Welchen Einfluss hat die aktuelle Pandemie auf die Löhne?
Jörg Scholten: Viele Unternehmen setzten auf kurzfristig angelegte Sofortmassnahmen wie Kurzarbeit, reduzierte Rekrutierungsaktivitäten oder Betriebsferien. Wir stellen zudem fest, dass vermehrt vergütungsbezogene Massnahmen – ebenfalls mit einem kurzen zeitlichen Horizont – ergriffen werden.

Was heisst das genau?
Im Top-Management wird der Druck auf die variable Vergütung verstärkt, da diese häufig einen relativ hohen Anteil an der Gesamtvergütung ausmacht. Typischerweise ist die variable Vergütung an den Geschäftserfolg des Unternehmens gekoppelt, was sich in den von der Corona-Krise getroffenen Unternehmen negativ auf die Höhe der Auszahlung auswirken kann.

In diesen aussergewöhnlichen Zeiten zeigen sich aber viele Manager auch solidarisch gegenüber ihrem Arbeitgeber und verzichten freiwillig auf einen Teil ihrer Vergütung respektive Teile des fixen Salärs. Als Alternative oder ergänzende Massnahme können Teile der Vergütung auch für einen bestimmten Zeitraum aufgeschoben werden. Sofern es eine Ventilklausel gibt – zum Beispiel das Recht des Verwaltungsrats, die variable Vergütung bei Sondereffekten diskretionär anzupassen – ist es sogar möglich, Bonuszahlungen zu reduzieren oder vollständig zu streichen.

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Müssen auch Mitarbeitende mit einer Lohnreduktion rechnen?
Nein, sie müssen nur in seltenen Fällen eine Lohnreduktionen hinnehmen. Vor dem Hintergrund Kosten dauerhaft – auch über kurzfristige die Liquiditätssicherung hinaus – managen zu müssen, könnte die nächste Lohnrunde aber eher moderat ausfallen.
 
Gibt es hier branchenspezifische Unterschiede?
Der Gedanke der Liquiditätssicherung steht aktuell noch im Vordergrund, aber auch die effektive Kostenreduktion stellt eine der grössten und wichtigsten Herausforderungen dar. Dabei beobachten wir, dass Branchen wie Gastronomie, Tourismus oder der Kulturbereich, auf welche Corona-bedingte Schutzmassnahmen einen besonders starken Effekt haben, überproportional hart getroffen sind. 

«Durch die Corona-Krise können sich auch Möglichkeiten zeigen, um oft historisch gewachsene Führungsorganisationen kritisch zu hinterfragen oder weiterzuentwickeln.»

Und wie äussert sich dies?
Dies kann sich unter anderem in einer verhaltenen Rekrutierungspolitik, auf die Ausgestaltung des Anstellungsverhältnis und in Form von höheren Insolvenzraten niederschlagen, was wiederum Druck auf die Löhne auslöst. So kann dies für die nächste Lohnrunde für einige Unternehmen sogar eine Null-Runde bedeuten.

Wie beurteilen Sie die Situation für die Löhne in der Assekuranz?
Nach ersten Einschätzungen erwarten wir in der Assekuranz für 2021 eher moderate Lohnerhöhungen im Sinne eines Teuerungsausgleichs. Allerdings werden mit der Digitalisierung auch die Anforderungen an kundenzentrierte Vertriebs-, Produkt- oder Pricingstrategien weiter steigen. Dadurch erhöht sich die Nachfrage an qualifizierten Experten in diesen Bereichen, was sich dort in höheren Löhnen niederschlagen könnte. 

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Unterscheidet sich der Einfluss von Corona auf die Löhne von dem anderer wirtschaftlichen Taucher?
Nicht unbedingt. Was an der aktuellen Situation aber besonders hervorzuheben ist, sind die perspektivischen Auswirkungen. Bereits jetzt sind zum Teil tiefgreifende gesellschaftliche, politische und ökonomische Veränderungen festzustellen, die durch einen grossen Schritt in Richtung Digitalisierung mit den daraus resultierenden Konsequenzen ausgelöst wurden. 

Darüber hinaus können sich durch die Corona-Krise in der mittel- und langfristigen Perspektive auch Möglichkeiten zeigen, um oft historisch gewachsene Führungsorganisationen kritisch zu hinterfragen oder weiterzuentwickeln. Auch die Entwicklung von alternativen Karriereformaten, welche die Bedeutung von hochrangingen Fach- und Projektleitungsfunktionen betonen, könnte durch die Krise weiter zunehmen. Ein weiteres Abflachen von Hierarchien wäre die logische Konsequenz. Es ist durchaus denkbar, dass sich dies auch nachhaltig auf die Vergütungsstrukturen auswirken wird.

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