Wie haben Sie selbst Ihr Geld angelegt?
Mirjam Staub-Bisang: Ich investiere hauptsächlich in Realwerte, Aktien und Immobilien. Aktienanlagen tätige ich vornehmlich in breit diversifizierte, nachhaltige aktive und passive Indexfonds.

Wie erleben Sie den Trend hin zu nachhaltigen Anlagen?
Die Dinge beschleunigen sich. Es gibt einen sehr starken Zufluss von Geldern in nachhaltige Anlagestrategien. Einer Studie von Morningstar zu Folge gibt es mittlerweile weltweit 7000 nachhaltige Anlagefonds. Das ist eine unglaublich grosse Zahl. PwC geht davon aus, dass schon 2025 knapp 60 Prozent des des europäischen Fondsvermögens nachhaltig angelegt sein werden. Wir haben es hier mit tektonischen Verschiebungen zu tun. Wir gehen davon aus, dass sich die Bestände der Anleger an nachhaltigen börsengehandelten Fonds und Indexfonds bis im Jahr 2030 weltweit voraussichtlich auf 1,2 Billionen Dollar fast versechsfachen werden.

Mirjam Staub-Bisang ist Rechtsanwältin mit Doktortitel und Autorin eines Buchs über nachhaltige Anlagen. Seit Herbst 2018 fungiert sie als Länderchefin Schweiz des US-Asset-Managers Blackrock. Vom WEF wurde sie zum «Young Global Leader» erkoren. Staub-Bisang ist mit Ex-Bellevue-Chef und Investor Martin Bisang verheiratet und hat drei Kinder im Teenageralter.

Was sind die Treiber des Trends?
Die Risikowahrnehmung der Anleger hat sich verändert. Die Erkenntnis, dass nachhaltige Anlagen vor allem in Krisen resilienter sind als konventionelle, setzt sich immer mehr durch. Dazu kommt der demographische Wandel. Jüngere Anlegerinnen und Anleger sind tendenziell sensibler gegenüber Themen wie Umwelt und Klimaerwärmung. Die Millenials mögen zwar selbst noch nicht so viel Geld haben, aber sie werden erben. Dazu muss man wissen: Wir stehen vor einem der grössten Vermögenstransfers der Geschichte. Geschätzte 24 Billionen Dollar werden in den nächsten Jahren allein in den USA von der Babyboomer-Generation an ihre Kinder vererbt werden. In meiner Erfahrung ist das ein Moment, in dem Anlagestrategien überdacht werden und oft auf eine nachhaltige Strategie umgestellt wird.

Frauen galten lange als Vorreiterinnen bei der Nachhaltigkeit. Gibt es noch Unterschiede zwischen den Geschlechtern?
Bei der älteren Generation, ja. Die jüngeren Männer und Väter aber sind genau so sensibel gegenüber diesen Themen wie Frauen. Die Geschlechterunterschiede verschwinden in diesem Bereich also mehr und mehr. Meine Erfahrung zeigt: Gerade vermögende junge Anlegerinnen und Anleger wollen nicht nur mit ihrem Lebensstil sondern auch mit ihren Anlagen einen Unterschied machen und eine positive Wirkung erzielen und wollen deshalb nachhaltiger anlegen.

Welche Rolle spielt die Regulierung?
2022 wird die EU-Taxonomie-Verordnung eingeführt. Damit gibt es erstmals einen Standard, um die Nachhaltigkeit von Unternehmen und Anlagen zu beurteilen, eine «grüne Liste» sozusagen. Ich gehe davon aus, dass die Schweiz diesen Standard inhaltlich übernehmen wird. Schweizer Privatbanken mit europäischem Geschäft sind schon heute von europäischen Regulierungen betroffen. Bald schon müssen sie ihre europäischen Kunden nach ihren Nachhaltigkeits-Präferenzen befragen und diese mit entsprechenden Finanzprodukten umsetzen. Das führt dazu, dass viele Privatbanken dies auch bei Schweizer Kunden tun werden, um Parallelprozesse zu vermeiden. Die Anpassung der internen Prozesse im Hinblick auf die neuen EU-Regulierungen hat bereits in den vergangenen zwölf Monaten zu einer deutlichen Verschiebung der Geldflüsse zugunsten nachhaltigen Anlagen geführt.

«Jüngere Anlegerinnen und Anleger sind tendenziell sensibler gegenüber Themen wie Umwelt und Klimaerwärmung.»

Mirjam Staub-Bisang, BlackRock-Chefin Schweiz

Seit Anfang Jahr setzt auch BlackRock auf nachhaltige Anlagen. In seinem Brief an die CEOs schrieb  Larry Fink: «Die Klimaerwärmung ist der determinierende Faktor für die langfristigen Perspektiven von Unternehmen geworden». Was ändert sich damit?
BlackRock hat sich verpflichtet, aus Unternehmen auszusteigen, die 25 oder mehr Prozent ihres Umsatzes mit Kohle generieren. Zudem haben wir uns verpflichtet, bei unseren Stewardship-Aktivitäten transparenter zu werden, also wie wir über den Dialog mit Unternehmen und Ausübung unserer Stimmrechte im Auftrag unserer Kunden agieren. Wir betrachten Nachhaltigkeitsrisiken und insbesondere Klimarisiken als Anlagerisiken. Entsprechend führen wir eine Watchlist mit Unternehmen, die zu wenig transparent über Nachhaltigkeitsrisiken in ihrem Geschäftsmodell informieren wie auch, wie sie diese adressieren wollen. Damit tragen wir unserer treuhänderischen Verantwortung gegenüber unseren Kunden Rechnung. Die Unternehmen haben dann ein Jahr Zeit, die Mängel zu beheben. Tun sie das nicht, gibt es die Möglichkeit, dem Verwaltungsrat die Déchargé zu verweigern oder Verwaltungsräte nicht wiederzuwählen.

BlackRock legt etwa 75 Prozent passiv an. Für Indexanlagen ist ein Verkauf von Aktien einzelner Unternehmen nicht möglich. Wie können Sie hier nachhaltigen Anlagen zum Durchbruch verhelfen?
Wir bauen unserer ESG-ETF Angebote,  also unser Angebot an nachhaltigen index-basierten Anlageinstrumenten laufend aus. Seit Januar hat BlackRock in Europa, den USA und Kanada 16 neue ESG-ETFs aufgelegt. Für die kommenden Monate sind 11 weitere geplant. Zudem wurden ESG-konforme Bausteine in die von BlackRock gemanageten Modellportfolios integriert. Unser Investment Stewardship-Ansatz, der Nachhaltigkeits- und insbesondere Klimarisiken ins Zentrum des Dialoges mit Unternehmen rückt, ist besonders relevant bei Indexanlagen, bei denen der Index die Zusammensetzung und Gewichtung der einzelnen Anlagen eines Portfolios bestimmt, und im Gegensatz zu aktiven Anlagestrategien nicht einzelne nicht nachhaltige Unternehmen verkauft werden können. Wir sind ein langfristiger Investor, und unser Investment Stewardship Team schaut daher insbesondere darauf, dass Unternehmen perspektivisch gut aufgestellt sind.

«Ich bin überzeugt, dass nachhaltige Portfolios Anlegern langfristig bessere risikobereinigte Renditen bieten können.»

Mirjam Staub-Bisang, BlackRock-Chefin Schweiz

Was hat sich mit dem Bekenntnis zu nachhaltigen Anlagen für Sie als Schweiz-Chefin geändert?
Ich befasse mich seit über einer Dekade mit diesem Thema. Ich bin überzeugt, dass nachhaltige Portfolios Anlegern langfristig bessere risikobereinigte Renditen bieten können. Von daher hat sich für mich nichts geändert.

Was gibt es bei den Nachhaltigkeitsratings zu beachten?
Es besteht die Gefahr, dass kleinere Unternehmen schlechter abschneiden als grössere; nicht weil sie es sind, sondern weil sie weniger Ressourcen für das Nachhaltigkeitsreporting verwenden können. In grossen Konzernen gibt es ganze Teams, die sich nur damit beschäftigen. Das ist bei kleineren nicht möglich. Die Industrie ist deshalb daran, sich auf gemeinsame Standards zu einigen – auch unter grossen Unternehmen – um diesen Bias zu korrigieren. Klar ist: Die Dinge sind im Fluss, wir sind auch hier auf einer Reise, die erst gerade begonnen hat.

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