Die Ölpreise sinken und sinken. Gerade einmal 84 Dollar kostet ein Fass (Barrel) der Nordseesorte Brent inzwischen. Der Preis fiel jüngst auf den tiefsten Stand seit vier Jahren. Seit Sommer beläuft sich die Rückgang auf rund 20 Prozent, eine weitere Talfahrt ist wahrscheinlich.

Ein tieferer Ölpreis freut zwar die Konsumenten, die von den billigen Spritpreisen profitieren. Die vom Ölexport abhängigen Länder leiden allerdings. Allen voran Russland. Dem Staat entgehen Einnahmen in Milliardenhöhe. Moskau sieht sich denn auch als Opfer eines Komplotts. Die USA und Saudi Arabien sollen den Preis absichtlich niedrig halten, um die Wirtschaft Russlands in die Knie zu zwingen, lautet der Vorwurf. «Die Preise sind manipuliert», sagte Michail Leontjew, Sprecher der staatlichen Ölgesellschaft Rosneft laut «Handelsblatt» nun in einem Radio-Interview.

Fracking beschert USA Öl-Boom

Grund für den massiven Preiszerfall ist das Überangebot des schwarzen Goldes auf dem Markt. Dazu beigetragen haben vor allem die USA – dank der neuen und umstrittenen Fördermethode Fracking. Dabei werden mit dem Einsatz von Chemikalien Gas- und Ölvorkommen in tiefen Gesteinsschichten freigesetzt. Seitdem erlebt das Land einen Öl-Boom. Die Fördermengen wurden massiv hochgeschraubt und die Märkte mit billigem Öl geflutet.

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Derzeit ist zwar noch immer Russland der grösste Ölförderer der Welt, vor Saudi Arabien und den USA: Die Weltenergiebehörde IEA schätzt aber, dass die USA im kommenden Jahr rund 12 Millionen Barrel pro Tag produzieren und damit Russland den Rang ablaufen werden. Für 2015 rechnet die IEA damit, dass die USA nur noch etwa ein Fünftel ihres Ölverbrauchs importieren müssen. Zum Vergleich: 2010 lag die Einfuhrquote des rund um den Globus grössten Öl-Konsumenten bei fast der Hälfte des Verbrauchs.

Niedergang der Sowjetunion provoziert

Auch der ehemalige russische Finanzminister Alexei Dukrin sieht in der Ölflut der USA politisches Kalkül. Im Staatsfernsehen erklärte er, dass es «eine Art Übereinkunft» zwischen den USA und den Ölstaaten des Nahen Ostens geben könnte. Man würde absichtlich die Produktion hoch und die Preise niedrig halten, um Russland zu schwächen.

Nikolaj Patruschew, Sekretär des Nationalen Sicherheitsrates und enger Vertrauter von Präsident Wladimir Putin, spricht in einem Zeitungs-Interview ebenfalls über die Talfahrt des Ölpreises, blickt allerdings zurück in die achtziger Jahre. Den Preiszerfall hätten die USA damals herbeigeführt, um die von Rohstoffeinnahmen abhängige Sowjetunion in den Bankrott zu treiben, so Patruschew gemäss «FAZ». Tatsächlich hatte ein niedriger Ölpreis letztlich den Niedergang der Sowjetunion beschleunigt.

Russland fehlen Milliarden in der Kasse

Parallelen zur heutigen Situation sind nicht von der Hand zu weisen. Der Preisrückgang beim Öl belastet die Staatskasse Russlands massiv. Rund 40 Prozent der Einnahmen stammen aus dem Export von Öl. Für einen ausgeglichenen Haushalt in diesem Jahr rechnet Moskau mit einem durchschnittlichen Preis von 104 Dollar je Fass. Jeder Dollar unter diesem Wert bedeuten Milliardenverluste in der Staatskasse.

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Die finanzielle Belastung ist für Russland bereits jetzt gross: Die Wirtschaft schwächelt und die Kosten für die einverleibte Halbinsel Krim sind immens. Zudem hat die Regierung den von den westlichen Sanktionen betroffenen Unternehmen Hilfe zugesichert. Experten erwarten, dass Russland bei einem Ölpreis von weniger als 100 Dollar in eine Rezession gerät. Ein russischer Ökonom, der anonym bleiben wollte, sagte im Sommer gemäss der Nachrichtenagentur Reuters: «Sollte der Preis auf 75 Dollar fallen und dort für ein paar Jahre verharren, werden wir in Russland einen Machtwechsel sehen.»

Tiefer Ölpreis schadet USA

Aus politischer Sicht spielt ein fallender Ölpreis den USA sicherlich in die Karten. Der Westen versucht bekanntlich mit Sanktionen Russlands Wirtschaft unter Druck zu setzten, um Zugeständnisse in der Ukraine zu erzwingen. Allerdings spricht mindestens ein Faktor gegen eine «Verschwörung» mit den Scheichs. Die USA würden sich mit einem provozierten Tiefpreis beim Öl selber ins Fleisch schneiden. Das Problem: Fracking ist teuer und lohnt sich nur, wenn Öl einen gewissen Preis hat. Experten gehen davon aus, dass ein Ölpreis in Richtung 75 Dollar viele neue Produktionen in den USA unprofitabel machen würde.

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Daher glaubt auch Susanne Toren, Rohstoffexpertin bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB), nicht an eine «Verschwörung»: «Die USA als wirtschaftsorientierte Macht werden ihre eigene Ölproduktion und eigenen Ölfirmen sicherlich nicht gefährden, indem sie den Ölpreis absichtlich drücken.» Zudem dürfte der Preiszerfall auch Saudi Arabien Sorgen machen. «Der jetzige tiefe Ölpreis belastet Saudi Arabien sicherlich schwer», sagt Toren.

Scheichs wollen Fördermenge hochhalten

Dem widerspricht allerdings das Vorgehen der Scheichs auf dem Ölmarkt. Vor einigen Tagen liess Saudi Arabien als grösstes Förderland des Ölkartells Opec die Marktteilnehmer wissen, dass das Königreich auch mit einem Ölpreis von 80 Dollar leben könne. Man werde die Produktion daher weiter hoch halten. Ähnlich äusserten sich Kuwait und der Irak.

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Investoren an den Märkten reagierten geschockt auf diese Nachricht: Die Ölpreise gingen erneut auf Talfahrt. Experten hatten erwartet, dass die Opec auf den Preiszerfall mit Förderkürzungen reagieren würde. Mit solchen Massnahmen ist derzeit aber nicht zu rechen. In den Ohren von Russland muss das Vorgehen der Saudis zwar wie eine Kampfansage geklungen haben. Ein Beweis dafür, dass diese mit den USA unter einer Decke stecken und Russland in den Bankrott führen wollen, ist dies aber noch lange nicht – im Gegenteil.

Macht der Opec schrumpft

Dass die Scheichs freiwillig den Preis abstürzen lassen, könnte nicht gegen Russland, sondern gegen den Konkurrenten USA zielen. Seit dem jüngsten Öl-Boom in Amerika schrumpft die Macht der Opec. Die USA reissen sich immer mehr Anteile auf dem globalen Markt unter den Nagel. So gehen Experten davon aus, dass Saudi Arabien darauf wartet, dass Produzenten mit höheren Kosten – also die USA mit ihrem Fracking – zuerst die Produktion drosseln. Daher lassen die Saudis den Ölpreis freiwillig abstürzen. Ihnen könnte es demnach in erster Linie darum gehen, Marktanteile zu verteidigen, statt Profite zu steigern.

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Letztlich trifft der gesunkene Ölpreis nicht nur Russland schwer. Laut einer Analyse der Deutschen Bank, werden sieben der zwölf Opec-Mitglieder bei einem Ölpreis unter 100 Dollar keinen ausgeglichenen Haushalt erreichen. Dazu gehören unter anderen Iran, Nigeria und auch Venezuela. Die Südamerikaner forderten kürzlich von der Opec eine Sondersitzung. Die Regierung will sich dafür einsetzen, dass der Preis nicht weiter fällt.

Am 27. November wird es ernst

Auf einen steigenden Ölpreis dürfen die Länder hoffen. ZKB-Frau Susanne Toren sieht in den kommenden Monaten eine Erholung: «Wir gehen davon aus, dass sich der Ölpreis allmählich stabilisiert und sich gegen Jahresende bereits auf 90 bis 95 Dollar pro Fass erholt hat.» Entscheidend für den Ölpreis wird vor allem der 27. November sein. Dann berät das Ölkartell Opec über das weitere Vorgehen auf dem Ölmarkt. Bis dahin dürfte sich an den Fördermengen der Opec kaum was ändern.

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