BILANZ: Mr. Winters, in den Fondsprospekten beschreiben Sie Ihren Investmentstil als «wertorientiert». Was heisst das?

David J. Winters: Wir treffen die Auswahl von Aktien nach der so genannten Deep-Value-Strategie …

… was ja wohl nur ein vornehmerer Ausdruck für «bottom fishing» ist, also den schlichten Versuch, verprügelte Aktien vom Boden aufzufischen.

Ich kann an der systematischen Identifizierung von Wertpapieren, die 40 bis 50 Prozent unter ihrem Substanzwert gehandelt werden, nichts Profanes finden.

So war das auch nicht gemeint. Es ist nur so, dass dieser Ansatz nicht gerade revolutionär ist.

Ich will nicht die Finanzmärkte umstürzen, sondern das Geld meiner Anleger umsichtig und verantwortungsvoll verwalten und mehren.

In einem unterscheiden Sie sich doch von Ihren Kollegen. Sie scheuen nicht vor Anlagen in Firmen zurück, die vom Konkurs bedroht sind …

… oder bereits unter dem Schutz von Chapter 11 operieren, während sie ihre Geschäfte unter dem temporären Schutz vor den Gläubigern weiterführen, sich reorganisieren und sanieren können.

Ein riskantes Spiel?

Nicht wenn man es professionell betreibt. Wenn man die Unternehmenswerte und die Verbindlichkeiten genau analysiert, können solche Situationen ein geradezu konservatives Investment darstellen, auch wenn das für Aussenstehende nicht so erscheinen mag.

Daneben suchen Sie nach Unternehmen, die sich in Fusionen, Übernahmen oder Reorganisationen befinden, und mischen sich häufig aktiv in deren Management ein.

Richtig. Wir arbeiten mit der Führung zusammen, um Massnahmen umzusetzen, die notwendig sind, um den Unternehmenswert wieder zu steigern. Wir schreiben Briefe und geben Empfehlungen. Wenn nötig, gehen wir mit unseren Ratschlägen auch an die Öffentlichkeit.

Reagieren Manager in Europa pikierter als in Amerika, wenn ein Fondsmanager plötzlich mit einem Wunschzettel auf der Türschwelle steht?

Ja, europäische Firmenchefs sind dies noch nicht so gewohnt. In Grossbritannien ist das noch einfacher, überall sonst stossen wir oft auf Widerstand. Aber wenn man die Führung von der Richtigkeit der eigenen Argumente überzeugt, kommt das irgendwann an.

Der Mutual Beacon Fund rangiert in der Kategorie «Aktien Welt» mit einer Rendite von 4,08 Prozent über drei Jahre auf Rang zwei. Ist Ihre Strategie besonders für Bärenmärkte geeignet?

Unser Ansatz hat sich sowohl in Bullen-, Bären- als auch in seitwärts bewegenden Märkten bewährt. In Zeiten extremer Haussen schneiden wir aber unterdurchschnittlich ab. Wir haben nicht diese «sexy» Aktien im Portfolio. Viele Fondsmanager sind mit ihren glamourösen Aktien aber baden gegangen. Wir dagegen verwalten das Geld jener Leute, die sowohl gut essen als auch gut schlafen wollen.

Wie haben Sie während des hysterischen Bullenmarkts dem Druck widerstanden, aggressiver zur Sache zu gehen?

Wir sind, wer wir sind, und verkaufen uns nicht als etwas anderes. Sicher, auf dem Höhepunkt der Spekulationsblase habe ich viele Briefe erhalten, in denen mich Anleger empört fragten, wieso ich nicht in Cisco Systems investiert sei. Ich habe freundlich zurückgeschrieben, dass Cisco für uns nach eingehender Analyse als Investment schlicht nicht attraktiv sei.

Und heute?

Heute schreiben uns Leute, die sich dafür bedanken, dass wir uns in dieser schlimmen Baisse als verantwortungsvolle Lotsen ihres Anlagevermögens erwiesen haben. Das freut einen natürlich. Cisco kaufe ich im Übrigen immer noch nicht …

Woher kommt die stoische Disziplin, auch in überhitzten Phasen kein Jota von der eigenen Anlagephilosophie abzuweichen?

Sehen Sie, wir machen das Ganze ja nicht erst seit vorgestern. Natürlich hilft die lange Tradition des Hauses. Man darf sich in emotionalen Zeiten nicht von Impulsen leiten lassen. Letztlich ist das wohl eine intellektuelle Konzentrationsübung.

Spüren Sie eine gewisse Genugtuung?

Vielleicht. Für mich ist aber heute viel wichtiger, dass wir dank unserer grossen Cash-Position Aktien fundamental solider Unternehmen mit gesunden Finanzen erwerben können.

Da haben Sie derzeit ja freie Auswahl.

Ja, wir beobachten vermehrt, dass sich Investoren aus akuter Geldnot gezwungen sehen, Anlagen mit hohem Abschlag auf ihren inneren Wert zu verkaufen. Historisch betrachtet stellen solche Anlagen ausgezeichnete Investitionsobjekte dar.

Womit flirten Sie derzeit besonders intensiv?

Am stärksten präsentieren sich Konsum-, Finanz- und Versorgungswerte. Im Gegensatz dazu bleiben wir bei der Untergewichtung in den Bereichen Telekom-Dienstleistungen, Energie und IT.

Verraten Sie uns einige Ihrer Favoriten!

Zum Beispiel Nestlé, meiner Meinung nach eines der besten Unternehmen der Welt. Zugegebenermassen kein origineller Tipp. Aber Nestlé ist heute wegen der allgemein schlechten Stimmung am Schweizer Markt zu einem wirklichen Discountpreis zu haben. Leistungsträger des Mutual Beacon Fund war das französisch-spanische Tabakunternehmen Altadis. Für uns ist es neben British American Tobacco, die wir ebenfalls im Portfolio halten, die günstigste Wette auf den Sektor.

Uns ist Ihr Engagement in Berkshire Hathaway aufgefallen.

Berkshire ist trotz aller Medienpräsenz von Warren Buffett immer noch ein missverstandenes Unternehmen. Was Berkshire interessant macht, ist die Zusammensetzung von Firmen aus verschiedenen Branchen, die allesamt solide Profite abwerfen.

Waren Sie überrascht, als der notorisch technophobe Buffett in die IT-Firma Level 3 Communications investiert hat?

Nicht wirklich. Zum einen war das Investment relativ klein, zum anderen ist er dort über Bonds eingestiegen. Buffett wird immer da hellhörig, wo er unter Druck geratene Werte vermutet. Im Prinzip ist das der gleiche Ansatz, den wir verfolgen.

Jetzt also Technologie?

Technologieaktien sind nicht als solche schlecht. Sie waren nur in den letzten Jahren heillos überbewertet und insofern für uns als Anlage uninteressant. Schauen wir uns einige Technologieunternehmen derzeit genauer an? Aber sicher! Zuletzt etwa haben wir Anleihen in Qwest und US West gekauft. Darüber hinaus sind wir am Medienkonzern Liberty Media interessiert.

Wo haben Sie sonst noch aufgestockt?

Etwa bei Impala Platinum, einer Platinmine. Überhaupt bei Unternehmen, die kräftige Cashflows generieren wie der holländische Verlag De Telegraaf Holding und das norwegische Markenartikel- und Chemieunternehmen Orkla. Ausgebaut haben wir auch unser Investment in Carlsberg, die wir übrigens zu einem Aktienrückkauf ermuntert haben.

Alles in allem also doch ein «bottom fishing»?

Wenn Sie so wollen, ja. Das Engagement in Konkurse, Fusionen und Übernahmen haben wir zuletzt von 4,9 auf 6,4 Prozent erhöht. Unter dem Strich waren wir auf der Käuferseite zu finden.

Trotz diesen Investitionen beträgt der Barbestand des Fonds 29 Prozent.

Weil der Fonds allein im August Mittelzuflüsse in Höhe von mehr als drei Prozent des Fondsvolumens verzeichnete.

Sie sitzen gleichsam auf einem Sack voll Geld.

Ja, und dies beruht vorwiegend darauf, dass, abgesehen von den erwähnten Engagements, kaum wirklich attraktive Anlageideen auftauchten. Unser Ansatz, nämlich in unterbewertete herkömmliche Aktien zu investieren, lässt es nicht zu, unsere Kaufdisziplin zu ändern, nur damit wir mehr Wertpapiere im Bestand haben.

Ihre Cash-Position ist im Industrievergleich ungewöhnlich hoch, um nicht zu sagen: mutig.

Wenn wir das Gefühl haben, der Aktienmarkt sei unterbewertet, werden wir das Kapital wieder arbeiten lassen. Abgesehen davon: Was schert uns der Vergleich mit anderen?

Sie müssen sich doch gewisse Referenzgrössen geben.

Klar, aber der ständige Vergleich verleitet die Fondsmanager dazu, immer Vollgas zu geben. Wir dagegen wollen unsere Anleger möglichst aus Verkehrsunfällen heraushalten. Wenn wir sozusagen als Nebeneffekt den Index in diesem Jahr um Längen schlagen, soll uns das recht sein.

Aber Geld verdient haben Sie 2002 auch nicht. in den vergangenen zwölf Monaten verlor Ihr Fonds 9,64 Prozent auf Dollarbasis.

Ja, aber der S&P 500 büsste 20,21 Prozent ein. Um Geld zu verdienen, hätte ich entweder alles verkaufen oder «shorten» müssen. Beides gehört nun mal nicht zu unserem Geschäft. Tatsache ist: In den vergangenen drei Jahren haben wir in einem katastrophalen Umfeld positive Erträge erwirtschaftet, während andere bis zu 80 Prozent verloren.

Rechnen Sie mit einer heilsamen Selbstreinigung der Branche?

Ja, die besseren Fonds werden aus diesen harten Zeiten gestärkt hervorgehen und den Grossteil der Anlagegelder auf sich ziehen. Viele jener Fonds, die immer nur den heissesten Aktien hinterhergejagt sind, werden eingehen. Da wird es bittere Schnitte geben.

Die Konsolidierung hat ja schon längst begonnen.

Zunächst der Boom, dann die kreative Zerstörung – klassisch Schumpeter, wenn Sie so wollen. Mich erinnert das irgendwie an die Saufgelage meiner Studentenzeit: Um Mitternacht waren alle ziemlich betrunken, um ein Uhr früh sternhagelvoll, um zwei Uhr tanzten viele auf den Tischen. Und am nächsten Morgen fühlten sich die meisten total verkatert – ausser jenen, die sich um halb eins entschlossen, nach Hause zu gehen ...

... zu denen Sie natürlich gehörten!

(Lacht) Leider nicht immer! Aber bei der Verwaltung unserer Fonds versuche ich in der Tat immer nüchtern zu bleiben.

Wen machen Sie für die Übertreibungen verantwortlich?

Im Nachhinein kann man natürlich immer nach Schuldigen suchen. Da hat sich alles gegenseitig hochgeschaukelt. Die psychologischen Effekte waren in Europa nicht anders als in Amerika. Die Kleinanleger träumten vom schnellen Geld, ihre Nachbarn auch – und die Industrie lieferte munter die passenden Produkte. Leute wie ich wurden als Dinosaurier beschimpft, weil wir uns nicht an den Exzessen beteiligt haben.

Tat das weh?

Klar, nur Vulkanier vom Raumschiff «Enterprise» haben keine Emotionen. Aber Gefühle an der Börse schaffen nun mal vor allem Gier und Angst, je nach Marktlage. Wir versuchen, uns nicht davon übermannen zu lassen. Benjamin Graham hat ja in seinem Buch «The Intelligent Investor» die ewig gültige Botschaft formuliert: Entscheide dich an der Börse für die richtigen Grundprinzipien, und verfüge dann über genügend Charakterstärke, um ihnen treu zu bleiben!

Half es, dass Sie schon 1987 im Geschäft waren und so etwas, wenn auch in anderer Form, schon einmal mitgemacht haben?

Das war sicher hilfreich. Aber um ehrlich zu sein: Nichts in meiner Karriere hat mich auf das vorbereitet, was wir in den letzten zweieinhalb Jahren erlebt haben. Habe ich damit gerechnet, dass der Nasdaq von 5000 auf 1000 Punkte abstürzt? Nie und nimmer!


Sind wir derzeit noch zu optimistisch? Die US-Verbraucher geben sich dank steigenden Immobilienpreisen immer noch vergleichsweise lässig.

Das sehe ich anders. Jeder, der irgendwie mit der Börse zu tun hat, ist doch heute total entnervt, absolut angeekelt vom Aktienmarkt. Ich weiss allerdings nicht, ob das für die Bodenbildung ausreicht. Ich weiss auch nicht, ob der Immobilienmarkt erst zusammenkrachen muss, ehe es wieder aufwärts geht. Ich weiss nur eines: Wenn wir heute unterbewertete Aktien solider Unternehmen kaufen, brauchen wir uns um die Zukunft nicht zu sorgen.

Wie schwierig ist es, mehrere Fonds gleichzeitig zu verantworten?

Das ist kein Problem. Die Philosophie der Fonds ist ja im Grunde ähnlich. Ich gehe nicht am Montag ins Büro und sage «Heute bin ich der Mutual-Beacon-Fund-Mann» und am Dienstag dann der Mutual-Shares-Funds-Verwalter. Fünf Minuen vor unserem Gespräch etwa habe ich einen Kaufauftrag für einen US-Wert platziert, der in alle Fonds einfliesst – ausser natürlich in den European Fund, der nur zwei Prozent US-Aktien enthält. l
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