Die aktuelle Krise ähnelt in mancher Hinsicht den grossen Turbulenzen der 1920er-Jahre. Niemand Geringeres als Mario Draghi hat diesen beunruhigenden Zusammenhang hergestellt. Der frühere Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) warnte die Europäer eindringlich davor, die Fehler von damals zu wiederholen.

Fehler, die einst in eine grosse Depression mündeten. Um die Folgen der Pandemie von potenziell «biblischem Ausmass» zu bekämpfen, sei der Einsatz unbegrenzter Mittel geboten, mahnte Draghi. Währungshüter rund um den Globus scheinen das ähnlich zu sehen.

In eilig anberaumten Notsitzungen haben Geldpolitiker fast aller grossen Volkswirtschaften Programme im Volumen von mehreren Hundert Milliarden angekündigt, die sich zu Billionensummen addieren. Auf die Märkte und Volkswirtschaften rollt damit ein regelrechter Tsunami an Liquidität zu.

Ein Zeitalter der Geldschwemme

Damit zieht eine Gefahr auf, die ebenfalls an die Zwanzigerjahre erinnert: die Rückkehr der Inflation. Auch wenn die grossen Preissprünge sich vielleicht erst mit einigen Jahren Verzögerung einstellen werden, tun Sparer und Anleger gut daran, sich schon jetzt auf dieses Szenario einzustellen. Ein Zeitalter der Geldschwemme bricht an, und dieses Zeitalter erfordert ein neues Denken.

Die grösste Liquiditätsmenge kommt von der Federal Reserve, deren wichtigstes Instrument Anleihenkäufe in «unbegrenzter Höhe» sind. Schon während der Bankenturbulenzen von 2009 hatte die US-Notenbank gigantische Summen ins System geleitet, doch die jetzigen Massnahmen sprengen alles je Dagewesene.

6,1 Billionen Dollar in der Fed-Bilanz – historischer Höchstwert

«Was die Fed nach der Finanzkrise in acht Monaten in die Märkte gepumpt hat, wird jetzt in einer Woche rausgehauen», sagt Erik Townsend, Manager beim Hedgefonds Fourth Turning Capital. 

Schon jetzt kaufe die Institution mit frisch geschaffenem Geld alle möglichen Zinspapiere auf, um das Finanzsystem zu stabilisieren. In Zukunft dürften wohl noch Aktien dazukommen.

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Die Bilanzsumme der Federal Reserve, das Spiegelbild der Liquiditätsspritzen, ist schon im Zuge der jetzigen Käufe auf 6,1 Billionen Dollar, umgerechnet 5,6 Billionen Euro, angewachsen.

Das ist ein historischer Höchstwert und entspricht rund 28 Prozent der US-Wirtschaftsleistung, also dem Wert aller Güter und Dienstleistungen, die in einem Jahr produziert werden.

Allein in den vergangenen vier Wochen wurden Wertpapiere im Wert von einer knapp 1,8 Billionen Dollar erworben.

Auch die EZB druckt schneller

Diese Liquidität fliesst zunächst den Banken zu, ebenso Versicherungen und anderen grossen Finanzinstitutionen. Ein Teil davon wird der Realwirtschaft zugutekommen, das Gros aber in den Kapitalmärkten bleiben und dort die Kurse und die Bewertungen nach oben treiben.

Gegen Amerikas Notenbank wirken die europäischen Währungshüter bisher noch fast wie Waisenknaben. Allerdings lässt auch die EZB die Gelddruckmaschinen schneller rotieren.

Grafik - Welt.de - Nationalbanken
Quelle: welt.de

Zuletzt hat die Institution zusätzlich zu dem bereits laufenden und 360 Milliarden Euro umfassenden Anleihekaufprogramm weitere 750 Milliarden Euro genehmigt. Auch damit sollen Wertpapiere erworben werden.

Dazu kommen noch Langfrist-Kredite an Banken, die ebenfalls liquiditätswirksam werden können. Die Bilanzsumme der EZB hat mit mehr als fünf Billionen Euro ebenfalls einen Rekord erreicht.

Die Märkte werden geflutet

Parallel zu Fed und EZB haben auch andere Institutionen damit begonnen, die Märkte zu fluten. Wie viel Geld in kürzester Zeit neu geschaffen wurde, dokumentieren die Bilanzsummen der Notenbanken, die die Aktivitäten sämtlicher Institutionen abbilden. 

Rechnet man die Bilanzsummen der Notenbanken in den grossen Industrienationen zusammen, ergibt sich seit Ende Februar ein Liquiditätszuwachs von umgerechnet 2,5 Billionen Euro.

Unter der Annahme, dass die Zentralbanken das Tempo rund sechs Monate beibehalten und danach zum vorherigen Status quo zurückkehren, würden die Volumina bis Ende des Jahres auf 25,6 Billionen Euro klettern.

Das wären rund elf Billionen Euro mehr als vor Ausbruch der Corona-Krise. Zum Vergleich: Das deutsche Bruttoinlandsprodukt lag 2019 bei rund 3,4 Billionen Euro.

Allein in der industrialisierten Welt wird so viel Geld «gedruckt», dass es rein rechnerisch reichen würde, um den gesamten Output der Deutschen dreimal aufzukaufen.

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Deutlich steigende Konsumentenpreise

Thomas Mayer, Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute und früherer Chefvolkswirt der Deutschen Bank, glaubt daher, dass die Geldschwemme die Inflation deutlich hochtreiben wird. 

Mayer sieht einen grossen Unterschied zur Wirkung der Kaufprogramme nach der Finanzkrise 2008, auf die damals kein Preissprung bei Produkten des täglichen Bedarfs folgte. 

«Die neu geschaffene Liquidität dürfte nicht nur wie nach der Finanzkrise in den Kauf von Vermögenswerten, sondern auch in den Kauf von Konsumgütern zur Nachholung unterlassenen Konsums fliessen», sagt er.

Dieses Mal steht der monetären Nachfrage aber keine höhere Produktion gegenüber. «Im Gegenteil, ein Teil der Kapazitäten wird vernichtet sein und die strukturelle Arbeitslosigkeit anziehen.»

Eine Hyperinflation wie in den 1920er-Jahren sei zwar nicht zu erwarten, «aber die Konsumentenpreisinflation dürfte deutlicher steigen, als dies nach der Finanzkrise der Fall war.»

Das trifft alle Sparer ganz unmittelbar. Schon jetzt erleiden Anleger einen Kaufkraftverlust, wenn sie ihr Geld auf dem Konto liegen lassen. Da es keine Zinsen mehr gibt, verliert das Ersparte sukzessive an Wert.

Mayer nennt das «finanzielle Repression.» Im Jahr 2019 lag die Inflationsrate in Deutschland bei 1,4 Prozent, entsprechend hoch war der Wertschwund von Sparkapital.

Grafik - Welt.de - Gold
Quelle: welt.de
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Der Wert des Geldes wird verwässert

Sollte die Inflationsrate als Folge der Krise steigen, könnte dieser bisher noch schleichende Verlust des Geldwerts sich deutlich beschleunigen. Im Moment wird die Teuerung durch den Einbruch der Energiepreise noch unten gehalten. Doch sollte dieser Effekt auslaufen, könnte die Inflation an Brisanz gewinnen.

Auch langfristige Zinsanlagen bieten kein Entkommen: Denn dort kann von Verzinsung ebenfalls keine Rede mehr sein. Selbst die Rendite für 30-jährige Bundesanleihen ist in Zeiten der Geldschwemme negativ.

Das hat auch damit zu tun, dass die Rettungsmilliarden von Regierungen und Notenbanken ein Überangebot an Geld schaffen: Nach dem klassischen Gesetz von Angebot und Nachfrage verliert es damit an Wert.

«Wir verwässern den Wert unseres Geldes, um jetzt die Kreuzfahrtbranche oder private Jet-Betreiber zu retten», sagt Hedgefondsmanager Townsend.

In dieser Situation hält er grosse Stücke auf ein Anlagemedium, das es bereits seit 6000 Jahren gibt: Gold. «Es gibt kein Attribut, das beschreibt, wie optimistisch man angesichts all dieser Rettungsmilliarden für Gold sein muss», sagt er.

Wie schon nach der Lehman-Pleite 2008 brachen die Notierungen auch diesmal zwar zunächst mit dem Aktienmarkt ein, setzten dann aber zu einer fulminanten Rallye an.

Anleger lassen sich Gold ausliefern

Da physisches Metall derzeit kaum verfügbar sei, könnten Investoren auf goldgedeckte Investmentvehikel setzen und ihr Geld eine Zeit lang dort parken, bis sich die Lage wieder entspannt habe, meint Townsend.

Niemand müsse aktuell hohe Aufschläge zahlen, um Edelmetall zu besitzen. In Deutschland ist zum Beispiel der Xetra Gold mit Münzen und Barren hinterlegt.

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Der Fonds bietet auch ein Auslieferungsrecht, von dem im März 2020 schon mehr als dreimal so viel Kunden Gebrauch gemacht haben wie in einem normalen Monat. In den letzten Wochen hat der Unzenpreis wieder kräftig angezogen.

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Ähnliche Perspektiven wie für das Edelmetall gibt es für digitale Vermögenswerte wie Bitcoin. «Seit Beginn der Krise hat sich die Bitcoin-Nachfrage mehr als verdoppelt», berichtet Christoph Iwaniez, Finanzvorstand bei der Kryptobank Bitwala.

Kunden nutzten die virtuellen Münzen als zusätzliche Diversifizierung, um sich gegen Inflationsrisiken abzusichern.

«Bei der Geldschwemme steht Bitcoin tendenziell unter Aufwertungsdruck», ist er überzeugt. Er räumt ein, dass es sich um eine äusserst schwankungsfreudige Anlageklasse handelt.

Entscheidend sei aber, wohin die Reise langfristig gehe. Und da zeigt sich der Experte optimistisch. Beim Bitcoin war das Preisplus zuletzt sogar zweistellig.

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Virtuelle Münzen gegen die reale Entwertung

Auch wenn es derzeit nicht so aussieht, könnten Aktien am Ende zu den Profiteuren der Geldflut gehören. Anleger könnten sich schützen, wenn sie in reale Vermögenswerte investieren. «Neben Gold dürften dafür globale Aktien am besten geeignet sein», sagt Ökonom Mayer.

Für den privaten Sparer dürfte ein möglichst international gestreuter Fonds die beste Wahl sein. Besonders kostengünstig macht das der SPDR MSCI ACWI IMI. Dieses Portfolio deckt die «Welt-AG» ab, also beinahe alle namhaften Börsenfirmen weltweit. Der Fonds steht Kunden in Deutschland zur Verfügung.

Der zugrunde liegende Index MSCI ACWI IMI umfasst rund 9000 Firmen aus 49 Ökonomien, sowohl entwickelten Volkswirtschaften als auch Emerging Markets. Eine breitere Streuung in einem Fonds ist de facto nicht möglich. Er liegt auch ETFs in der Schweiz zugrunde.

Die Ära der Geldschwemme dürfte den grossen Konzernen gehören. Sie werden nicht nur das Gros der Rettungsmilliarden abbekommen, sondern profitieren ausserdem davon, wenn sich der Markt nach der Krise bereinigt.

Sechs Dutzen der wichtigsten Blue Chips der Welt

So ziehen die Grossen schon jetzt wieder verstärkt die Talente an, während vielen Start-Ups die Luft auszugehen droht.

Anleger, die am Aufstieg der Titanen teilhaben, halten sich an den Dow Jones Global Titans 50 Index, der die knapp sechs Dutzend wichtigsten Blue Chips der Welt enthält.

Zu den Multis gehören mit Nestlé, Roche und Novartis drei Schweizer Firmen. Mehr als drei Viertel der Konzerne des Fonds haben ihren Sitz aber in den USA.

Selbst wenn Aktien langfristig zu den Gewinnern des Liquiditätstsunamis zählen werden, müssen sich Sparer einer Sache bewusst sein: Die grosse Geldflut geht mit hohen, teilweise extremen Schwankungen am Markt einher.

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Das war bereits in den 1920er-Jahren so. Diese hiessen zwar die Goldenen Zwanziger, erlebten zwischenzeitlich aber heftige Abstürze und viel Unsicherheit. Genauso wie heute eben.

Dieser Artikel erschien zuerst im Bezahlangebot der «Welt» unter dem Titel: «Die Geldflut ist da – und so schützen Sie Ihr Vermögen».