Anleger haben die Tendenz, in Wertpapiere von Unternehmen aus dem Heimatland zu investieren. Gerade – und vornehmlich – Schweizerinnen und Schweizer. «Viele Schweizer Anleger haben ein stärkeres Sicherheitsgefühl, wenn das Investment örtlich näher ist», sagt Oliver Scharping, Portfolio Manager der Bantleon Bank. «Die Unternehmen im eigenen Land erscheinen vertrauensvoller; man kennt das, was vor der Haustür ist, besser als den Wettbewerber in Portugal, da man sich ständig damit beschäftigt.»

Sie verfallen dabei dem Home-Bias-Effekt. «Bias» heisst Verzerrung, was bedeutet, dass Anleger ihr Verhalten auf irrationale Gründe stützen, Fakten ignoriert werden und das Risiko im Portfolio steigt. Denn in so gut wie allen Lehrbüchern wird von der Bedeutung einer globalen Diversifikation (Streuung) gesprochen. Frei nach dem Motto: Nicht alle Eier sollten in einen Korb gelegt werden.

Doch egal, wohin man schaut: Von Los Angeles bis Sydney investieren Anleger vor allem in ihrem Heimatmarkt. Dies belegt unter anderem eine Langzeitstudie des Fondsanbieters Vanguard von 2017.

Dafür wurden über 25 Jahre lang die Portfolios von Anlegern aus Australien, Kanada, Japan, den USA und Grossbritannien analysiert. Das Ergebnis der Studie zeigte, dass Anleger in allen untersuchten Portfolios ihren Heimatmarkt übergewichtet hatten. Spitzenreiter waren die Australier. Dort halten Anleger 66 Prozent heimische Aktien, Kanadier 59 Prozent. 

Gestaunt hätten die Spezialisten von Vanguard, wenn sie auch die Schweiz in ihre Studie miteinbezogen hätten, denn Schweizer sind wahre Heimatliebhaber, wie eine Studie der WWZ Basel bereits 2009 zutage gebracht hatte: Schweizer Aktienportfolios bestehen zu 80 Prozent aus heimischen Titeln. Im Ausland lebende Schweizer investieren immerhin noch 50 Prozent der Aktien in Schweizer Titel.

Geringeres Risiko mit Schweizer Aktien

Matthias Geissbühler, Chief Investment Officer bei Raiffeisen Schweiz, hat dem Thema Heimatliebe unlängst eine Anlagestudie gewidmet: «Schweiz ist Trumpf». Sein Fazit: «Der Heimmarkt umfasst praktisch alles, was das Anlegerherz höherschlagen lässt. Ein besseres Rendite-Risiko-Verhältnis als im Heimmarkt findet sich kaum woanders.»

Vor allem die Krisenresistenz beeindruckt: Während der MSCI World Index zwischen Ende Februar und Mitte März fast 34 Prozent verloren hat, ging es für den Swiss Performance Index (SPI) lediglich 26 Prozent nach unten. Ähnliches Bild 2008: Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise verlor der Weltindex rund 55 Prozent, der Entwicklungsmarkt-Index gar 63 Prozent.

Der Schweizer Markt hingegen büsste lediglich 43 Prozent ein. Schweizer Titel verloren damit während den jüngst vergangenen Krisen – der Corona-Krise, der Dotcom-Blase und der Finanzkrise – deutlich weniger.

«Während andere Märkte durchgeschüttelt werden, kommen Schweizer Werte meist besser durch Krisen», so Geissbühler. Das war in der Vergangenheit so. Aber sollte die Schweiz in eine Krise stürzen, aufgrund eines Reaktorunfalls, wegen gesundheitlicher Gefahren oder eines politischen Erdbebens, wäre der gesamte Schweizer Aktienmarkt betroffen. Dieses länderspezifische Risiko ist nur durch internationale Diversifikation zu vermindern. 

Mit der Schweizer Krisenresistenz allein – so könnten jetzt einige zu bedenken geben – hat man noch keine Rendite erzielt. Werfen wir also einen Blick darauf. Über die letzten zwanzig Jahre konnte mit dem Home Bias eine bessere risikoadjustierte Rendite erzielt werden als mit ausländischen Investments.

Raiffeisen hat dies anhand von zwei Musterdepots aufgezeigt: Die Strategie mit ausschliesslich Schweizer Titeln brachte zwischen 2008 und 2020 mit 3,91 Prozent pro Jahr eine höhere Rendite als die Strategie mit globaler Diversifikation (3,59 Prozent). Eine Studie der Credit Suisse, «Home Sweet Home», errechnete zwischen 2000 und 2019 eine um 1 Prozent höhere Rendite (3,1 Prozent pro Jahr), als sie mit globalen Aktien erzielt worden wäre.

Und ein Bloomberg-Vergleich des SPI von 1987 bis 2020 wies gar eine jährliche Rendite von 8,7 Prozent nach, während der globale Markt 6,4 Prozent erzielte. Freilich, was historisch richtig war, muss keine Garantie für die Zukunft sein.

Noch eindeutiger für den Heimmarkt sprechen die geringeren Kosten: Wer Schweizer Aktien kauft, muss keine Währungswechselkosten tragen. Die fallen bei Investitionen in Aktien in Fremdwährung an, etwa wenn Aktien von US-Technologiekonzernen gekauft werden. Zudem sind die Handelskosten bei Inlandaktien meist geringer, da sie an der Schweizer Börse gehandelt werden. Und: Es entfällt die aufwendige Rückforderung von ausländischen Quellensteuern auf Dividenden, auf die Privatanleger häufig verzichten – weil kompliziert und aufwendig.

Schweizer Aktienportfolios bestehen zu 80 Prozent aus Schweizer Aktien.

Oliver Scharping von der Bantleon Bank favorisiert noch einen anderen Vorteil. «Die Schweiz hat einen der am stärksten globalisierten Aktienmärkte.» Egal, ob Nahrungsmittel, Pharmazeutika, Finanzdienstleistungen, Industrieprodukte oder Uhren. An der Schweizer Börse kotierte Unternehmen haben eine ausserordentlich hohe Präsenz im Ausland. Die zehn grössten Unternehmen des SPI erzielen im Durchschnitt lediglich 3,6 Prozent ihres Umsatzes in der Schweiz.

Am geringsten ist der Schweiz-Anteil am Gesamtumsatz bei Roche. Der Basler Pharmakonzern erwirtschaftet satte 98,9 Prozent seiner Einnahmen im Ausland. Auch wer Nestlé-Aktien kauft, ist de facto zu 98,6 Prozent im Ausland investiert. «Wer eine Nestlé-Aktie besitzt, hat allein damit schon eine globale Exposition», so Oliver Scharping

Was allerdings manchmal in Vergessenheit gerät: Im Ausland tätige Unternehmen unterliegen Währungsrisiken, da sie ihre Umsätze in ausländischen Währungen erzielen, mit Fixkosten in Schweizer Franken. «Die Währungseffekte schlagen sich in der Performance des Portfolios nieder», warnt Migros-Bank-Chefökonom Christoph Sax in seinem Blog «Lohnt sich die Heimatliebe?». «Sie äussern sich direkt im Konzernergebnis der Unternehmen. Schwächt sich der Euro ab, so belastet dies in der Konzernkonsolidierung den in Franken rapportierten Gewinn aus der Euro-Zone. Der Aktienkurs gibt in der Folge nach.»

Anlageerträge von Währung abhängig

Doch der harte Schweizer Franken hat auch gute Seiten: Während andere Währungen in Krisenzeiten unter Druck geraten, bleibt er in schwierigen Phasen robust. Was zur Folge hat, dass viel ausländisches Kapital in Franken-basierte Anlagen fliesst. Aufgrund dieser hohen Zuflüsse hat die helvetische Währung seit Herbst 2007 stetig an Wert gewonnen.

Gegenüber dem Euro lag der Wertzuwachs des Frankens seit Januar 2008 bei rund 35 Prozent, gegenüber dem Kanadischen Dollar bei fast 39 Prozent und gegenüber dem Britischen Pfund und der Norwegischen Krone bei rund 48 respektive 51 Prozent. Und selbst die beiden anderen traditionellen Krisenwährungen, der Japanische Yen und der US-Dollar, büssten zum Franken fast 16 beziehungsweise 21 Prozent ihres Wertes ein.

Weshalb dieser Umstand bedeutsam ist? Währungsschwankungen wirken sich auf die Anlageerträge aus. Die Stärke des Frankens fliesst in die Performance der einzelnen Anlageklassen und -instrumente ein.

Dies kann die Attraktivität von Franken-Anlagen gegenüber Investitionen in der Euro-Zone steigern. «Eine Mehrrendite einer ausländischen Aktie droht durch eine schwache Währungsentwicklung ausradiert zu werden», sagt Matthias Geissbühler von Raiffeisen Schweiz. «Eine deutsche Aktie, die in Euro notiert, musste seit 2008 allein schon 35 Prozent besser performen, um den Kursverlust durch den Euro abzudecken.»

Ein Wermutstropfen bleibt indes noch zu erwähnen: Die drei grössten Positionen im Swiss Market Index (SMI), die Schwergewichte Roche, Nestlé und Novartis, machen mehr als die Hälfte in diesem Schweizer Leitindex aus. Damit sind die Sektoren Pharma und Basiskonsum deutlich übervertreten.

Das hat zwar den Vorteil, dass diese zwei Sektoren weniger konjunkturanfällig sind – deren Umsatz- und Gewinnentwicklung verläuft auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ziemlich stabil. Das hat allerdings seinen Preis, denn Stabilität kostet Wachstum. Der Technologiesektor, bei dem die Musik im Moment spielt, ist im SMI untervertreten, ebenso wie Energie und Versorger. Anleger, die diese Lücke schliessen möchten, müssen im Ausland investieren.

Es spricht einiges für Schweizer Aktien. Doch auf die Vorteile der ausländischen Diversifikation sollte man dennoch nicht verzichten.

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