Von seinem Büro am Zürcher Bleicherweg, 300 Meter vom Paradeplatz, füttert Jacques-Etienne Doerr den Riesen mit Schweizer Geld. Doerr ist Chef der Schweizer Niederlassung des zweitgrössten ETF-Anbieters Vanguard. Der Riese ist der Vanguard Total Stock Market Index Fund.

Rund 370'000 Millionen Dollar sind über verschiedene Gefässe in diesem Produkt investiert, mehr als in jedem anderen der rund 80'000 Fonds. Dabei ist Doerrs Fonds nicht besonders intelligent. Passiv bildet der seit 1992 zugelassene Indexfonds den US-Markt ab, genauer gesagt: 3809 Aktien von Apple bis Wells Fargo.

Explosionsartiges Wachstum

Der Vanguard-Fonds ist nicht der einzige Geldmagnet. Die passiven Fonds, die einen Index nachbilden, sind eine der grössten, wenn nicht die grösste Erfolgsgeschichte auf den Finanzmärkten. Wegbereiter waren die Indexfonds, heute sind vor allem die börsengehandelten, also Exchange Traded Funds, kurz ETFs, gefragt. In den vergangenen zehn Jahren ist deren Volumen regelrecht explodiert.

Waren 2005 noch 416 Milliarden Dollar in ETFs angelegt, sind es jetzt bereits mehr als 2900 Milliarden. Im Gleichschritt nahm das Produktangebot rasend zu. Die Zahl der zugelassenen ETFs schoss von 450 auf 4263 in die Höhe. Profitiert haben vor allem drei Unternehmen: Die Blackrock-Tochter iShares, Vanguard und State Street Global Advisors saugten 68 Prozent, der in ETFs ­investierten Gelder auf. Die verbleibenden 32 Prozent teilen sich 235 Anbieter auf.

Experten erwarten noch mehr von den ETFs

Das Wachstumspotenzial ist noch gross. Die in ETFs investierten 2900 Milliarden Dollar machen nur knapp 4 Prozent des Wertes aller börsenkotierten Firmen aus. «Wir stehen noch am Anfang. Bis 2020 könnte das ETF-Volumen auf sieben bis neun Billionen Dollar steigen», sagt ­Antoine Lesné, ETF-Experte bei State Street Global Advisors.

Bei Obligationen machen ETFs gerade einmal 0,4 Prozent des Volumens aus. «ETFs im festverzinslichen Bereich liegen zurück, holen jetzt aber kräftig auf», weiss Mike Trovato, leitender Produktmanager für ETFs bei Pimco. Der Anleihenriese hat in den letzten Jahren 24 ETFs auf den Markt gebracht.

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Ein sehr starker Trend

Entdeckt wurden die ETFs vor allem von professionellen Anlegern. Im Asset Management eröffnete der Einzug der ETFs neue Möglichkeiten. Mittels der transparenten Produkte können Geldverwalter gezielt in einzelne Sektoren, Industrien oder Länder investieren. «Man kann rein und raus, der Intraday-Handel zählt zu den grössten Vorteilen der ETFs», sagt Trovato. Die Vorteile werden genutzt. «Einzelpositionen durch ETFs zu ersetzen, ist ein sehr starker Trend», sagt Christian Gast, Leiter des Schweiz-Geschäftes von iShares.

Ausgestochen werden die aktiven Fonds nicht bei der Transparenz und Handelbarkeit, sondern vor allem bei den Kosten. ETFs auf die grössten Indizes stehen mit Gebühren von weniger als 0,1 Prozent zum Verkauf. Bei den aktiv verwalteten Fonds sind es oft mehr als 2 Prozent. Performance-Fresser wie Ausgabe- und Rücknahmegebühren gibt es bei ETFs nicht.

Tiefe Kosten als Vorteil

Je mehr Anbieter auf den Markt drängen, desto stärker purzeln die Preise. «Der Kostendruck in der Industrie ist enorm», sagt Van­guard-Schweiz-Chef Doerr. Der US-Anbieter hat einen grossen Vorteil: Weil er genossenschaftlich organisiert ist, sind keine Gewinne einkalkuliert. Ein europäischer ETF auf den S&P 500 Index kostet gerade einmal 0,07 Prozent. Wohl nicht zufällig ist das exakt genauso viel, wie der marktführende Rivale iShares auf sein S&P-Produkt aufschlägt. «Das Limit bei den Kosten ist langsam erreicht. Bei den ETFs auf die grössten Indizes entsteht bereits ein Verdrängungswettbewerb», sagt Raimund Müller, Leiter ETF Schweiz bei UBS Asset Management.

Während die ETFs bei den professionellen Geldanlegern bereits fest verankert sind, sind sie in den Portfolios von Privatanlegern noch vergleichsweise schwach vertreten. Das hat seine Gründe: «Wegen der geringen Gebühren haben Banken oder der provisionsorientierte Vertrieb nur wenig Freude an ETFs. Die Margen sind zu tief und die Kosten zu transparent. Die wenigsten Bankberater empfehlen ETFs aktiv in Kundengesprächen», sagt Florian Schubiger von VermögensPartner. Je mehr die ­Retrozessionen ins Abseits geraten, desto stärker dürften sich die ETFs auch bei Kleinanlegern durchsetzen.

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Volumen kann zum Risiko werden

Ganz frei von Risiken sind aber auch ETFs nicht. Allein durch ihr Volumen können sie in der sensiblen Finanzwelt einiges an Porzellan zertrümmern. So warnten der Internationale Währungsfonds, die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich und die Bank of England bereits, dass ETFs bestehende Trends an den Finanzmärkten verstärkten und die Stabilität des gesamten Systems langfristig gefährdeten. In Japan warnte BNP Paribas vor dem grossen Einfluss des weltgrössten gehebelten ETF auf den Nikkei 225.

Für die ETF-Anbieter kann es besonders in kleinen Märkten Probleme geben: «Bei illiquiden Anlageklassen kann die Diskrepanz zwischen der Verpackung und dem Basiswert zu Problemen führen», sagt Vanguard-Experte Doerr. So wird etwa der ETF verkauft, während der ­Anbieter die Basiswerte nicht loswird.

Die Zahl der ETFs, die in wenig liquide Märkte investieren, steigt. Im Wettlauf um Marktanteile werden die Produkte immer kreativer. Bei 4200 zugelassenen ETFs gibt es kaum noch Bereiche, in die mit diesen Fonds nicht investiert werden kann. Mit ETFs auf Firmen aus Nashville oder auf Casinobetreiber gehen die Anbieter schon sehr ins Detail.

Mit Smart Beta die Rendite steigern

Zunehmend gibt man sich mit den Renditen der gängigen Indizes nicht mehr zufrieden. Ein grosser Trend im ETF-Business lautet Smart Beta. Damit die anderen ETFs nicht dumm dastehen, versuchen Anbieter, den Begriff Alternative Beta durchzusetzen.

In den USA sind bereits 300 Milliarden Dollar in derartige ETF-Strategien investiert. Die Anbieter werben damit, dass eine smartere, also intelligentere ­Gewichtung eines Index eine höhere Rendite bringt. Üblicherweise bestimmt die Marktkapitalisierung über die Zusammensetzung eines Index. Doch Smart-Beta-Verfechter halten so eine Gewichtung für «suboptimal». Denn sie führt dazu, dass ETFs verstärkt in Aktien i­nvestieren, die bereits gut gelaufen und oft teuer sind.

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Alternative Gewichtungen

Smart-Beta-Strategien versuchen, herkömmliche Indizes neu zu interpretieren. Dabei werden gemeinsam mit den ­Indexprovidern Kursbarometer kreiert, in denen Aktien mit besonders hohen ­Dividenden, geringer Schwankung, starker Kursentwicklung oder niedrigen Bewertungen versammelt sind. Oft liegt der Fokus auch auf Small und Mid Caps, die wenig schwanken, überdurchschnittlich stark wachsen, deren Kurs sich zuletzt besonders gut entwickelte, die niedrig bewertet sind oder hohe ­Dividenden ausschütten.

Üblich ist auch, alle Titel gleich zu gewichten. Bei den kursrelevanten Faktoren kann die ETF-Industrie aus dem Vollen schöpfen. Laut dem UBS-Experten Raimund Müller haben Akademiker in den letzten 60 Jahren über 330 Faktoren entdeckt.

Die UBS verwaltet 230 Milliarden Franken passiv, davon 17 Milliarden in derartigen Alternative-Beta-Strategien. Zuletzt hat sie das Sortiment an Faktor-ETFs um acht neue Produkte ausgeweitet. Experte Müller: «Alternative Beta ist ein Trend, der die Lücke zwischen aktiven und passiven ­Investments schliesst.» Laut iShares-Experte Christian Gast schätzen vor allem Fondsmanager diese Ansätze, weil sie spezifische Renditetreiber gezielt isolieren können.

Für Privatanleger wird es schwierig

Doch das gilt nicht für alle Geldverwalter: «Alternative Beta oder Smart Beta – Otto Normalverbraucher versteht nur Bahnhof», sagt Alexander Hinder, anerkannte Schweizer ETF-Koryphäe und Anlagekommissions-Präsident von Publica, der grössten Pensionskasse der Schweiz. Ausserdem seien die Erfolgsaussichten der Smart-Beta-Strategien gemischt, «und die höheren Gebühren fressen einen Teil der Performance weg». Einfacher und billiger komme man mit einem ETF auf einen Kleinwerteindex, wie etwa den iShares SMIM, ans Ziel.

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Zudem ist Timing gefragt. «Wer diese Produkte einsetzen will, braucht eine Meinung zum Markt. Die Faktor-ETFs sind nicht immer besser. Es stellt sich für den Investor die Frage, welcher Faktor gerade gut läuft. Zielgruppe sind Profi-Investoren oder Anleger, die viel Zeit haben», sagt Raimund Müller von der UBS. Manche Faktoren rechnen sich oft erst nach fünf oder zehn Jahren. Oft geben genervte Anleger gerade dann auf, wenn der Trend zu drehen beginnt.

Kritik an den neuen Produkten vom Experten

Jacques-Etienne Doerr von Vanguard mag einfache Produkte und outet sich als Smart-Beta-Kritiker: «Diese Produkte sind weder smart, noch haben sie mit Beta zu tun. Es hat sich vielmehr eine gigantische Marketingmaschine in Gang gesetzt. Solche Produkte können sich rechnen oder nicht.»

Er verweist auf die zahlreichen Marktstudien seines Unternehmens. Demnach gebe es keinerlei Evidenz, dass Indexschwergewichte überbewertet seien. Der Kurs reflektiere zu jedem Zeitpunkt die aggregierte Meinung der Marktteilnehmer, die auf allen Faktoren beruht. «Wenn die nach Marktkapitalisierung gewichteten Indizes so schlecht konstruiert wären, frage ich mich, warum die Mehrheit der aktiven Fondsmanager ihren Index nicht schlagen», sagt Doerr.

Als besonders kritisch ist die Vermischung von verschiedenen Faktoren zu sehen. Mit der Zeit verändere sich deren Gewichtung. «Wie das Exposure dann aussieht, ist für den Investor nicht mehr nachvollziehbar», sagt Doerr. Die Transparenz als wesentlicher Vorteil eines ETF geht dann verloren.

Intransparente aktive ETFs

Noch intransparenter wird die ETF-­Industrie bei sogenannten aktiven ETFs. Hier versuchen Fondsmanager aktiv, mit einem konzentrierten Portfolio die Benchmark zu übertreffen. Bei ihren ­Geschäften lassen sie sich ungern in die Karten schauen. Unterschiede zum aktiven Fonds bestehen nur noch in der ETF-Hülle, die den Handel über die Börse möglich macht.

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Noch ist der Bereich klein. 21 Milliarden Dollar sind in 131 aktiven ETFs investiert. Doch die Nachfrage ist offenbar da. Mit Zuflüssen von 813 Millionen Dollar ist 2015 bisher das beste Jahr für die aktiven ETFs. Langfristig wird es für die Aktiven schwierig, die Benchmark nach Abzug der Gebühren zu schlagen. Ein Problem, das die aktiven Investmentfonds schon viele Marktanteile kostete und den Siegeszug der ETFs erst möglich machte.