Eine Rente beziehen oder das angesparte Pensionskassengeld auszahlen lassen: Diese Entscheidung ist beim Übergang vom Berufsleben in den Ruhestand nicht einfach zu treffen. Und jetzt noch der Corona-Crash an den Kapitalmärkten. Das löst zusätzliche Fragen aus. Wie sicher ist meine Vorsorgeeinrichtung? Oder was heisst es für mein künftig selbst verwaltetes Vermögen? Wer auf Planbarkeit und Sicherheit setzt, der wird sich in der Regel für den Rentenbezug entscheiden. Demgegenüber ist man beim Kapitalbezug sein eigener Finanzverwalter, mit allen Chancen, aber auch Risiken. Das gilt nicht nur für die aktuelle Börsenstimmung, sondern wird ebenso bestimmt durch die eigene Lebenserwartung.  

Unterschätzte Lebenserwartung

Aus langfristig angelegten Untersuchungen lässt sich der Stimmungswandel erkennen. Axa Investment Managers ermittelte in ihrer jüngsten Studie, dass sich im letzten Jahr nur jeder zehnte Befragte für einen reinen Kapitalbezug entschieden hat. Ein Jahr zuvor war es noch jeder Fünfte. «Der Entscheid, ob bei der Pensionierung eine Rente oder das Kapital bezogen werden soll, hat weitreichende Konsequenzen, und viele Versicherte unterschätzen ihre Lebenserwartung und die damit verbundenen Kosten», sagt Werner Rutsch, Head Institutional Business Axa IM Schweiz. Mit der Corona-Krise haben sich die Voraussetzungen nochmals verändert. Die Kursverluste an den Aktienmärkten schlagen auf die Portfolios der Pensionskassen und Privatanleger durch. Gemäss Oberaufsichtskommission der beruflichen Vorsorge (OAK) rutschte im ersten Quartal 2020 jede vierte Vorsorgeeinrichtung in eine Unterdeckung, während im gleichen Vorjahreszeitraum lediglich 1 Prozent der Kassen die Leistungsverpflichtungen nicht 100-prozentig abzudecken vermochte.    

Für Vorsorgeexperten ist klar: Die Corona-Pandemie zwingt die Pensionskassen zu einer noch konsequenteren Absenkung der Umwandlungsätze. Das heisst, künftige Rentner müssen mit einer zum Teil markant tieferen Rente rechnen. Die Risiko-Check-up-Studie der Beratungsfirma Complementa zeigt, dass sich der durchschnittliche Umwandlungssatz aller untersuchten Vorsorgeeinrichtungen im laufenden Jahr um weitere 10 Basispunkte auf 5,53 Prozent vermindert hat. Unter einer langfristigen Renditeannahme von 2 Prozent müsste der versicherungstechnisch korrekte Umwandlungssatz gemäss den Autoren bei 4,84 Prozent liegen. Der zu hoch angesetzt Umwandlungssatz führt zu Pensionierungsverlusten, die jüngere Jahrgänge indirekt durch tiefere Verzinsungen zahlen müssen. Nach Berechnungen der OAK hat sich die Umverteilung zulasten der aktiven Versicherten innert Jahresfrist von 5,1 Milliarden auf 7,2 Milliarden Franken erhöht. Aber trotz weiter sinkenden Umwandlungsätzen bleibt die Rente in einem Umfeld mit Null- und Negativzinsen weiterhin attraktiv. Damit ist ein regelmässiges Einkommen bis zum Lebensende sichergestellt. 

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Grossfirmen forcieren Kapitalbezug

Der Bezug des Alterskapitals ermöglicht eine flexiblere Finanzplanung. Das angesparte Geld kann entsprechend den eigenen Bedürfnissen investiert, konsumiert, vererbt oder verschenkt werden. Die pensionierte Person muss sich jedoch selbst um das sprunghaft gestiegene Vermögen kümmern. Bei Investitionen ist man den gleichen Risiken im Nachgang zur Corona-Pandemie ausgesetzt wie alle anderen Marktteilnehmer. Für das Unternehmen ist der Kapitalbezug interessant. Speziell grosse Konzerne, die nach internationalen Rechnungslegungsstandards bilanzieren, möchten möglichst niedrige Vorsorgeverpflichtungen in ihren Büchern. Bevorzugt werden zweigeteilte Alterspläne. Oft gibt es dort nebst der obligatorischen beruflichen Vorsorge noch eine weitere Kasse für Kader und Spezialisten, die zwingend den Kapitalbezug vorsehen.

Vereinzelt wurden jüngst auch neue Modelle mit einer zeitlich begrenzten Rente im überobligatorischen Teil der beruflichen Vorsorge entwickelt. Vorbild sind dabei ausländische Beispiele mit Zeitrenten, die nun auch in der Schweiz vermehrt diskutiert werden. Für die Pensionskassen schafft die zeitlich begrenzte Rente eine erhöhte Planbarkeit und vermindert gleichzeitig das Zins- und Langlebigkeitsrisiko. Vor der Pensionierung bietet sich als weitere Option auch ein Mix zwischen Rente und Kapital an. Die Versicherten können in der Regel selbst bestimmen, welchen Anteil ihres Altersguthabens sie als Rente oder Kapital beziehen möchten. Vom Gesetzgeber sind die Pensionskassen einzig verpflichtet, einen Kapitalbezug von mindestens 25 Prozent vorzusehen.