Wie stark beschäftigt die Corona-Krise die Finanzmärkte?
Die Corona-Pandemie ist weiterhin ein Thema, wird aber derzeit in der Regel von anderen Themen wie makroökonomischen Zahlen oder zuletzt der Berichtssaison überlagert. Es dürfte eine Frage der Zeit sein, bis es in vielen Ländern zu einer zweiten Infektionswelle kommt. Aber grundsätzlich hat sich an den Aktienmärkten die Ansicht durchgesetzt, dass weitere landesweite Lockdowns durch effizientere und günstigere Massnahmen verhindert werden können.

Insbesondere die massiv erhöhten Testkapazitäten und die Möglichkeiten der Nachverfolgung von Infektionsketten spielen in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Hinzu kommen einfache Schutzvorkehrungen wie Maskenpflicht und andere Hygienemassnahmen. Sie helfen, eine Ausbreitung des Virus einzudämmen. Zudem verläuft die Entwicklung eines Impfstoffes schneller als erwartet, was noch zusätzlich für Optimismus sorgt. Somit ist bis auf weiteres davon auszugehen, dass eine zweite Infektionswelle die konjunkturelle Erholung verlangsamt, aber nicht abwürgt.

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Wir sehen für Schweizer Aktien nach wie vor Potential. Das gilt insbesondere für das Segment kleiner und mittelgrosser Unternehmen. Aber auch der Swiss Market Index (SMI) dürfte am Jahresende höher stehen. Insbesondere zyklische Unternehmen, die überdurchschnittlich von der sich weiter erholenden Weltkonjunktur profitieren werden, haben noch «Luft nach oben».

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Patrik Lang

Patrik Lang ist Leiter Aktien & globale Aktienstrategie bei der Bank Julius Bär.

Quelle: ZVG

Wo steht der SMI in zwölf Monaten?
In zwölf Monaten sehen wir den SMI bei 10'800 Punkten. Einschliesslich Dividenden entspräche dies aus heutiger Sicht einem Aufwärtspotential von etwa acht Prozent.

Tesla polarisiert. Gehören Sie zu den Skeptikern – oder trauen Sie dem US-Elektroautohersteller und dessen Aktie weitere Kurgewinne zu?
Tesla ist aus unserer Sicht überbewertet. Um den Aktienkurs zu rechtfertigen, muss man sehr aggressive, langfristige Annahmen treffen. So müsste Tesla seinen aktuell sehr hohen Marktanteil bei Elektroautos langfristig halten können, was aufgrund der vielen Unternehmen, die neu in den Markt eintreten, sehr unwahrscheinlich ist.

Mit einem unmittelbar bevorstehenden Kurssturz ist allerdings nicht zu rechnen. Die Nachrichtenlage dürfte den Kurs weiter stützen. Im September ist der Tesla Battery Day, an dem es weitere positive Nachrichten geben dürfte. Das neue Model Y wird in den kommenden Monaten das Zugpferd für starke Absatzzahlen und höhere Margen sein. Und ab Ende nächsten Jahres dürfte der Cybertruck in den USA ein weiteres Erfolgsmodell werden.

Welche drei europäischen Aktien können Sie derzeit empfehlen – und welche drei US-Titel gefallen Ihnen?
Wir mögen nach wie vor die grossen US-Titel im Technologie- und Internetsektor, wo wir weiterhin starkes Gewinnwachstum erwarten.  Insbesondere für Microsoft und Alphabet sehen wir weiterhin Potential.

Eine weitere spannende US-amerikanische Wachstumsaktie, die hierzulande nicht ganz so stark im Fokus steht, ist der Finanzdienstleister S&P Global. Auch hier sehen wir noch Potential.

In Europa finden wir Siemens interessant. Hier ist das Restrukturierungspotential noch nicht vollständig im Aktienkurs enthalten. Adidas ist nach wie vor eine der attraktivsten Wachstumsgeschichten, die wir in Europa entdecken. In der Schweiz mögen wir LarfargeHolcim. Die Aktie ist attraktiv bewertet und sehr gut positioniert, um vom anhaltenden globalen Konjunkturaufschwung zu profitieren.

Die US-Börsen haben in jüngster Zeit höhere Kursgewinne geliefert als europäische Marktplätze. Wer liegt bei diesem transatlantischen Vergleich aktuell vorne?
Seitdem die Börsen Mitte März einen Boden gefunden haben, hat das US-Börsenbarometer S&P 500 gut 50 Prozent zugelegt.  Der Eurostoxx 50 ist im gleichen Zeitraum rund 40 Prozent gestiegen, und der SMI konnte immerhin noch etwa 25 Prozent zulegen.

Hauptreiber in den USA waren wie schon in den Vorjahren die grossen Technologiekonzerne Facebook, Apple, Amazon, Microsoft und Alphabet. Das Quintett steht mittlerweile für 22 Prozent der Marktkapitalisierung des gesamten S&P 500, und die Entwicklung des Indizes ist dementsprechend stark abhängig von dieses Titeln.

In Europa haben vor allem zyklische Aktien wie Auto-, Chemie- und Rohstoffunternehmen die Märkte getrieben. Technologieaktien sind zwar auch in Europa gut gelaufen, aber die Bedeutung dieses Sektor ist in den europäischen Aktienindizes sehr viel geringer als in den USA.

Der SMI hat aufgrund seiner defensiven Ausrichtung da nicht ganz mitgehalten. Wir gehen davon aus, dass sich die Entwicklung der letzten Monate in abgeschwächter Form auch im zweiten Halbjahr fortsetzt. Das heisst, Technologieaktien und Zykliker sollten sich im Vergleich zu defensiven Aktien besser entwickeln und das sowohl in den USA als auch in Europa.

Welche drei Schweizer Unternehmen könnten im zweiten Halbjahr bessere Resultaten liefern als von Beobachtern erwartet?
Die schon erwähnte LafargeHolcim sollte im zweiten Halbjahr positiv überraschen. Grundsätzlich sehen wir positives Überraschungspotential bei vielen Zyklikern. Hier haben wir im abgelaufenen Quartal bereits positive Überraschungen gesehen, und dies dürfte sich zunächst fortsetzen.

Das gilt vor allem für Gesellschaften, die geographisch gut diversifiziert sind und stark vom internationalen Geschäft abhängen. Georg Fischer wäre ein Titel, der in diese Kategorie fällt. Zudem sehen wir bei ABB Potential für positive Überraschungen. Neben dem konjunkturellen Rückenwind könnten dort Fortschritte bei der Restrukturierung zu Buche schlagen.

Das Interview wurde schriftlich geführt.