BILANZ: Kleiderberge, Bücher, Spielzeug, Gummitiere, Ruder, Goldhasen – so ein Chefbüro gibt es garantiert nur einmal!

Paul Smith: Das hier ist viel mehr als einfach nur ein Büro. Sie sehen hier quasi ins Innere meines Kopfes. So fühle, funktioniere und arbeite ich.

Ganz schön chaotisch.

Ich nenne es nicht chaotisch, sondern kindlich.

Paul Smith, ein Kindskopf?

Insofern, als ich sehr offen bin, neugierig auch und experimentierfreudig. Die Dinge, die Sie hier herumliegen und -stehen sehen, habe ich alle in den letzten acht Jahren gesammelt. Die Sachen springen mir bei Spaziergängen, auf Flohmärkten oder in Brockenhäusern ins Auge und inspirieren mich. Deshalb schliesse ich sie auch nicht weg, sondern umgebe mich mit ihnen.

Sie gehören zu den erfolgreichsten Designern von Männermode, Ihre Modelle gelten als klassisch mit einem Schuss Humor. Womit haben Sie den Durchbruch geschafft?

Ich hatte keinen Durchbruch, es war ein Prozess. Meine Karriere begann als Laufbursche in einem Unternehmen, in dem es sehr sparsam zuging, wo man das Licht löschte, wenn man einen Raum verliess und die Rückseite von Rechnungen als Notizzettel verwendete. Diese Krämerwelt zu kennen, hat mir sehr viel gebracht, als ich später selber eine Boutique führte und als Designer anfing. Im Gegensatz zu anderen Designern gestalte ich immer mit Bezug zur realen Welt. Mein Label ist denn auch nicht über Nacht gross geworden, sondern über die Jahrzehnte gewachsen und gewachsen und gewachsen.

Wie läuft Ihre Marke jetzt, in der Krise?

Die Finanzkrise betrifft mich insofern nicht, als ich nicht von den Banken abhängig bin. Klar spüren auch wir eine Verlangsamung in der Umsatzentwicklung, doch rückläufig ist sie nicht.

Andere knicken ein, Sie wachsen. Wie erklären Sie sich das?

Unsere Sachen sind gut gemacht und lange tragbar. Wir sind bodenständig. Sicher hilft es auch, dass ein Mensch hinter der Marke steht.

Das ist auch bei Armani und Dolce & Gabbana so.

Ja, aber wir sind bodenständig. Bei den meisten in der Branche geht es in erster Linie um Marketing und Werbung.

Und bei Ihnen?

Um Kleider. Wir schalten auch Werbung, aber wenig. Die Hefte sind schon voll von den andern. Ich will, dass Leute meine Kleider kaufen, weil sie ihnen gefallen. Diese Strategie zahlt sich aus.

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Bodenständig. Was steckt dahinter, wenn jemand wie Sie das sagt?

Dass ich immer innerhalb von meinen Möglichkeiten agiere. Ich bin damit zwar sehr erfolgreich, bilde mir aber deshalb nicht ein, etwas Besonderes zu sein. Denn ich bin weder Herzchirurg, der Leben rettet, noch Entwicklungshelfer, der ­Leben verbessert. Ich mache nur Kleider. Das meine ich damit.

Wie würden Sie den Unternehmer Smith beschreiben?

Neben bodenständig auch anständig, sensibel und ein bisschen schräg. In Sachen Geld aber topseriös, um nicht zu sagen ängstlich. Finanzielle Abenteuer sind mir ein Graus. Habe ich eine Idee im Kopf, involviere ich meinen Finanzmann. Wenn ich ein Ladenlokal sehe, das ich haben will, rechnet er alles durch. Kommt er zu einem negativen Resultat, lasse ich es bleiben. Immer.

Und wie führen Sie Ihre rund 1000 ­Mitarbeiter?

Ich führe sie nicht, ich arbeite mit ihnen. Ich sage «bitte» und «danke», Anstand und Höflichkeit finde ich etwas vom Wichtigsten in meiner Rolle als Chef.

Und wie sehen Sie Ihre Rolle als Modemacher?

Kreativität und Neugier sind entscheidend. Und ein paar simple Prinzipien. Erstens: Nur machen, was ich mir auch finanziell leisten kann. Ich hatte
nie Schulden und auch noch nie einen Verlust. Zweitens: Nein sagen. Wir wurden und werden immer wieder für alles Mögliche angefragt, für Paul-Smith-Autos, -Telefone, -Hotels oder -Möbel. Aber wir lehnten immer ab, mit dem Argument: Wir sind Mode­designer, basta.

Warum?

Ich habe es schlicht nicht nötig. Viele Modehäuser sind ausschliesslich finanziell motiviert, machen hier einen neuen Duft, dort eine Hundeleine, weil sie Shareholder im Nacken haben. Wir sind privat und machen nur das, was uns Freude macht. Geld allein ist keinesfalls die Triebkraft.

Wie ist es denn zu verstehen, dass Sie heute selber Tassen, Wasserflaschen und Teppiche machen?

In den letzten Jahren fühlte ich mich freier, auch mit Dingen zu experimentieren. Nicht für das Geld, so eine Tasse bringt traurig wenig ein. Aber es macht Spass.

Ihr Unternehmen gilt als eine Perle in der Industrie.

Wir hätten es tatsächlich schon zigmal verkaufen können. Man wollte mir das schmackhaft machen mit Argumenten, ­etwa dass ich dann jedes Jahr 20 Läden mehr eröffnen könnte. Aber niemand hat mir je klarmachen können, warum ich das wollen sollte. Da haben immer ­alle nur gestottert.

Trotzdem haben Sie 40 Prozent Ihrer Firma an Ihren Partner in Japan ver­kauft?

Nicht ich, sondern meine Frau und mein Managing Director haben verkauft. Mir gehören immer noch 60 Prozent der Firma.

Warum haben die andern beiden ver­kauft?

Mein Managing Director ist Zahlenmensch und wollte sein Vermögen in Immobilien und in weiss der Kuckuck was investieren. Meine Frau hat zwei Söhne und inzwischen auch Enkel, sie fand, es sei gescheiter, jetzt Geld zu haben, um diese zu unterstützen. Heute wünscht sie sich allerdings, sie hätte es nicht so gemacht.

Warum wünscht sie sich das?

Dauernd hat sie Sitzungen mit Bankern, dann der Stress mit der Finanzkrise und dem Geld, das verloren geht. Seit sie Geld hat, ist es für sie ein Albtraum.

Hatten Sie nichts dagegen, dass die beiden verkauft haben?

Es hat mich schon ein bisschen gekränkt. Andererseits: Sie haben ihre Anteile an unseren japanischen Partner verkauft, mit dem ich seit 1984 zusammenarbeite. Dieser hat für Japan die Lizenz für Paul Smith, das Geschäft ist extrem profitabel. So gesehen ist es für mich in Ordnung, denn die Leute dort wissen, dass ich weiss, was ich tue. Und dass ich mein Geschäft besser kenne als sie alle zusammen. Sie wären dumm, wenn sie etwas ändern würden.

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Wie unterscheiden Sie sich von Designern wie Armani und Brioni?

Wir mischen zu Tradition und Handwerk eine Prise Humor. Die italienische Mode ist oft einfach nur luxuriös und wohlgefällig. Das sind Uniformen.

Was sollte ein Mann im Schrank haben?

Das kann ich so nicht sagen. Es kommt auf den Lifestyle an, aufs Alter, auf den Job.

Zum Beispiel ein Banker um die 40?

Nun, er hat nicht viel Spielraum. Zum richtigen Outfit gehören klassische Anzüge, Schuhe von guter Qualität, fein gestreifte Hemden und Krawatten, die zum Charakter passen. Wer seriös wirken will, bindet sich eine dunkle um. Wer sich stark und selbstbewusst präsentieren will, trägt eine pinkfarbene oder eine zitronengelbe. Aber erfahrungsgemäss wollen viele Männer gar nicht auffallen, wenn sie einen Raum betreten. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie viele Dispute ich schon mit angehört habe wegen einer Krawatte: Sie wollte eine farbenfrohe, er eine dunk­le, altväterliche. Aber es stimmt schon. Für den grossen, gar bunten Kleiderauftritt braucht es schon einen theatralischen Charakter.

Wie bunt darf ein Mann denn sein?

Nicht zu schrill. Farben verwende ich bei Männermode wie Sie Satzzeichen beim Schreiben: unaufdringlich. Hier ein buntes Futter, dort geringelte Socken.

Sie sind Englands berühmtester Modemacher, haben ­Politiker beraten …
Stopp! Ich habe niemals als modischer Berater fungiert.

Sondern?

Zu Zeiten von Margaret Thatcher habe ich mir in den Kopf gesetzt, Politiker für Design zu sensibilisieren und von dessen Wichtigkeit zu überzeugen. Die dachten alle, Design sei verrücktes Zeug und Designer Typen mit pinkfarbenen Haaren, welche die ganze Zeit «Darling» sagen.

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Und?

Es war Zeitverschwendung. Ich war schon froh, wenn ich einen Politiker nur schon dazu brachte, mir ein paar Minuten konzentriert zuzuhören. Das Schlimmste war ein Treffen mit dem Umwelt- und Verteidigungsminister unter Margaret Thatcher. Ich habe Monate gebraucht, um einen Termin bei ihm zu bekommen. Dann liess er mich 40 Minuten in seinem Vorzimmer warten und gab mir dann eine Viertelstunde. Sein letzter Satz war: «Danke, das war sehr lustig, nun muss ich mich wieder ernsthaften Dingen zuwenden.»

Was haben Sie geantwortet?

Ich habe ihn nicht geschlagen.

Sie sassen dann in der Creative Industry Task Force, die ­Tony Blair eingerichtet hatte. Blair selber wurde offiziell zum Paul-Smith-Träger.

Dafür kann ich doch nichts. Blair hat jemanden in ein Geschäft geschickt, und der hat 20 Anzüge und 40 Hemden mitgenommen, drei Viertel davon wieder zurückgebracht und bezahlt.

Trägt Gordon Brown Paul Smith?

Nein.

Sie scheinen nicht gerade viel übrig zu haben für die ­Politiker.

Was für ein Mensch muss man sein, um den Beruf des Politikers zu ergreifen? Die meisten Politiker scheinen ein sehr starkes Ego zu haben und viel Selbstbewusstsein. Aber vom richtigen Leben haben sie keine Ahnung. Charisma ist in dieser Branche wichtiger als Intelligenz und Erfahrung. Und ich finde es extrem beängstigend, wie weit reichend die Entscheide solcher Leute sein können.

Gibt es sonst etwas, das Ihnen Angst einjagt?

Mir gefällt es absolut nicht, dass ich älter werde. Und zwar nicht wegen des Alters an sich. Ich will einfach nicht sterben, mein Leben ist so schön. Der Gedanke, dass mit dem Tod alles aufhört, macht mir Angst.

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Ich bin offen, davon überzeugt zu werden, dass mit dem Tod nicht alles aufhört. Los!

Paul Smith, Schulabbrecher mit 15 Jahren, ist heute einer der führenden Designer für Männermode. Der 62-jährige Brite eröffnete 1970 in Nottingham seinen ersten Laden; seine erste Kollektion designte er 1976. Heute lebt und arbeitet er in London. Seine Entwürfe hängen in 1900 Geschäften in 35 Ländern, Smith beschäftigt rund 1000 Mitarbeiter. Sein Umsatz wird auf 350 Millionen Pfund geschätzt, sein privates Vermögen auf 180 Millionen Pfund. 2001 schlug ihn die Queen zum Ritter für seine Verdienste für die britische Wirtschaft.