Aktien von Airlines und Reisekonzernen gehörten zu den grössten Verlierern an der Börse im letzten Jahr. Könnten sich Titel aus diesen Krisenbranchen heuer erholen?
Auf diese Branchen hatten die Schnäppchenjäger schon früh ein Auge geworfen. Wie beim Brexit jedoch teilweise zu früh. Sie gehören zu den Sektoren, die die zweite oder dritte Covid-Welle am stärksten gespürt haben.

Zwar wird erwartet, dass die Reisetätigkeit 2021 global wieder deutlich steigen wird. Wir rechnen aber einerseits mit einigen strukturellen Veränderungen in der Branche und andererseits haben unterschiedlichen Anbieter die vergangenen neun Monate unterschiedlich gut überstanden.

Auch für die kommenden Monate brauchen die Firmen dieser Branchen noch eine belastbare Liquiditäts- und Schuldenstrategie. Wir setzen daher nicht auf den gesamten Sektor, sondern schauen uns einzelne Werte sehr genau an.

Bei touristischen Kursstreckenflügen und -zielen rechnen wir mit der schnellsten Erholung. Firmen dürften ihre Geschäftsreisepolitik aber nachhaltig verändern, sowohl bei Kurz- und Langstrecke.  

Stefan_Kreuzkamp_DWS

Stefan Kreuzkamp ist Chief Investment Officer (CIO) und Head of Investment Division beim deutschen Vermögensverwalter DWS Group.

Quelle: ZVG
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Bitcoin und andere Kryptowährungen haben sich in den letzten Wochen massiv aufgewertet – offenbar auch, weil zunehmend institutionelle Investoren darin investieren. Kommen Kryptowährungen als Anlage für Sie infrage? 
Wir bleiben bei unserer Meinung, dass wir Kryptowährungen nicht in unsere Depots aufnehmen, da uns für eine seriöse Bewertung jeder Zugriff fehlt. Wir schauen uns aber die Unternehmen an, die von der Blockchain-Technologie profitieren.

Grossbritannien hat den Brexit vollzogen und ist nicht mehr Mitglied der EU. Wie werden sich die Währung Pfund und die Wirtschaft und Märkte auf der Insel in nächster Zeit nach Ihrer Einschätzung entwickeln?
Wir werten positiv, dass kurz vor Schluss noch ein «Deal» zwischen der EU und Grossbritannien abgeschlossen wurde, wenngleich sich das Abkommen hauptsächlich auf den Freihandel konzentriert und insgesamt eher dünn ist.

Die Verhandlungen im Dienstleistungssektor beispielsweise laufen weiter, was immer mal wieder zu Spannungen führen dürfte. Mit dem EU-Austritt kommen vor allem mehr Zollkontrollen und Dokumentationspflichten auf die Handelspartner zu, was im ersten Halbjahr 2021 Wachstum kosten dürfte. Danach sollten sich die Unternehmen an die neue Situation angepasst haben.

Die damit verbundenen Friktionen belasten das Wachstum aber zusätzlich zur zugespitzten Corona-Pandemie, so dass Grossbritannien kaum einer Double-Dip-Rezession entkommen dürfte.

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Die wirkliche Wende zum Besseren erwarten wir erst, wenn die Impfquoten hoch genug sind, also eher im 2. Halbjahr 2021. Das Pfund hat im Vorfeld des Brexit-Abkommens wenig Nervosität gezeigt.

Dementsprechend hat die Einigung auch keine Euphorie an den Märkten ausgelöst. Angesichts der aktuellen schwierigen Gemengelage sind perspektivisch keine Höhenflüge zu erwarten.

Das gilt auch für die Aktien, auch wenn hier viele Anleger seit der auf das Referendum folgenden Korrektur im Jahre 2015 bisher vergebens auf günstige Einstiegsmöglichkeiten warten. Der Index hinkt dem europäischen Vergleichsindex seit dieser Zeit hinterher, erst recht, wenn man ihn in Euro (oder Franken) umrechnet. Ähnliches gilt für die britische Wirtschaft.

«Wir bleiben bei unserer Meinung, dass wir Kryptowährungen nicht in unsere Depots aufnehmen.»

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Öl, Edelmetalle, Rohstoffe: Welche Anlageklassen werden sich 2021 stark entwickeln?
Auch dieses Jahr erwarten wir für Gold eine positive Entwicklung. Unsere Schätzung für Ende 2021 liegt bei 2100 US Dollar je Feinunze. Trotz weltweit stark steigender US-Verschuldung sollten die Renditen der Staatsanleihen nur begrenzt steigen.

Die Fed hat mehrfach versichert, bei einem Renditeanstieg nicht zu früh zu intervenieren, selbst wenn der Grund hierfür die diskutierte Fed-Politik der sogenannten «Yield Curve Control» ist, wodurch stärkere Zinsausschläge unterbunden werden sollen. Dies könnte zum Beispiel zu weiter sinkenden Realzinsen führen, die sich wiederum positiv auf den Goldpreis auswirken sollten.

Der Dollar ist 2020 gefallen, der Franken hat sich aufwertet. Wie lautet Ihre Prognose für die beiden Währungen für dieses Jahr?
Der US-Dollar hat sich Ende 2020 auf unter 90 Rappen abgeschwächt.

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Wir halten ein gewisses Mass der Fortschreibung der USD-Abschwächung aufgrund der weiter expansiven Fed-Politik in der kurzen Frist für durchaus möglich.

Jedoch entwickeln sich die Prognosen hinsichtlich des Wachstumsdifferentials der verschiedenen Volkswirtschaften immer mehr zugunsten der USA und des US Dollar, was zum Jahresanfang bereits die Diskussion um das Tapering der Anleihekäufe entfacht hat.

Eine handlungsfähige US-Administration mit demokratischer Mehrheit im Senat unter Joe Biden flankiert und komplementiert mit Fiskalpaketen die Geldpolitik der Fed gibt hier mehr Spielraum.

Eine Stabilisierung oberhalb der 0,90 halten wir daher in der mittleren und längeren Frist für wahrscheinlicher und haben das Kursziel des Rappen gegen den USD bei 0.94 (1.08 bei EUR/CHF und 1.15 bei EUR/USD) gesetzt.

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Kommen wir zum allgemeinen Geschehen an den Börsen: Wie stark beschäftigt die Corona-Krise die Finanzmärkte?
Im Vergleich zur Omnipräsenz der Pandemie in den Medien und in unser aller Leben reagieren die Börsen mittlerweile nur noch verhalten auf dieses Thema. Das liegt zum einen an den enormen geld- und fiskalpolitischen Hilfspaketen, die ihre Wucht auch noch, oder gerade, im laufenden Jahr entfalten.

Es liegt aber auch an der Gewissheit, dass wirksame Impfstoffe bereitstehen. Deren flächendeckende Verabreichung mag sich verzögern, zudem könnten die aggressiveren Mutationen des Virus mindestens im ersten Quartal noch für Rückschläge sorgen.

Aber solange die Anleger nicht davon ausgehen, dass diese Widrigkeiten den Volkswirtschaften nachhaltige Schäden zuführen, dürfte es die Märkte für sich genommen nur relativ wenig belasten. Angesichts der bereits erreichten stolzen Bewertungen macht es den Markt dann aber doch anfälliger für Korrekturen, sollte sich die wirtschaftliche Erholung deutlich verzögern. 

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Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Der Aktienmarkt hat in den vergangenen Monaten bereits eine starke Erholung der Unternehmensgewinne antizipiert. Dementsprechend ist das aktuelle Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) mit 25 hoch.

Auch wenn sich die erwarteten Gewinnsteigerungen in 2021 materialisieren sollten – wovon wir ausgehen – ist aus Bewertungssicht kurzfristig eine Korrektur kaum auszuschliessen.

Wo steht der SMI in zwölf Monaten?
Auch wenn wir davon ausgehen, dass sich die Gewinne im SMI um 40 Prozent auf 600 Franken erhöhen sollten, sehen wir ein deutlich begrenzteres Aufwärtspotenzial. Unterstellen wir eine Normalisierung des Index-KGVs von 25 auf 20 in 12 Monaten, so kämen wir auf ein Indexniveau von 12'000 Punkten, was einem Upside-Potenzial von gut zehn Prozent entspräche.

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Das Interview wurde schriftlich geführt.