Seit dem Beginn dieses globalen Bullenmarktes achten die Fachleute nur auf die grossen Technologieaktien. Sie warnen, dass die Erholung auf wenigen wackligen Technologiefüssen steht und behaupten, dass nur Tech-Riesen wie Facebook, Amazon, Alibaba und Tencent den phänomenalen Marktanstieg seit März abstützen.

Glauben Sie das nicht. Dieses Rally ist robuster als die meisten denken. Das gilt auch für die Schweiz, wo der Markt weiter wächst und Technologie nur einen kleinen Anteil hat. Global betrachtet haben die Tech-Aktien, die den Markt schon vor der Krise anführten, seit dem Tiefpunkt am 23. März tatsächlich alle übertroffen. Ihre starken Bilanzen und Cashflows federten den Rückgang ab.

Ken Fisher ist Gründer und Präsident von Fisher Investments, einer Vermögensverwaltungsfirma mit Niederlassungen in sechs Ländern, die rund 100 Milliarden Dollar verwaltet. Fisher zählt zu den einflussreichsten (und auch reichsten) Investment-Managern der USA.

Ihre Geschäftsmodelle passten perfekt in eine Welt auf Abstand. Vor den Schwankungen im September legten die weltweiten Tech-Aktien um 67,3 Prozent zu – gegenüber 45,5 Prozent bei den globalen Aktien.

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Auch die grossen technologieähnlichen Werte aus den Bereichen Nichtbasiskonsumgüter und Kommunikationsdienstleistungen, wie Amazon und Facebook, stiegen steil an. Der kräftige, von den Techs angeführte Ausverkauf im September erfüllte die Pessimisten jedoch mit Schadenfreude. Das ist immer noch so, selbst nach einer Erholung.

Sie meinen, der Bullenmarkt sei dem Untergang geweiht und beissen sich am kurzen Abrutschen der Tech-Werte fest, um ihren vorherigen Pessimismus zu stützen – ein leuchtendes Beispiel für den «Bestätigungsfehler», den ich im Juli beschrieben habe. Was dabei vergessen wird: Volatilität und vorübergehende Führungswechsel sind normal.

Der Marktanstieg findet auf breiter Front statt

Die meisten Pessimisten sagen, dass die Aktienmärkte nach den harten fünf Monaten «erschöpft» seien. Aber so funktionieren Märkte nicht. Denken wir an die US-Aktien mit ihren soliden Daten, die mehr als 90 Jahre zurückreichen. Der S&P stieg zwischen 1928 und 2019 34-mal fünf Monate in Folge, normalerweise nach grossen Rückgängen – so wie heute.

In den darauffolgenden 6-, 12- und 18-Monatsperioden waren die Renditen zu 80 Prozent positiv – deutlich über dem Durchschnitt. Wenn das Fünf-Monats-Rally die 25 Prozent überschritt, so wie jetzt, stiegen die Aktien in allen darauffolgenden 18-Monatsperioden. Das heisst nicht, dass die Gewinne jetzt automatisch kommen – aber das Argument der «Erschöpfung» ist Unsinn.

Das Wichtigste: Dieser Marktanstieg findet auf breiter Front statt, nicht nur bei den Techs. Das beweist beispielsweise die Schweiz. Trotz der seit dem Märztief schleppenden Entwicklung der weltweiten Aktienmärkte ist der SPI bis zum 15. Oktober um 26,0 Prozent gestiegen – 86 Prozent der Firmen entwickelten sich positiv. Über die Hälfte verzeichneten mindestens 20 Prozent Zuwachs.

Wie viel machen die Technologieaktien aus?

Technologieaktien machen gerade einmal 2 Prozent des Index aus. Die schweizerischen Tech-Werte sind seit dem Tief um 59,9 Prozent gestiegen, sind aber zu klein, um den SPI zu beeinflussen. Noch deutlicher: Rohstoffe und Industriewerte stiegen um 52,6 Prozent bzw. 47,6 Prozent.

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Die schweizerischen Nichtbasiskonsumgüter, Basiskonsumgüter, Healthcare und Finanztitel – die anderen Sektoren, die mindestens 2 Prozent Ihres Marktes ausmachen – legten alle um zwischen 19 Prozent und 34 Prozent zu.Über Europa verteilt – der Kontinent wird ja oft als schwerfällig und technologiefrei gescholten – zeigt sich das Rally noch grösser und breiter.

Ausserhalb der Schweiz sind 90 Prozent der europäischen Aktien seit dem Tiefpunkt gestiegen, mehr als zwei Drittel um mindestens 20 Prozent. Die USA? Mit Ausnahme von 18 Aktien sind alle im S&P 500 gestiegen – drei Viertel um über 20 Prozent. Hohe Gewinne auf breiter Front sind in Bullenmärkten normal, auch dieses Mal.

Wie können Märkte trotz des Gegenwinds durch Covid-19 so breit wachsen?

Ganz einfach: Aktienmärkte schauen nach vorn – immer und überall. Sie wägen die Zukunft ab, üblicherweise über 3-30 Monate. In diesem Frühjahr zwangen die Lockdowns die Märkte zum extrem kurzfristigen, schnellen Einpreisen der Abwärtsentwicklung. Als sie das getan hatten, richteten die Märkte ihren Fokus auf die Zeit nach Covid-19, wodurch die Aktien insgesamt angehoben wurden.

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Über kurzfristige Schübe hinaus diktieren die aktuellen Treiber eine anhaltende Führung der Technologie- und Wachstumsaktien – was in frühen Bullenmärkten untypisch ist. Normalerweise steigen die wirtschaftlich sensibleren, kleineren Werte in Bullenmärkten früh, bevor sie durch lange, heftige Abschwünge niedergewalzt werden.

Oft stellen sie grössere Kreditrisiken dar als grössere, hochwertigere Unternehmen – also werden sie von Kreditgebern in Rezessionen nach und nach gemieden, wodurch viele ihrem Schicksal überlassen werden. Wenn die Kredite schliesslich fliessen, steigen die Nebenwerte erleichtert.

Auf was deutet das hin?

Aber dieser rasante Abschwung bedeutete, dass die Nebenwerte nie dem anhaltenden Druck ausgesetzt waren, der sie für den Anstieg in einem frühen Aufschwung in Position gebracht hätte. Das wird vermutlich so weitergehen.

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Die massiven quantitativen Lockerungsprogramme der Zentralbanken würgen die langfristigen Zinsen ab und verringern die Zinsspannen und Kreditprofitabilität – die Kreditgeber bleiben gegenüber geringwertigeren Firmen zurückhaltend. Die engen Spreads tun auch den Banken weh, die klassische Nebenwerte sind. Die Ölschwemme schränkt das Wachstum des Energiesektors ein.

Gehen Sie also davon aus, dass die Dominanz der Wachstumsaktien zwar weltweit erhalten bleibt, aber uneinheitlich. Seit dem Märztief übertreffen die Wachstumsaktien mit einem Zuwachs von 54,8 Prozent den der Nebenwerte von nur 30,3 Prozent, trotzdem hinkte der wachstumsfreudige Markt der Schweiz hinterher.

Warum hinkt die Schweiz hinterher?

Weil er nicht das richtige Wachstum aufweist. Beinahe drei Viertel der Marktkapitalisierung der schweizerischen Wachstumsaktien sind Basiskonsumgüter und Healthcare. Beide hinken global hinterher. Stattdessen locken die fetten Gewinnmarken und geringe Verschuldung der grossen Technologie- und technologieartigen Unternehmen die Anleger in eine restriktive Kreditwelt.

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Der Mangel an grossen Tech-Aktien in der Schweiz bedeutet, dass Sie diese global einkaufen müssen. Blicken Sie dazu vor allem in die USA, aber auch nach Holland, Deutschland und China. Meiden Sie die kleineren Werte nicht vollständig, weder zu Hause noch im Ausland. Diversifizieren Sie. 

Starke Portfolios setzen sich nicht nur aus Gewinnern zusammen. Sonst können plötzliche Führungswechsel die Gewinne verpuffen lassen. Deswegen ist die nicht wahrgenommene Breite dieses Bullenmarkts so gut.

Dass die meisten nur einen schwachen, kleinen Markt sehen, verstärkt die «Wall of Worry» – das ist weitgehend optimistisch. Die derzeitigen Bedingungen diktieren die Führung von Tech- und Wachstumswerten, aber es wird noch viel Positives die Runde machen.