Herr Schmieding, Sie müssen als Finanzökonom in die ­Zukunft schauen. Kann man sich als Anleger derzeit an die Börsen wagen?
Ich mache keine kurzfristigen Finanzpro­gnosen, sondern versuche die allgemeine Richtung zu erkennen. Manchmal richtig, manchmal falsch. Vonseiten der Konjunktur stehen die Ampeln für Anleger auf Grün. Ich erkenne in der westlichen Welt keinen wirtschaftlichen Grund für die Rezession. Zehn Jahre nach «Lehman» gibt es keine Übertreibungen, die eine Bereinigung erfordern würden.

Aber muss der Aufschwung nach so vielen Jahren nicht einmal zu Ende gehen?
Rezessionen kommen ja nicht, weil nach acht oder zehn Jahren wieder mal eine fällig wäre. Entweder gibt es einen dramatischen politischen Schock, oder Rezessionen entstehen aus einem Bereinigungsbedarf nach einer Euphorie. Ich sehe in der westlichen Welt weit und breit kein solches Hoch­gefühl. Wir hatten seit Lehman ein relativ gedämpftes Wachstum. Keiner hat sich so richtig getraut, die niedrigen Kreditzinsen auszunützen. Den grossen Kreditboom gab es nicht.

Was ist mit US-Unternehmensanleihen?
Das ist der einzige Markt in der westlichen Welt, in dem es eine «halbe» Übertreibung gibt. Aber bei Niedrig­zinsen bleibt es unwahrscheinlich, dass dieser Markt die Konjunktur allein zum Kippen bringt.

Wo drohen noch Risiken?
Das grösste Risiko ist wohl die Inflation. Lohndruck könnte zur Inflation werden. Dies könnte die Notenbanken dazu zwingen, den Aufschwung mit höheren Zinsen abzuwürgen. Aber trotz relativ enger ­Arbeitsmärkte gibt es noch keinen übermässigen Lohndruck. 2019 hat sich die US-Lohn­inflation sogar etwas ­abgeschwächt. So haben wir noch mehr Zeit gewonnen.

Was ist mit China?
China ist der einzige Markt aus­serhalb der westlichen Welt, der gross genug ist, ­gefährlich zu werden. China schiebt ­grosse Probleme wie die ­erhebliche interne Verschuldung vor sich her. Das Problem muss aber noch nicht in den kommenden Jahren ­gelöst werden.

Aber wann geht der Zyklus denn zu Ende?
Aus heutiger Sicht könnte der Zyklus 2022 oder 2023 einen natürlichen Tod sterben, weil bis dahin Übertreibungen entstanden sein könnten, die dann korrigiert werden müssten. 

Holger Schmieding ist Chefvolkswirt bei Berenberg. Er wurde zwei Mal zum besten Finanzökonomen gewählt.