Herr Kurt, was kennzeichnet eine wirklich innovative Versicherung Ihrer Meinung nach?
Aus meiner Sicht sind wirklich innovative Lösungen stets die, welche am Ende des Tages ein Kundenbedürfnis befriedigen. Nur auf dem Papier innovativ zu sein und einen Service oder ein Versicherungsprodukt zu entwickeln, welche keine Abnehmer finden, kann dem Versicherer zwar Aufmerksamkeit bescheren und kurzfristig etwas Werbewirkung verschaffen, aber diese verpufft rasch wieder, wenn der Mehrnutzen für den Konsumenten nicht erkennbar ist. 

Im Gegensatz zu anderen Branchen wie z. B. der IT oder der Automobilindustrie, wo durch Innovationen teilweise komplett neue Kundenbedürfnisse geschaffen werden (z. B. Apple: Mit der Lancierung des ersten iPhone ist ein komplett neuer Markt entstanden, weil es vorher gar keine Smartphones gab), hat es die Versicherungsbranche da schwerer, da sich kaum jemand aus reiner Freude versichert, sondern weil er oder sie ein spezifisches Bedürfnis abdecken will.

Innovationspreis der Schweizer Assekuranz:

Die Branchenplattform HZ Insurance, das Institut für Versicherungswirtschaft der Universität St. Gallen, der Schweizerische Brokerverband SIBA, die Swiss Association of Insurance and Risk Managers SIRM, das Prüfungs- und Beratungsunternehmen EY Schweiz sowie Microsoft Schweiz, verleihen am 11. November 2021 bereits zum 23. Mal den Innovationspreis der Schweizer Assekuranz.

Haben sich in den letzten Jahren Anforderungen, Merkmale oder das Verständnis von Innovation in der Assekuranz verändert?
Früher, als der Versicherungsmarkt noch in vielen Bereichen reguliert war, genoss das Innovationsmanagement bei Versicherern einen eher geringeren Stellenwert. Am Ort des Geschehens fand man in früheren Zeiten meistens gelernte Versicherungsmathematiker und nicht wie heute Product Owner, deren Ziel darin besteht, ein möglichst massgeschneidertes Produkt für ihre Zielkunden zusammenzustellen. 

Besonders im Bereich der Digitalisierung hat sich in der Versicherungswelt einiges Innovatives getan, angefangen von der Online-Beratung inklusive Vertragsabschluss über den Einsatz von virtuellen Risikomanagementtools bis hin zum Einsatz von Chatbots und der automatisierten Schadenerledigung. 

Ich erwarte besonders rund um die Digitalisierung noch einiges aus der Branche, zumal da noch grosses Potenzial schlummert.

Führende Frauen in der Assekuranz

Alle bisherigen Porträts finden Sie auf der Übersichtsseite.

Mitarbeiter mit innovativen Ideen = innovatives Unternehmen. Geht diese Gleichung auf oder hängt Innovation von ganz anderen Aspekten ab?
Engagierte Mitarbeiter, welche sich mit der Welt, in der sie leben, beschäftigen, sich mit Ihrer Verantwortung und dem Unternehmen, für welches sie arbeiten, identifizieren, bringen automatisch Ideen ein, welche sich möglicherweise als echte Innovation entpuppen. Es gibt selten einfach den einen innovativen Mitarbeiter, der alles vorantreibt. Vielmehr ist es eine Frage der Firmenkultur, wie die Gesamtheit der Mitarbeiter in Prozesse eingebunden wird, welche Verantwortungen ihnen übertragen werden und welche Erfolge sie mitfeiern dürfen oder welche Misserfolge sie mittragen müssen. 

Wer mitbestimmen kann und Wertschätzung erfährt, der bringt erfahrungsgemäss auch gerne eigene Ideen ein, und das, ohne dass dies in einer Zielvereinbarung festgehalten werden muss. Ein innovatives Unternehmen tut demnach gut daran, ein Firmenklima zu pflegen, in dem sich seine Mitarbeiter wohl und als tragender Bestandteil des Unternehmenserfolges fühlen. 

Kann man auch mit vermeintlich nicht ganz so innovativen Mitarbeitern Innovationen entwickeln?
In der Literatur finden sich verschiedene Erklärungen zum Begriff Innovation. Folglich muss zuerst definiert werden, was eigentlich mit innovativ gemeint ist. Wenn wir darunter verstehen, dass eine Innovation ein Vorgang ist, welcher durch Anwendung neuer Verfahren, Einführung neuer Techniken oder Etablierung erfolgreicher Ideen einen Bereich, ein Produkt oder eine Dienstleistung erneuert und auf den neuesten Stand bringt, dann kann jeder Innovationen entwickeln oder zumindest den Grundstein dafür legen. 

Eine Innovation hat den Ursprung häufig da, wo jemand das Gefühl hat, etwas müsse doch besser oder einfach gehen. Auch Mitarbeiter, welche nicht jeden Tag einen Vorschlag in den Briefkasten fürs Ideenmanagement werfen, können mithelfen, Innovationen zu initiieren. Nicht jeder kann ein Richard Branson sein und die gesamte Welt nach seinen Grundzügen mitprägen. Manchmal sind die kleinen Innovationen die wertvollsten, weil sie sich umsetzen lassen und daraus dann auch wirtschaftlicher Erfolg entstehen kann.

Wo sehen Sie im Zusammenhang mit Innovation weitere Herausforderungen auf die Assekuranz zukommen?
Ich denke, eine zentrale Herausforderung ist und bleibt die Digitalisierung. In diesem Bereich kann die Assekuranz noch aufholen im Vergleich zu anderen Branchen. Mit Digitalisierung meine ich nicht den Versand einer Prämienabrechnung per E-Mail, sondern den gesamtheitlichen Ansatz, wie mit Kunden und auch Brokern künftig kommuniziert und interagiert wird, und das vom Versicherungsvertrieb über die Bewirtschaftung von Policen bis hin zur automatischen Schadenerledigung. Innovative Ansätze werden aber auch gefragt sein in Bereichen, welche z. B. infolge von Covid-19 nicht mehr so einfach versicherbar sein werden. Gleiches gilt für Schäden, die infolge der Klimaveränderung stattfinden. Versicherungsdeckungen werden sich ändern müssen, der Wunsch nach finanziellem Schutz wird aber bestehen bleiben.

Michael Kurt, Jurymitglied des Innovationspreises der Schweizer Assekuranz
Quelle: ZVG

Michael Kurt, Jurymitglied des Innovationspreises der Schweizer Assekuranz

  • Versicherungsbroker im Unternehmensgeschäft seit 20 Jahren
  • Partner und Mitglied der Geschäftsleitung
  • Verantwortlich für Verkauf, Marketing und Mandatsleiter für Key Accounts
  • Vorstandsmitglied SIBA

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