Nachteile, etwa einen gigantischen Devisenüberschuss und eine aufgeblähte Bilanzsumme?
Die SNB hat genügend Instrumente, um diese Liquidität wieder abzuschöpfen. Und die Bilanzsumme ist für eine Notenbank nie ein Problem.

Was halten Sie davon, die Devisen in eine Art Staafsfonds zu investieren?
Das ist für mich eine «fausse bonne idée». Wenn man mit den Devisen die besten Firmen der europäischen Wirtschaft kaufen will, ist das eine Kriegserklärung an die Europäer. Zudem wären solche Anlagen nicht so liquide wie Devisen, was den Spielraum der SNB einschränken würde.

Als SNB-Präsident waren Sie Mitglied eines elitären globalen Zirkels, der sich rund um das Jahr weltumspannend traf – in Basel, Washington, Jackson Hole. Fehlt Ihnen das?
Das Kapitel ist abgeschlossen, damit habe ich kein Problem. Es gibt noch Freundschaften, aber ich suche den Kontakt nicht aktiv. Ich bin kein Profi-Networker. Ich habe jetzt andere interessante Aufgaben.

40 Prozent Ihrer Zeit beansprucht die Genfer Kantonalbank, dazu kommen die Verwaltungsratsmandate der Welt­konzerne Swatch, Nestlé und Swiss Re. So ganz ruhig scheint Ihr Pensionsdasein nicht zu sein.
Das Problem der Pensionäre ist, dass sie ihre Agenda nur schwer kontrollieren können … Ich bin zu 100 Prozent im ­Geschäft, wenn auch etwas weniger intensiv.

Wie oft geht es ins Wallis?
Am Wochenende gehe ich zum ersten Mal nach Verbier – ich freue mich auf den ersten Schnee.

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Der Notenbanker par excellence: Jean-Pierre Roth war von 2001 bis 2009 Präsident der Schweizerischen Nationalbank, in die er 1979 ­eingetreten war. Er war schweizerischer Gouverneur des Internationalen Währungsfonds und von 2006 bis 2009 VR-Präsident der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel. Heute präsidiert er die Genfer Kantonalbank und ist VR-Mitglied von Nestlé, Swiss Re und der Swatch Group. Der 66-Jährige Walliser lebt in Genf.