Was bedeutet Ihnen Geld, Herr Tettamanti?
Geld ist Geist. Eine der bewundernswertesten und folgenreichsten Erfindungen der menschlichen Intelligenz.

Wie haben Sie Ihr erstes Geld verdient?
Ich war auf dem Gymnasium und kaufte von den amerikanischen Soldaten, die für den Urlaub ins Tessin kamen, Kaugummi, den ich mit Gewinn an meine Schul­kameraden wieder verkaufte. Nach dem Studium verdiente ich dann Geld mit ­Arbeit. Monatlich bekam ich 300 Franken als Rechtsberater der christlichen ­Gewerkschaft, wofür ich heute noch sehr dankbar bin. Dazu kamen 7.50 Franken pro Unterrichtsstunde für die Handelslehrlinge und wenn möglich Rechtsberatungen jeder Art während des gleichzeitigen Anwaltspraktikums.

Was machten Sie mit dem Verdienst?
Das erste Geld nach dem Studium brauchte ich unbedingt zum Leben mit meiner Mutter. Die Ersparniskasse meines Vaters, die ich nach seinem Tod bekommen hatte, nutzte ich für die Finanzierung meines Studiums. Aus diesem Grund promovierte ich – noch nicht 23-jährig – zum Dr. iur. Mehr als sieben Semester an der Uni hätte ich mir nicht leisten können.

Wofür verschleuderten Sie sinnlos Geld?
Ich arbeitete zu hart, um sinnlos Geld 
zu verschwenden. Andererseits war ich immer bereit, für Bequemlichkeiten, die mir das Leben erleichtern und meiner Produktivität dienen, viel auszugeben. So flog ich immer erste Klasse, um dann am nächsten Tag gut ausgeschlafen an den Start gehen zu können.

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Wie viel Geld braucht der Mensch, um glücklich zu sein?
Geld macht manches leichter, macht aber nicht glücklich. Arm ist der Mensch, der im Geld das Glück sucht.

Wann wird Geld zur Belastung?
Wenn man Geld erbt und erkennen muss, dass einem die Gabe dazu fehlt, es in­telligent und fruchtbar zu verwalten. In manchen Fällen schämen sich dann die Erben für ihren Reichtum und driften ­politisch nach links ab. Ein Blocher hat sein Vermögen selbst verdient. Er hat sich nie dafür entschuldigt, Milliardär zu sein.

Wo ist Geld am sinnvollsten eingesetzt?
Zuerst im Eigenheim und in der Fürsorge für die Familie, dann je nach Vermögen und Kompetenzen in Investitionen. Jedoch sollte man bei Geschäften, die man nicht versteht, aufpassen.

Was halten Sie von einer Welt ohne Bargeld?
Gar nichts. Sie wäre eine weitere Beschneidung der Privatsphäre. Der Staat will uns unter Vormundschaft stellen. Ihn stört es, nicht zu wissen, wo unser Geld liegt. Das nicht zuletzt, weil man die ­Sparer eventuell enteignen möchte. Dann kommt uns der Staat auch noch mit der Moral. Es wird behauptet, dass wir die organisierte Kriminalität unterstützen, indem wir das Bargeld verteidigen.

Sind Sie philanthropisch aktiv?
Ich habe seit Jahren den grössten Teil meines Vermögens in einen Charity Trust gesteckt. Auf dieses Vermögen haben weder ich noch meine Nachkommen ­Zugriff. Die Hauptziele des Trusts sind die Förderung der Gesundheit, der Erziehung und die Verteidigung der freien Marktwirtschaft.

Wie bringt man seinen Kindern den richtigen Umgang mit Geld bei?
Indem man mit gutem Beispiel vorangeht. Aber jeder soll den Umgang mit Geld selbst erlernen.

Ist es heute schwerer, Geld zu vermehren?
Sicher, ausser man ist ein kleines Informatik-Genie oder ein hochtalentierter Sportprofi. Als ich zu arbeiten begann, existierte die Freiheit, Dinge zu schaffen und Neues zu wagen. Heute ist dies aufgrund der Fülle an Regeln, die von den interventionistischen Staaten eingeführt wurden, fast unmöglich. Wer neue Wege beschreiten will, ist schon suspekt. Zudem wird die Vermögenskonzentration bekämpft. Heute ist die Verstaatlichung der Produktionsmittel nicht mehr nötig, es ist einfacher, die Profite zu enteignen. Geld zu vermehren, wird immer schwieriger.

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Der Negativzins zwingt viele professionelle Geldverwalter zu mehr Risiken. Wie verändert der Negativzins die Finanzindustrie?
Negative Zinsen sind ein schlimmer Raub. Man wollte die überschuldeten Staaten retten, indem man die Sparer ­bestraft. Durch so ein Vorgehen wird die ganze Fürsorge- und Vorsorgestruktur unterminiert. Auch wenn Firmenanleihen mehr als Staatsobligationen rentieren, ist die Prüfung der Bonität viel schwieriger geworden. Die Geldanlage ist heute nicht nur erschwert, sie zwingt auch zu übertriebenen Risiken.

Sind die Risiken, um heutzutage nur schon das Vermögen zu erhalten, bereits zu gross?
Ohne weiteres. Die unberechenbare Politik mit ihren Entscheidungen, die Zentralbanken mit ihrer lockeren Geldpolitik, all das macht Prognosen viel schwieriger, wenn nicht sogar unmöglich. Die relative Sicherheit in der Geldanlage ist verschwunden. Die Börse reagiert schon gar nicht mehr auf makroökonomische Trends oder auf die Aussichten und Gewinn­prognosen der einzelnen Unternehmen. Die Märkte reagieren vor allem auf die Ankündigungen der Fed-Chefin Janet Yellen. Werden die Zinsen aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage nicht erhöht, steigen die Kurse. Das ist doch pervers. Die Marktteilnehmer freuen sich, weil sie damit rechnen, dass die ungesund niedrigen Zinsen erhalten bleiben und die Infusionen für die Wirtschaft weiter­gehen. Le monde à l’envers, die Welt steht auf dem Kopf. Doch all das ist ein sehr riskantes Glücksspiel.

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Sie scheinen kein Freund der Notenbanken zu sein. Was halten Sie von Thomas Jordan?
Es stimmt, ich bin kein Fan der aktuellen Notenbankpolitik, aber ich bin ein Fan von Thomas Jordan. Der Beschluss der SNB zur Aufhebung des Mindestkurses war richtig. Man konnte nicht die ganze Schweiz ausbluten lassen. Die Exportwirtschaft ist wichtig, aber weniger als 50 ­Prozent der Ausfuhren gehen in den Euro­raum. Zudem werden durch einen höheren Franken auch die Importe billiger.

Vielen Menschen machen die geldpolitischen Experimente der Notenbanken Angst. Sind die Sorgen begründet?
Ich gehöre zu einer Generation, die gelernt hat, dass Schulden zurückzuzahlen sind. Das ultrabillige Geld hat nicht den erwarteten Wirtschaftsaufschwung gebracht und den Konsum nicht verstärkt. Geld zu einem Zins von 1,5 Prozent an Staaten zu vergeben, die am Rande der Pleite stehen, ist gefährlich. Es erlaubt den Regierungen, die notwendigen Strukturreformen auf die lange Bank zu schieben und weiter auf Pump zu leben.

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Wird die Geldschwemme böse enden?
Die derzeitige Situation kann nur dra­matisch enden. Man wird entweder mit einer Vermögenssteuer enteignet, wie das schon IWF-Chefin Christine Lagarde vorgeschlagen hat, oder man wird durch eine Restrukturierung in Form einer Teilrückzahlung der öffentlichen Schulden grosse Verluste erleiden. Es könnte auch noch schlimmer kommen. Werden sich die Menschen bewusst, dass das Papiergeld, auf dem sie sitzen, keinen echten Wert mehr hat, wartet eine Hyperinflation auf uns.

Welche langfristige Anlagestrategie ist ­angesichts dieser Bedrohungen die beste?
Ich gebe keine Gratisratschläge, weil sie keinen Wert haben. Aber seien wir ehrlich, in Wahrheit bin ich überfragt.

Sie schliessen eine Hyperinflation nicht aus. Was halten Sie von einer Absicherung über Gold?
Gold ist wichtig und hat einen Platz im Depot, aber ich bin kein Goldfanatiker. Nur Gold zu haben, macht keinen Sinn.

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Wie haben Sie Ihr Geld investiert?
Den grössten Erfolg hatte ich in den letzten Jahren mit Investitionen in australische Bürohäuser. Das war eine sichere Anlage mit hohen Renditen. Strategisch und geopolitisch bin ich ein Australien-Fan.

Was war Ihr bestes Investment?
Wenn ich auf lange Zeit rechne, sicher Sterling Strategic Value. Das ist eine ­Gesellschaft, die seit 1999 unter meiner Federführung als aktivistischer Investor tätig ist. Seit einigen Jahren wird sie von meinem Nachfolger Massimo Pedrazzini geleitet. Das Kapital hat sich über die letzten 17 Jahre im Schnitt um 11,7 Prozent vermehrt. Und das mit 43 Prozent liquiden Mitteln und ohne Fremdkapital. Ich bin kein Freund von Schulden.

Von dieser Performance profitieren aber nur wenige. Warum ist der Zugang beschränkt?
Sterling ist ein Club von Investoren, geeignet für mir nahe stehende Personen. Aber ab nächstem Jahr wird Sterling auch für ausgewählte professionelle Investoren zur Verfügung stehen.

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Wie gross soll der Fonds werden?
Nie über 400 bis 500 Millionen Euro. Aus Erfahrung weiss ich, dass zu grosse Summen Fonds manchmal dazu zwingen, zu riskante Investitionen einzugehen.

Was war Ihr schlechtestes Investment?
Eines durch Sterling, und zwar in Vögele-Aktien. Von fast 50 Investitionen, die wir über Sterling tätigten, brachte Vögele den einzigen signifikanten Verlust. Wir haben die Gabe von Migros, sich als aktive ­Aktionärin zu betätigen, falsch beurteilt.


* Tito Tettamanti (86), der Gentleman aus dem Tessin, wandelte sich an der Wall Street vom Juristen zum Financier. Sein Unternehmen Coniston verwaltete ein Portfolio von bis zu zwei Milliarden Dollar. Geschätztes Vermögen: 900 bis 1000 Millionen Franken.