Nach bald elf Monaten, in denen Corona die politischen und wirtschaftlichen Agenden dominiert hat, zieht Pius Zängerle, Direktor des Krankenkassenverbands Curafutura, eine verhalten positive Zwischenbilanz. «Es hat sich gelohnt, dass die Kassen dem politischen Druck standgehalten und die geäufneten Reserven nicht vorzeitig verschleudert haben.» Wurde im Frühsommer auf dem politischen Parkett noch heftig darüber debattiert, ob die Kosten leerer Spitäler oder von Lohnausfällen infizierter Arbeitnehmenden auf die Krankenkassen abgewälzt werden sollen, sind solche Forderungen in der Zwischenzeit etwas leiser geworden. 

Systemrelevante Reserven

2020 verfügten die Schweizer Krankenkassen über Reserven in der Höhe von mehr als 8 Milliarden Franken. Dank diesem Polster haben für die Prämienzahler Ende 2020 eher Prämiensenkungen denn -anstiege resultiert. Und auch für die Krankenkassen scheint die Pandemie zurzeit nicht die befürchteten Kostenfolgen gehabt zu haben. So hat Corona beispielsweise für die KPT finanziell einen positiven Einfluss gehabt. «Paradoxerweise», wie CEO Reto Egloff erwähnt. «Der Aufschub oder Verzicht von nicht dringenden Behandlungen hat 2020 zu tieferen Leistungszahlungen geführt, als wir erwartet hatten.» Sorgen bereiten Egloff aber die Begehrlichkeiten aus der Politik, die Reserven der Versicherten anderweitig zu nutzen. «Dies würde sicher zu stärkeren Prämienerhöhungen führen.» 

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Für Santésuisse-Direktorin Verena Nold ist klar, dass die Krankenversicherer dank ihren Rücklagen Garanten für ein finanziell stabiles Gesundheitssystem sind. «Damit die Krankenkassen auf die erheblichen Schwankungen bei den Reserven reagieren können, dürfen diese nicht abgesenkt werden.» Dahingehende Pläne des Bundesrates seien unverständlich und verantwortungslos.

Finanzielle Langzeitfolgen sind unklar 

Wie sich die Leistungen in den kommenden Monaten entwickeln werden, ist schwer vorauszusagen. Andreas Schönenberger, CEO von Sanitas, sieht momentan keine Anzeichen für stark steigende Leistungskosten, gibt aber zu bedenken: «Diese werden nicht nur durch das Coronavirus, sondern durch viele Faktoren bestimmt.» 

Die finanziellen Langzeitfolgen für die Krankenversicherer sind zurzeit also noch nicht abschätzbar. Klar ist: Sie werden sich mit Händen und Füssen dagegen wehren, ihre Reserven abzubauen, denn im Gegensatz zu anderen Unternehmen dürfen sie keine Kredite aufnehmen, um ein allfälliges Minus zu decken. Aus diesem Grund ist für ÖKK-CEO Stefan Schena klar, dass die strategischen Weichen seines Unternehmens nun neu gestellt werden müssen. «Die Pandemie hat uns in der Marktbearbeitung gefordert und mit unserer Strategie 2025 werden wir die Segel für die kommenden vier Jahre neu setzen.» 

Die Verbände setzen alles daran, dass die Reserven der Versicherer auch nach der Pandemie dynamisch zur Prämiengestaltung eingesetzt werden können. «Sodann braucht es den konsequenten Abschluss der begonnenen Reformen bei Qualität, Zulassung sowie bei den Tarifen – insbesondere dem Tardoc – und der Finanzierung», fordert Curafutura-Direktor Pius Zängerle. Und Verena Nold betont, es sei essenziell, dass überhöhte Kosten und unnötige Leistungen eliminiert werden und neue Tarife nur dann eigeführt werden, wenn sie den Prämienzahlern wirklich nützten. «Nur so können wir uns das Gesundheitswesen der Zukunft leisten.» So habe die Corona-Krise gezeigt, dass beispielsweise überhöhte Medikamentenpreise nicht vor temporären Engpässen zu schützen vermögen.

Digitale Transformation beschleunigt

Neben den möglichen Kostenfolgen beschäftigt die Krankenkassen aber noch ein anderes Folgethema der Pandemie: die digitale Transformation. «Unsere Mitglieder haben während Jahren gebetsmühlenartig die Notwendigkeit transparenter, digitaler und schneller Abläufe gefordert – nun sind wir zuversichtlich, dass sich die Welt in dieser Hinsicht garantiert schneller drehen wird», erklärt Zängerle.

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Sanitas hat aus der Pandemie die Erkenntnis gewonnen, dass sich die Digitalisierung nicht nur intern, sondern auch bei den Kunden massiv beschleunigt hat. Diese hätten ihr Verhalten verhältnismässig schnell geändert und nutzten die digitalen Angebote viel mehr als vor der Pandemie. «Mit unserer Strategie, vermehrt in die Digitalisierung zu investieren und in agilen Arbeitsformen zu arbeiten, scheinen wir richtig zu liegen», sagt Andreas Schönenberger.

Die durch den Lockdown bedingte Schliessung der Agenturen gab auch für Visana den Anstoss, noch stärker auf flexible digitale Lösungen zu setzen. «Unsere schweizweite, mit Partnern lancierte digitale Gesundheitsplattform sowie die digitalen Visana-Services wie Videoberatungen, Ärzte-Chat, die digitale Versicherungskarte oder der 24-Stunden-Kundenservice erlebten einen enormen Aufschwung», freut sich CEO Angelo Eggli. Die Pandemie sei für die Versicherer eine grosse Herausforderung, zeige aber, dass das System der Krankenkassen gerade auch in Krisenzeiten bestens funktioniere.

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