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Generali
Wieder offensiver

Philipp Donnet

Generali-CEO Philipp Donnet sieht die welt­weit 150 000 Mitarbeitenden im Vertrieb als klaren Wettbewerbsvorteil.

Quelle: Pietro Baroni

Generali hat sich äusserst ehrgeizige Ziele gesetzt. Europas drittgrösster Versicherer sieht Wachstumspotenzial vor allem in Osteuropa – und einen Trend zur Allfinanz.

Von Thesy Kness-Bastaroli
am 29.01.2019

Die Messlatte ist hoch gelegt – sehr hoch: Assicurazioni Generali will in den nächsten drei Jahren das Asset Management ausbauen, den Gewinn pro Aktie um jährlich 6 bis 8 Prozent erhöhen und die Dividendenausschüttung auf 65 Prozent aufstocken. Dies sieht der im November 2018 vorgestellte Dreijahresplan vor, der u.a. auch Kosteneinsparungen bis zu 200 Millionen Euro, eine Strukturbereinigung und höhere Produktivität beinhaltet.

Nach Veräusserungen von nicht strategischen Beteiligungen in den vergangenen zwei Jahren befinden sich die Triester nun offensichtlich wiederum auf Wachstumskurs. Primär soll das internationale Wachstum im CEE-Raum (mittel- und osteuropäische Länder) und in Westeuropa (Frankreich, Deutschland) angekurbelt, dabei der Inlandsmarkt aber nicht vernachlässigt werden. Dies sagt Generali-Chef Philipp Donnet. Er sehe vor allem in Osteuropa hohes Wachstumspotenzial. Über eine mögliche politische Instabilität in Italien zeigte sich der CEO bei einer Analystenkonferenz kaum besorgt. «Generali ist in 50 verschiedenen Ländern operativ, da gibt es grössere Krisenherde als in Italien.»

In Wachstum investieren

Nun gehen die Triester in die Offensive. Philippe Donnet, seit März 2016 Nachfolger von Mario Greco als Generali-CEO, setzt bei seinem Ende November präsentierten neuen Dreijahresplan auf mehr Gewinn und auf höhere Dividenden. So sollen etwa fünf Milliarden Euro der bis 2021 er­warteten Kapitalgenerierung von 10,5 Milliarden in Form von höheren Dividenden an die Aktionäre gezahlt werden. Die Ausschüttungsquote soll auf 55 bis 65 Prozent erhöht werden, wobei die Gewinne und Verluste aus M&A heraus gerechnet werden. Für 2017 hatte Generali die Dividende bereits um 5 Cents auf 0,85 Euro angehoben.

3 bis 4 Milliarden sollen auch in organisches, gegebenenfalls auch in externes Wachstum investiert werden. Zukäufe im Ausland schliesst Donnet, «falls es sich um Gelegenheiten handelt», nicht aus. Während Generali noch vor gut einem Jahr als Übernahmeobjekt galt, will der Versicherer nun selbst wachsen und Akquisitionen tätigen. Generali hat bereits zu Jahresbeginn 2019 den angekündigten Wachstumskurs bestätigt und die Beteiligung bei der indischen Future Group von 25,5 auf 49 Prozent nahezu verdoppelt. Die Beteiligungsaufstockung kostet Generali 120 Millionen Euro. In zahlreichen Märkten, so in Frankreich, Deutschland, aber auch in Italien, seien viele Menschen noch «unterversichert». So geben etwa die Italiener nur 1,9 Prozent der Wirtschaftsleistung für die Schadensversicherung aus. Dies ist weit weniger als der europäische Schnitt von 3 Prozent.

In Zukunft soll die Bedeutung des italienischen Marktes für Generali im Vergleich zum Ausland sinken. Das Stiefelland bestreitet derzeit 40 Prozent des operativen Gewinns 2017 von insgesamt 4,9 Milliarden Euro und rund einen Drittel aller Prä­mien­einnahmen von 68,5 Milliarden Euro. Der Investitionsplan sieht auch eine Milliarde Euro für die Digitalisierung vor. Diese soll keineswegs auf Kosten des physischen Vertriebs gehen. Denn Donnet sieht die weltweit 150 000 Vertriebler als klaren Wettbewerbsvorteil. Der Generali-Chef will ebenso wie seine Konkurrenten von Allianz, Zurich und Axa die Kosten senken. Allein durch den vorgesehenen Schuldenabbau bis zu 2 Milliarden sollen die Kosten in den kommenden drei Jahren um 70 bis 140 Mil­lio­nen Euro reduziert werden.

Ökosystem mit hohem Mehrwert

In Italien selbst will Marco Sesana, Country Manager Italia und CEO von Generali Italia, ein Ökosystem von innovativen Dienstleistungen mit hohem Mehrwert aufbauen, um den in permanenter Evolution befindlichen Kundenansprüchen gerecht werden zu können. «Die Mobilität der Zukunft» (Mobilita del Futuro) werde sich auf den gesamten Kundenservice auswirken, so Sesana. «Unsere jüngste Vereinbarung mit dem Autokonzern Fiat Chrysler FCA bedeutet die Bildung eines italienischen Ökosystems, das den Kunden zugute kommt.» Ziel sei es, mit dem vernetzten Auto bis 2020 zwei Millionen Kunden zu erreichen. Das ist anspruchsvoll, denn der Wettbewerb hat sich in den vergangenen Jahren auch im italienischen MF-Versicherungsmarkt verschärft.

Die Generali-Tochter Genertel hat neue MF-Policen eingeführt, welche die reale Nutzung des Fahrzeugs, das «Real Time Coaching», die Nutzung einer Blackbox mit dem Stichwort «Im Auto mit Stil» und den Fahrstil des Lenkers berücksichtigen. Des Weiteren bietet Generali neue Versicherungspolicen fürs Leasing an. Bei Motorfahrzeug-Diebstahlversicherungen ergänzen neue, auf der GPS-Technologie basierende Dienstleistungen das Angebot. Auch hat Generali kürzlich in Italien einen «Sofort-Strassen-Notdienst» eingeführt. Im Herbst 2018 wurde der Hightech-Dienstleister Generali Jeniot gegründet, mit innovativen Sicherheitsdiensten in den Segmenten Motorfahrzeug, Haus und Gesundheit.

Bankassurance wird attraktiv

Die grösste italienische Bankgruppe Intesa Sanpaolo hat in dem 2018 präsentierten Dreijahres-Geschäftsplan den Fokus auf das Versicherungsgeschäft gesetzt. Intesa Sanpaolo ist bereits in der Lebenssparte marktführend und will nun auch in der Schaden- und Unfallsparte bis 2021 vom derzeit zehnten auf den vierten Platz in Italien vorrücken. Laut dem italienischen Verband der Versicherer ANIA hat Intesa Sanpaolo bereits 2017 mit einem Prämienaufkommen von insgesamt 22,79 Milliarden Euro Generali knapp auf Rang 2 versetzt. Dritter ist Poste Italiane mit 20,4 Milliarden. Zählt man die im Ausland verkauften Prämien hinzu, bleibt Generali doch in Führungsposition. In der Schadensparte rangiert Generali an erster Stelle, gefolgt von Unipol und Allianz.

Die Intesa-Sanpaolo-Gruppe zählt neuerdings den Versicherungssektor gemeinsam mit dem Bankgeschäft und der Vermögensverwaltung zu ihren wichtigsten drei Standbeinen. Seit wenigen Monaten werden die Filialen der Mailänder Grossbank mit dem Aushängeschild «Bank und Versicherung» bezeichnet. Auch dadurch hat das Bank-Versicherungsgeschäft in Italien neuerdings an Terrain gewonnen. Derzeit trägt der Versicherungsbereich mit 12 Prozent zum Vorsteuergewinn von Banca Intesa Sanpaolo bei. Die Bank investiert aktuell 300 Millionen Euro, um einen Teil ihrer Beschäftigten auf das Versicherungsgeschäft umzuschulen. Im Schadensektor hat sich der Umsatz bereits von 200 Millionen Euro im Jahr 2014 auf geschätzt 500 Millionen 2018 mehr als verdoppelt.

Der gesamte Versicherungsumsatz der Mailänder Grossbank ist in den vergangenen vier Jahren um 5 Prozent pro Jahr gestiegen. Gleichzeitig hat sich der Gewinn im Assekuranzsektor der Bank um jährlich 6 Prozent erhöht. Das Schwergewicht der Intesa-Sanpaolo-Versicherugsstrategie wird derzeit auf den Nicht-MF-Sektor in der Schadenssparte gelegt. Der Anteil der in diesem Bereich versicherten Bankkunden (insgesamt 12 Millionen) hat sich von 5 Prozent im Jahr 2017 auf erwartet 9 Prozent zum Jahresende 2018 erhöht und soll bis 2021 rund 18 Prozent erreichen. Der für den Assekuranzsektor zuständige Chef Nicola Maria Fioravanti sieht vor allem bei Kleinunternehmen im Agrar- und Handelssektor, aber auch im Tourismus ein überdurchschnittliches Wachstumspotenzial.

Das «Versicherungsexperiment» von Intesa Sanpaolo wird von der Mailänder Finanzwelt aufmerksam beobachtet. «Sollte die Bank mit dem Ausbau ihres Assekuranzgeschäfts Erfolg haben, werden wir ebenfalls mit Bankassurance nachziehen», meinte etwa Alberto Nagel, Chef der grössten italienischen Investmentbank Mediobanca, vor Auslandsjour­nalisten in Mailand. Da Mediobanca mit 13 Prozent Anteilen grösster Einzelaktionär bei Generali ist, ist eine künftige Partnerschaft Generali-Mediobanca (mit ihrer Retailbank Che Banca) nicht auszuschliessen.

Allfinanz auch in Osteuropa

Kooperationen scheinen bei Generali eine zunehmende Bedeutung zu haben. So ist Generali zur Jahresmitte 2018 mit Unicredit eine Partnerschaft für Osteuropa eingegangen. Damit erhöht der Triester Versicherer seine Schlagzahl in der CEE-Region. Das Kooperationsabkommen umfasst den Vertrieb von Generali-Risikoversicherungen zur Kreditabsicherung (Credit Protection Insurance) und erstreckt sich auf Tschechien, Kroatien, Ungarn, Rumänien, Serbien, Slowenien, die Slowakei sowie auf Bosnien-Herzegowina.

Davon verspricht sich Generali in der «strategisch wichtigen Region» ein schnelleres Wachstum, sowohl beim Volumen wie auch bei der Profitabilität. Zudem wird Generali in diesen Ländern «bevorzugter Partner» der Unicredit bei Leasingversicherungsprodukten. Bosnien-Herzegowina war bisher ein weisser Fleck für Generali. Ein Markteintritt mit eigener Gesellschaft sei dort derzeit aber nicht geplant. Hingegen wurden jüngst in Slowenien Akquisitionen getätigt, wo Generali den drittgrössten slowenischen Versicherer Adriatic Slovenica erwarb. Der Kaufpreis lag bei 245 Millionen Euro. Durch die Akquisition avanciert Generali vom derzeit fünften auf den dritten Rang in Slowenien. Und in Polen hat man sich inzwischen auf eine Übernahme der Concordia-Gesellschaften geeinigt. Der Wert des Deals werde laut Vereinbarung mit deren deutschen Eigentümern nicht genannt. Der Kauf der Concordia-Gesellschaften sei «willkommen», weil man damit insbesondere die Präsenz in West-Polen stärken werde, sagt Luciano Cirina, CEO Generali CEE. Anders als bei der Akquisition in Slowenien wird der Zukauf in Polen die Marktposition von Generali (derzeit Nummer neun) nicht wesentlich verändern.

Aber auch die Allianz-Gruppe hat mit ihrem zur Jahresmitte getroffenen Abkommen mit Unicredit das Allfinanz- und Bankversicherungsgeschäft belebt. Denn der Münchner Versicherer wird seine Lebens-, Sach- und Unfallversicherungen in Mittel- und Osteuropa künftig auch im Filialnetz der Unicredit vertreiben. Die Zusammenarbeit hatte in der zweiten Hälfte 2018 begonnen. Sie umfasst sieben Länder: Bulgarien, Kroatien, Tschechien, Ungarn, Rumänien, Slowenien und die Slowakei. Die Region sei ein bedeutender Wachstumsmarkt für die Versicherungswirtschaft, teilte die Allianz mit. Die Penetrationsraten lägen deutlich unter den Werten in Westeuropa.

Wer mit wem

Italienische Banken und Versicherer entdecken das Allfinanz-Konzept wieder für sich. Nicht nur Intesa Sanpaolo will das Versicherungsgeschäft ausbauen. Unicredit, Allianz und Banco popolare di Milano (Cattolica Assicurazioni) arbeiten neuerdings eng mit Versicherern zusammen. Die Versicherung Unipol schliesslich hat angekündigt, dass sie ihre Beteiligung an der Volksbank Banca Popolare dell’Emilia Romagna (Bper) deutlich aufstocken will.

In Zeiten magerer Renditen aus dem traditionellen Geschäft mit Privatkunden oder Unternehmen, aber auch angesichts noch immer hoher Bestände an Non-Performing Loans und italienischen Staatsanleihen in den Bilanzen ist diese Strategie vernünftig. Denn die Verbreiterung der Bankassurance ist vergleichsweise risikoarm, verstärkt die Kundenbindung und erlaubt es, das im internationalen Vergleich hohe Privatvermögen der Italiener anzuzapfen. Auch die Poste Italiane spricht mit Generali. Der Postkonzern, der bereits zu den grössten Lebensversicherern des Landes zählt, plant, im Schadensgeschäft einzusteigen und ist auf Partnersuche. Zur Auswahl stehen angeblich Generali und Unipol.

Assetmanagement als Standbein

Doch Generali will in Zukunft weder auf das Versicherungsgeschäft noch auf Bankassurance allein setzen. Ein weiteres Standbein heisst Assetmanagement. Durch die Entwicklung einer globalen Plattform soll das Wealth Management ausgebaut werden. Derzeit hat Generali 463 Milliarden Euro unter Verwaltung. Weitere 56 Milliarden werden von der börsennotierten, doch mehrheitlich vom Triester Versicherer kontrollierten Banca Generali verwaltet. Das Assetmanagement wurde in den vergangenen Monaten durch zwei Übernahmen, ein Start-up und neue Partnerschaften ausgebaut.

Der jüngst präsentierte Geschäftsplan kommt bei den Investoren gut an. Grossaktio­näre wie der Bauunternehmer Caltagirone (4,7 Prozent Anteile an Generali), der Luxottica-Grossaktionär Leonardo de Vecchio (3,74 Prozent) sowie die Unternehmerfamilie Benetton (3,04 Prozent) haben in den vergangenen Wochen ihre Beteiligung bei Generali aufgestockt und wollen diese nach eigenen Angaben weiterhin erhöhen. Und auch Mediobanca-Chef Alberto Nagel bestätigte, mit dem beabsichtigten Beteiligungsabbau bei Generali vorerst noch abwarten zu wollen. Mit einem Anteil von 13,04 Prozent ist Italiens grösste Investmentbank, Mediobanca, der grösste Einzelaktionär des Triester Versicherers. Im Jahresverlauf 2018 gaben die Generali-Aktienkurse 5 Prozent nach. Gleichzeitig hat der allgemeine FTSE-MIB Index (Blue Chips) 18 Prozent und der Branchenindex der Finanzwerte, FTSE Italia Finanze, 26 Prozent verloren.

Generalis Hypothek

Zu den Schwachpunkten Generalis zählt zweifellos der hohe Bestand von Staatsanleihen im Portefeuille des Versicherers. Rund 65 Milliarden Euro Staatsbonds belasten die Bilanz. Die in der zweiten Jahreshälfte 2018 beschleunigte Zunahme der Zinsdifferenz zwischen italienischen und deutschen Staatsanleihen hat Alarm in der Assekuranz ausgelöst. Denn Italiens Versicherungsgesellschaften halten insgesamt über 300 Milliarden Euro Staatsanleihen (knapp 15 Prozent aller Staatstitel). Das ist knapp ein Fünftel aller Titel. Manch ein Versicherer, etwa Cattolica Assicurazioni, hat bereits mit dem Abbau der Staatspapiere gestartet. Doch Generali-Chef Philippe Donnet gibt sich diesbezüglich gelassen: «Möglicherweise werden wir noch Staatsbonds zukaufen», meinte er anlässlich der Präsentation des neuen Geschäftsplans Ende November in Mailand.

 

 

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