BILANZ: Herr Haefliger, haben Sie Humor?
Michael Haefliger*: Von Haus aus bin ich eher der ernste Typ. Schon als Bub hat man mich beim Geigenunterricht immer wieder gefragt, weshalb ich so ernsthaft dreinschaue. Auch mag ich eine Art von Sarkasmus, den nicht alle verstehen. Doch ich habe Humor und lache gerne.

Doch steht Humor, das Thema des Lucerne Festivals 2015, nicht im Widerspruch zu klassischer Musik?
Im Gegenteil. Dieses Thema ist von zahlreichen Komponisten intensiv und vielseitig gelebt worden. Beispielsweise Verdis «Falstaff» ist für mich eine der grossartigsten Interpretationen von Humor, aber auch von Sarkasmus. In den Werken von ­Joseph Haydn und Ludwig van Beethoven ist ebenfalls eine ­gehörige Portion Humor zu spüren.

Dennoch hat klassische Musik immer noch den Anstrich des Ernsthaften, ja des Elitären. Sie versuchen, das Festival einem breiteren Publikum zu öffnen. Mit Erfolg?
Eines unserer wichtigsten Anliegen ist es, innovativ zu sein. Mit frischen Ideen wollen wir noch mehr Leute ansprechen. Seit langem tragen wir das Festival aus dem KKL Luzern hinaus, sei es in andere Lokalitäten oder auf die Strasse. Das Strassenfestival hat eine hohe Breitenwirkung erreicht und kommt beim ­Publikum sehr gut an. Mir ist dabei wichtig, dass die Luzerner das Gefühl haben, Teil des Festivals zu sein, ob sie nun an ein Konzert gehen oder sich eine Strassenperformance ansehen.

«40 Minutes» ist das jüngste Angebot …
… und geht genau in diese Richtung. Diese Veranstaltung führen wir seit zwei Jahren im Programm, sie erfreut sich eines hohen Zuspruchs. Die Vorstellung wird moderiert, dauert 40 Minuten und ist gratis. Die Inhalte sind unterschiedlich gestaltet. Das kann ein Projekt mit Kindern sein, aber auch ein klassisches Konzert. Die Anlässe veranstalten wir jeweils mit einem Hauptsponsor, der gegenüber solchen Ideen sehr offen ist.

Werden Sie für diese Öffnung auch kritisiert?
Die Sinfoniekonzerte, dieses Jahr mehr als 30, bleiben unbestritten der Kern. Doch darum herum versuchen wir, das Lucerne Festival zu beleben. Wir wollen ein Programm für alle machen. Und das akzeptieren auch die traditionellen Besucher.

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Das Lucerne Festival ist zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor geworden. Spüren Sie deswegen Druck oder sogar Forderungen von Touristikern und Hoteliers?
Wir führen einen guten Dialog mit Schweiz Tourismus, Luzern Tourismus sowie den lokalen Hoteliers. Ich habe den Eindruck, diese Kreise sind zufrieden mit unserer Arbeit. In der Ausgestaltung des Festivals haben wir freie Hand, von Einmischung oder gar Druck kann keine Rede sein.

Seit 16 Jahren sind Sie in Luzern der Taktgeber. Wie viele ­Angebote als Intendant erhielten Sie?
Da sind schon einige verlockende Angebote gekommen. Am meisten nachgedacht habe ich über die Offerte aus Salzburg. Doch solche Angebote sind normal, wenn man eines der ­führenden Festivals der Welt leitet.

Besteht nach einer so langen Zeit nicht die Gefahr, dass sich Routine, ja sogar Langeweile einschleicht?
Ein Sesselkleber wollte ich nie sein. Obwohl: 16 Jahre sind eine lange Zeit. Dennoch ist bei mir nie Langeweile aufgekommen. Denn wir lancieren laufend neue Projekte, die das Festival ­weiterbringen. Auch bietet mein Job Abwechslung. Ich reise viel, pflege den Kontakt zu Dirigenten und Musikern. Im Weiteren promote ich das Lucerne Festival in fernen Ländern. Vor allem China ist für uns ein zunehmend interessanter Markt.

Sie haben Ihr Gastspiel bis 2020 verlängert. Was hält Sie so hartnäckig in Luzern?
Die Inhalte wie auch die Herausforderung, diese umzusetzen. Es ist eine direkte Art, wie ich hier arbeite. Ich kann schnell entscheiden und verfüge über die nötigen personellen und finanziellen Ressourcen. Zudem habe ich noch viele Ideen.

Wissen die Luzerner, was sie an Ihnen haben?
Ich bin kein DJ Bobo, der an jeder Ecke erkannt wird. Doch ich spüre viel Wertschätzung. Das lese ich nicht zuletzt an den mir verliehenen Preisen ab (beispielsweise der Innerschweizer Kulturpreis sowie die Ehrennadel der Stadt Luzern, Anm. d. Red.).

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Ist Ihre Arbeit getan, wenn die ersten Takte beim Eröffnungskonzert des Lucerne Festivals ertönen?
Die Organisation im Vorfeld ist meine Hauptarbeit. Doch der Job ist nicht getan, wenn das Festival startet. Dann muss ich repräsentieren, Sponsoren und Künstler begrüssen, bei wichtigen Anlässen Präsenz markieren. Das dauert oft bis spät in die Nacht. Eine grosse Hilfe ist mir meine Frau Andrea Loetscher. Als Musikerin versteht sie nicht nur etwas von der Materie, sondern weiss auch, wie man mit feinfühligen Künstlern umgeht.

Das Niveau des Festivals ist hoch, Sie legen jedes Jahr noch zu. Ist nicht eines Tages der Punkt erreicht, von dem an sichqualitativ einfach nichts mehr verbessern lässt?
Die Erwartungshaltung des Publikums ist tatsächlich sehr hoch. Doch sie erwarten zu Recht die renommiertesten Künstler, die besten Konzerte und eine perfekte Organisation. Zudem rechnen die Besucher jedes Jahr mit interessanten neuen Projekten. Das ist für uns eine enorme Herausforderung, macht die Aufgabe andererseits aber auch interessant.

Sie sind Geiger und Ökonom. Was ist für den Job wichtiger: das musikalische oder das wirtschaftliche Gespür?
In den ersten zwei Dekaden meines Lebens überwog die musische Komponente. Erst später entdeckte ich meine ökonomische Seite. Heute erhalte ich Ideen und Motivation aus dem künstlerischen Naturell, für die Umsetzung brauche ich die ­Fähigkeiten des Managers. Es geht ja nicht darum, Geld alleine des Geldes wegen zu machen. Vielmehr muss man ideelle Werte und künstlerische Inhalte so umsetzen, dass sie auch ­finanziell zu stemmen sind.

Ist es schwer, Kunst und Kommerz unter einen Hut zu bringen?
Das ist sogar ausgesprochen schwer. Vor allem dann, wenn man nur wenig Subventionen erhält. So wie wir.

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Wie viel ist wenig?
Stadt und Kanton Luzern steuern fünf Prozent ans Budget bei. Für diesen Beitrag, 2014 immerhin 1,2 Millionen Franken, sind wir dankbar. Doch während andere Klassikfestivals nur dank saftiger Subventionen überleben, müssen wir den Anlass praktisch aus eigenem Zutun finanzieren. Das ist anspruchsvoll.

Immerhin kann Luzern auf generöse Firmensponsoren zählen. Weshalb sind die Konzernchefs hier freigebiger?
Die Unternehmen sorgen als Sponsoren für 37 Prozent unserer Einnahmen. Dieser im internationalen Vergleich gewichtige Anteil erklärt sich in erster Linie damit, dass das Lucerne Festival weit über die Landesgrenze hinaus ein hohes Renommée geniesst. Zudem achten wir darauf, die Sponsoren in alle möglichen Aktivitäten einbinden zu können. Den Firmen geht es natürlich auch um Imagepflege. Doch sie wollen ebenso ein grossartiges Ereignis unterstützen. Einen gleichfalls wesentlichen Anteil von über sieben Prozent leistet unsere Stiftung Freunde Lucerne Festival.

Offensichtlich finden Sie auch persönlich einen schnellen ­Zugang zu den Topmanagern. Was machen Sie anders als ­andere Intendanten?
Ich weiss es nicht. Vielleicht ist es eine gewisse Bescheidenheit, die ich von meinem Vater mitbekam. Ich habe immer wieder gestaunt über seine Verwandlung: auf der Bühne der berühmte, viel umschwärmte Tenor Ernst Haefliger, zu Hause der ruhige, besonnene Familienvater. Meine Mutter war zwar als Architektin und Unternehmerin extrovertierter, doch auch sie ist mit beiden Füssen auf dem Boden geblieben. Ich hoffe, dass ich diese Eigenschaft nie ablegen werde.

Ist es in letzter Zeit schwieriger geworden, Firmen als Sponsoren ins Boot zu holen?
Wir können bei den Sponsoren seit längerem das Niveau von gut neun Millionen Franken halten, und das ist erfreulich. Die Solidarität von Konzernen wie Credit Suisse, Nestlé, Roche oder Zurich ist gross. Dennoch ist nichts garantiert. Die längsten Verträge laufen über drei Jahre, dann muss neu verhandelt ­werden. Das ist immer wieder eine Herausforderung.

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Wie viel Zeit wenden Sie für die Sponsoren auf?
Etwa 40 Prozent. Es gibt so viele Details in diesen Prozessen, das ist enorm zeitaufwendig.

Sie sind höchst innovativ. Mit welchen weiteren Ideen können die Festivalbesucher in Zukunft rechnen?
Meine neuste Vision, ein viertes Festival, steckt noch im Prozess des Brainstormings. Klar ist eigentlich nur, dass es etwas sein soll, das alles bisher Bekannte auf den Kopf stellt. Doch die Umrisse sind noch schwammig.

Versuchen Sie dennoch, der Idee eine Gestalt zu geben.
Ich bewundere den spanischen Avantgarde-Koch Ferran Adrià. Er zog sich nach der Saison für Monate zurück und laborierte an neuen Menus und Rezepten. Das ist etwas Geniales.

Was hat das mit dem Festival zu tun?
Mein Wunschtraum ist es, dass ich mich als Intendant zurückziehen, an frischen Ideen herumwerkeln und dann etwas völlig Neues präsentieren kann. Also eine Art Werkstatt für innovative Musik, verbunden mit multimedialen Projekten, wo sich auch ungewohnte Formate entwickeln lassen. In der Forschung wird fast selbstverständlich viel Geld in die Entwicklung neuer Produkte gesteckt. In der klassischen Musik dagegen fehlt ­dieser Ansatz.

Weshalb ist der Nachfolger für den 2014 verstorbenenDirigenten Claudio Abbado noch nicht gefunden?
Wir sind mit mehreren Kandidaten im Gespräch. Doch die Suche gestaltet sich schwieriger, als wir angenommen haben. Es gab halt nur einen Claudio Abbado. Zudem streben wir eine langfristige Lösung an.

Wer entscheidet letztlich über den Nachfolger?
Eine Rolle spielen einmal ich und das künstlerische Team des Lucerne Festival Orchestra. Auch der Stiftungsrat ist involviert, denn das ist eine weit reichende Entscheidung. Natürlich beziehen wir auch die Musiker ein. Denn wenn diese sich gegen einen neuen Dirigenten stemmen, ist eine erspriessliche Zusammenarbeit von Anfang an zum Scheitern verurteilt.

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Die Salle Modulable soll 2023 ihre Tore in Luzern öffnen. Sie sind einer der Geburtshelfer. Wäre dereinst die Leitung des ­Musiktheaters eine Herausforderung?
Die Salle Modulable liegt mir sehr am Herzen. Deshalb werde ich diese Vision weiterhin so gut wie möglich mittragen. Klar mache ich mir Gedanken, ob ich eines fernen Tages noch dabei bin oder nicht. Allerdings will ich bei diesem Projekt nicht possessiv sein, obwohl es eine tolle Option ist, dort mitzumachen.

Sie haben viel erreicht und dem Lucerne Festival Weltgeltung verschafft. Lässt das Platz für weitere Träume?
Auf jeden Fall. Ich will das Lucerne Festival noch weiter voranbringen. Auch mit der Lucerne Festival Ark Nova, der auf­blasbaren und damit mobilen Konzerthalle, habe ich in Japan weitere Pläne. Und dann gibt es da meinen grossen Traum: dass das Musiktheater Realität wird.

Und wovor haben Sie Angst?
Dass mir eines Tages die Ideen ausgehen.