Der jüngste Crash an den Börsen stellt die Politik der chinesischen Regierung in ein schlechtes Licht. Trotz einem ganzen Paket an – teils drastischen – Massnahmen gelang offenbar keine nachhaltige Stabilisierung des Finanzmarktes. Im Gegenteil: Der teils kopflos wirkende Aktivismus der Regierung hat nach Ansicht von Analysten sogar zum Absturz der Märkte beigetragen.

«Die grundsätzlichen Probleme, die den vorherigen Crash ausgelöst haben, sind nicht verschwunden», sagt Christopher Swann, der die Börsen für die UBS analysiert. So stecke weiter viel geliehenes Geld von Kleinanlegern in den Märkten, was den Handel unberechenbar und volatil mache.

Am Montag brachen die wichtigen Börsen in Schanghai und Shenzhen um über 8 Prozent ein. Nach einem weiteren kleinen Rücksetzer am Dienstag konnte der wichtige Aktienindex CSI 300 am heutigen Mittwoch bis zum Börsenschluss in Fernost immerhin einen Teil der Verluste wieder aufholen.

Stabilität abgewartet für neuen Ausverkauf

Dass die Leitindizes nach den Kursstürzen vor wenigen Wochen nun erneut massiv einbrachen, scheint nicht überraschend. «Viele Investoren haben wohl einfach auf eine Phase der relativen Stabilität gewartet, um aus dem Markt auszusteigen», erklärt Swann. Die Folgen waren gravierend: 1500 Aktien – etwa zwei Drittel aller Papiere – stürzten um die maximal möglichen zehn Prozent ab.

Denn sobald eine Aktie in China an einem Tag zehn Prozent verliert, wird sie vom Handel ausgesetzt. Diese Regelung verhindert zwar den möglichen Absturz ins Bodenlose, zeigt aber exemplarisch, wie wenig frei die chinesischen Börsen nach westlichen Massstäben funktionieren. Wie die staatlichen Massnahmen zur Krisenbewältigung unterminieren solche Bestimmungen nach Ansicht von Experten das Vertrauen der Anleger in die Märkte.

Reputationsschaden im Ausland

«Die Aktionen der Regierung lassen ausländische Investoren zweifeln, ob die Kurse tatsächlich von Fundamentaldaten getrieben sind», sagte Swann schon nach dem Absturz von Anfang Juli. Dieser Reputationsschaden sei auf längere Sicht sogar schlimmer als die Korrektur an der Börse.

«Natürlich hat die Regierung die Mittel und Instrumente um enorm viel Geld in die Aktienmärkte zu pumpen», so Swann. Doch am Ende würde von einem Markt nicht mehr viel übrigbleiben. «Eine vollständig von der Regierung gesteuerte Börse wäre nicht im besten Interesse von China», erklärt Swann. Dies deshalb, weil damit die bereits arg strapazierte Hoffnung auf eine langsame Öffnung der chinesischen Finanzmärkte einen weiteren Dämpfer erhielte.

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Experten glauben nicht an Überschwappen

Die weitgehende Abkopplung der chinesischen Börsen von wirtschaftlichen Entwicklungen hat jedoch paradoxerweise auch etwas Gutes. Das Risiko für die reale Wirtschaft halte sich in Grenzen, sagte Mark Matthews, Chefanalyst für Asien bei Julius Bär, schon vor zwei Wochen. Auch der monatelange Bullenmarkt, der die Börsen in ungeahnte Höhen trieb, habe schliesslich nichts am schwächelnden Wachstum geändert.

Ein Übergreifen sei weiterhin unwahrscheinlich, sagt auch Swann von der UBS. Mit rund 50 Millionen aktiven Investoren auf eine Bevölkerung von 1,3 Milliarden Menschen ist nur ein kleiner Teil der Chinesen an der Börse engagiert. Zudem stünden die Behörden bereit, wichtige Finanzinstitutionen mit Liquidität zu versorgen, falls sie durch die Turbulenzen in Mitleidenschaft gezogen würden, glauben die Analysten von UBS CIO, der Koordinationsstelle des UBS-Research.

Konjunktursorgen um China werden nicht kleiner

Trotzdem bleibt ein Restrisiko. Denn wie der Crash und die staatlichen Massnahmen in der Bevölkerung wahrgenommen würden, ist laut Swann nur schwer vorherzusehen. «Falls die chinesischen Konsumenten das Gefühl bekommen, dass sich die Wirtschaft massiv abschwächt oder dass der Wohnungsmarkt ähnlich anfällig ist wie die Börse, könnte das ein Problem werden.»

Zu erwarten sei eine derartige Sogwirkung indes nicht, so Swann, sondern «eine potenzielle Gefahr, die wir im Auge behalten müssen». Die Sorge um Chinas Konjunktur reichte jedenfalls aus, um die Börsen am Montag weltweit ins Minus zu ziehen. Besonders konjunktursensitive Titel verloren stark. Und auch bei den Rohstoffen sorgte der weltweit grösste Abnehmer für Unruhe. Kupfer, Gold und Öl wurden noch einmal deutlich billiger.

Seit Juni stürzte Chinas wichtigster Index CSI 300 von über 5350 Punkten auf inzwischen noch 3850 Punkte ab. Der Crash bedeutete das Ende eines langen Bullenmarkts. Am 27. Juli kam es mit einem Minus von 8,5 Prozent gar zum grössten Tagesabsturz seit 2007. Über ein Jahr gesehen stehen die chinesischen Börsen trotz allem noch über 50 Prozent im Plus.

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