Die Generalversammlung des Opernhaus Zürich fand Anfang 2020 traditionell im Singspielhaus am Zürcher Bellevue statt. Die Bühne gehörte für einmal dem Verwaltungsrat, dem Intendanten und der Marketingverantwortlichen, während die Aktionäre Estrade und Balkone füllten. Im Anschluss an den offiziellen Teil stand ein Imbiss sowie eine musikalische Darbietung auf der Traktandenliste.

Die Atmosphäre war gut, zumal auch der Geschäftsgang erfreulich ausfiel. Die Besucherzahlen und das Einspiel­ergebnis konnten überzeugen, sieht man einmal vom Bernhard Theater ab: Dort ging der Umsatz markant zurück. Im laufenden Jahr sollte sich allerdings auch ­dieser Wert wieder normalisieren.

Doch daraus wird wohl nichts. Die ­Corona-Krise hat das gesamte Opernhaus in die Zwangspause geschickt. Seit Mitte März ist der Betrieb komplett eingestellt. Bereits verkaufte Billetts mussten zurückerstattet werden.

Viele Nebenwerte vom Lockdown getroffen

Statt Live-Aufführungen bietet das Haus bis auf weiteres aufgezeichnete Vorführungen aus Zürich als Stream an. Im Ergebnis 2019/2020 dürften die Massnahmen des Bundesrates zur Eindämmung des Coronavirus hier deutlich negative Spuren hinterlassen.

Wie dem Opernhaus Zürich geht es ­vielen Unternehmen aus dem ausserbörslichen Aktienmarkt (Over-the-counter, OTC), deren Titel auf den Plattformen der Finanzinstitute mehr oder weniger regelmässig gehandelt werden. In der Schweiz sind dies rund 300 Unternehmen, darunter auch viele Bergbahnen, Tourismus- und Produktionsbetriebe, die vom Lockdown stark getroffen wurden.

Entsprechend musste der von der Berner Kantonalbank errechnete OTC-X-Liqui­dity-Index, der die liquidesten OTC-Werte abbildet, im März einen Einbruch um 9,8 Prozent hinnehmen. Die ausserbörslichen Nebenwerte entwickelten sich damit nur wenig besser als die kotierten Aktien. Diese büssten, gemessen am SPI-Extra-Index, der die hiesigen börsenkotierten Small Caps und Mid Caps umfasst, im gleichen Zeitraum 11,8 Prozent ein.

Anzeige

Aktionariat bringt Stabilität

«In der Regel sind die OTC-Werte in Krisenzeiten weniger volatil als börsenkotierte Small Caps», erklärt Andreas Langenegger, Spezialist für nichtkotierte Aktien bei der Berner Kantonalbank (BEKB). Dafür gibt es mehrere Gründe: Viele dieser Firmen sind geografisch fokussiert, verfügen über ein starkes Schweizer Geschäft und oftmals auch über eine solide Bilanz.

Dass der Rückgang auch diesmal etwas schwächer ausgefallen ist als an der Börse, dürfte vor allem aber am langfristig denkenden Aktionariat gelegen haben. Spekulanten und Daytrader sucht man in diesem Segment vergebens, was den Handel träger macht, als es jener an den internationalen Handelsplätzen ist. In ausserbörsliche Nebenwerte investieren hauptsächlich Anleger, die einen Buy-and-hold-Ansatz verfolgen.

Dennoch: Ganz so stabil, wie sich ausserbörslich gehandelte Aktien bei früheren Marktverwerfungen gezeigt haben, sind sie diesmal nicht geblieben. «In der Corona-Krise haben die OTC-Titel gegenüber früheren Krisen vergleichsweise stark verloren, was vor allem auf die vielen Aktien aus dem Tourismussektor zurückzuführen ist», sagt Langenegger.

Entscheidend ist die Dauer der Notlage

Tatsächlich haben die beiden OTC-Indizes für Bergbahnen sowie für Tourismus und Freizeit im März 13,9 Prozent respektive über 14,5 Prozent verloren. Der verfrühte Saisonabbruch durch die Corona-Krise hat das aufgrund von wenig Schnee ohnehin schon schwierige Winterhalbjahr der Tourismusbetriebe nun zusätzlich belastet. Erhard Lee, Inhaber der Finanzboutique AMG, die mit einem Fonds auch in ausserbörsliche Werte investiert, bleibt dennoch optimistisch. «Der ausserbörs­liche Handel ist recht stabil», sagt er.

Natürlich gebe es im Tableau auch einige Firmen, die unter der aktuellen Situation leiden würden, vor allem bei den Bergbahnen und Beherbergungsbetrieben. «Da die Wintersaison schon fast zu Ende war, wird sich der Schaden aber in Grenzen halten, sofern auf den Sommer hin wieder geöffnet werden kann», ist Lee überzeugt.

Titel unter der Lupe

  • Grand Resort Bad Ragaz
    Nach einem insgesamt erfreulichen Geschäftsjahr 2019 ist das Luxusresort von Hauptaktionär Thomas Schmidheiny wegen der Corona-bedingten Massnahmen derzeit grösstenteils geschlossen. Der Ausblick für 2020 ist entsprechend ungewiss. Der Kurs notiert derzeit bei 4200 Franken.
  • Repower
    Der Energieversorger Repower hat den operativen Gewinn im Geschäftsjahr 2019 auf 65 Millionen Franken fast verdoppelt. Nun sollen die Aktionäre nach schwierigen Jahren ohne Ausschüttung vom guten Jahresergebnis profitieren. Die Dividende soll deutlich auf 2.50 Franken erhöht werden.
  • Cham Group
    Erst Mitte 2019 hat die Firma die Börse verlassen. Die Immobilien-AG entwickelt das ehemalige Papieri-Areal in Cham, wo bis 2030 ein neues Quartier mit Wohnungen und Arbeitsplätzen entstehen soll. Erste Baugesuche wurden eingereicht. Bis 2022 soll die erste Etappe abgeschlossen sein.
  • Stadtcasino Baden
    Das Unternehmen betreibt das Grand Casino Baden und ist am B-Casino in Davos sowie am
Trafo in Baden beteiligt. Inzwischen ist man mit jackpots.ch und casino777.ch ins virtuelle Casinogeschäft eingestiegen. Dieses läuft laut eigenen Aussagen
besser als erwartet.

Ähnlich beurteilt auch BEKB-Aktienspezialist Andreas Langenegger die derzeitige Lage bei den Bergbahnen. «Je nachdem, wann und in welchem Umfang die Bahnen den Betrieb wieder aufnehmen können, dürften die Einbussen nicht ganz so gross ausfallen, da die ausserordent­liche Lage erst zum Ende der Wintersaison ausgerufen wurde.» Die meisten Bahnen würden ohnehin erst wieder Ende Mai zur Sommersaison öffnen, so Langenegger.

Alles in allem sei heute schwer abzuschätzen, wie sich die Krise auf die Unternehmen auswirken werde. Entscheidend sei die Dauer der Notlage. «Die vom Bundesrat kommunizierten Massnahmen für die Abfederung der wirtschaftlichen Folgen von Covid-19, insbesondere das In­strument der Kurzarbeit, dürften aber Entlastung schaffen», glaubt Langenegger.

Ausländische Gäste fehlen

Zu befürchten ist, dass die Corona-­Krise die Firmen aus dem ausserbörs­lichen Aktienmarkt noch länger beschäf­tigen wird. Denn selbst wenn beispielsweise die Bergbahnen im Sommer wieder Gäste transportieren dürfen, werden die ausländischen Touristen in diesem Jahr wohl ausbleiben. So rechnen die Tourismusexperten damit, dass die internationale Reisetätigkeit erst im kommenden Jahr wieder anziehen wird, weshalb der Fokus der hiesigen Betriebe in diesem Sommer auf dem Heimmarkt liegt.

Jetzt traden

Eröffnen Sie bei cash.ch ein Trading-Konto für 29 Franken pro Transaktion

Jetzt traden
Placeholder
Anzeige

Das dürfte vor allem jenen Bahngesellschaften zu schaffen machen, die dank dem Ferntourismus zuletzt einen regelrechten Höhenflug erlebt haben. Gemessen an der Kursperformance über die vergangenen fünf Jahre waren drei der fünf OTC-Topwerte Bergbahnaktien: Die Rigi-­Bahnen erreichten ein beeindruckendes Plus von 140 Prozent, die Pilatus-Bahnen über 82 Prozent und auch die Schilthornbahn konnte immerhin um rund 68 Prozent zulegen.

«Die drei ­genannten Bahnen haben ganz klar von den starken Reiseströmen aus den asia­tischen Märkten profitiert, aber auch von den guten Witterungsbedingungen im Sommer», erklärt Langen­egger.

Ebenfalls zu den Top­werten gehört Weleda. Der Hersteller von Naturkosmetik und anthroposophischen Arzneimitteln konnte in den letzten Jahren konstant und profitabel wachsen. Die Stadtcasino Baden AG schliesslich profitierte von wieder steigenden Spielerträgen im Grand Casino Baden sowie von der Wachstumsfantasie durch die Eröffnung der Online-Casinos jackpots.ch und casino777.ch, welche die Erwartungen übertroffen haben sollen.

Markkorrektur eröffnet Investmentchancen

Mit dem Einbruch der Kurse in den ­vergangenen Wochen sind die Bewertungen der Aktien zuletzt aber allgemein gesunken. Dies könnten Anleger für einen Einstieg nutzen, auch wenn wohl viele im OTC-Segment notierte Firmen die Krise im laufenden Geschäftsjahr weiterhin stark spüren dürften.

«Ist die Bilanz solide, ausreichend Liquidität vorhanden und stimmt das Geschäftsmodell, so dürften die Unternehmen die Krise gut überstehen und anschliessend überdurchschnittlich profitieren», erwartet Langenegger.

Für AMG-Chef Lee ergeben sich mit der Marktkorrektur durchaus Investmentchancen. «Das Grand Resort Bad Ragaz und das Energieunternehmen Repower würde ich am ehesten als Kaufgelegenheiten sehen.» Und auch bei der Cham Group, einem ­Immobilientitel, habe es Verkäufe gegeben, weshalb Lee die Aktien bei einem Preis um 400 Franken als günstig bewertet erachtet.

Wer dagegen eine verlässliche Dividende und Stabilität im Kurs suche, dem empfiehlt er die Titel der Seebeteiligungen AG und des EW Jona-Rapperswil. «Das sind typische, solide Exponenten für dieses Segment. Man sollte aber nur ­investieren, wenn man über einen Anlage­horizont von fünf bis zehn Jahren verfügt.»

Naturaldividende zur Kundenbindung

Ein weiterer Anreiz, um in ausserbörsliche Nebenwerte zu investieren, dürfte durch die aktuelle Krise weniger tangiert sein: die Naturaldividenden. Viele Firmen danken ihren Aktionären für ihre Treue, indem sie ihnen Gratisangebote offerieren. Auch bieten einige Unternehmen an ihren Generalversammlungen ein attrak­tives Rahmenprogramm.

Viele Anleger haben bei ihren Aktienkäufen im OTC-Markt denn auch weniger die Kursgewinne im Visier als vielmehr solche Zusatzangebote. Aufgrund der Corona-Krise dürfte manche Aktionärsversammlung nun ohne phy­sische Beteiligung stattfinden – und das Rahmenprogramm wegfallen.

Da es sich bei den Naturaldividenden um eine für die Firmen gute Möglichkeit handelt, um Aktionäre und Kunden eng an die Gesellschaft zu binden, dürfte diese Art der Dividende aber auch künftig wenig gefährdet sein. Entsprechend werden sich die Aktionäre des Opernhauses Zürich wohl auch im nächsten Jahr, trotz Krise, auf die Arien nach der GV freuen können.

Anzeige

Die Podcasts auf HZ

Upbeat: Die Startup-Serie • Schöne neue Arbeitswelt • Insights: Hintergründe und Analysen

Jetzt reinhören und abonnieren
Placeholder