Die Versicherungswirtschaft setzt sich intensiv mit der Thematik Nachhaltigkeit auseinander. Nicht erst seit 2020, als der Schweizerische Versicherungsverband SVV die Nachhaltigkeit auch strategisch verankert und sich dazu bekannt hat, regelmässig Rechenschaft über seine Bemühungen abzulegen, hat sich in der Branche einiges getan. 

Autor:
Dr. Gunthard Niederbäumer leitet den Bereich Nichtleben und Rückversicherung im Schweizerischen Versicherungsverband SVV. Als Mitglied der offiziellen Schweizer Delegation vertrat er die Wirtschaft an den vergangenen Weltklimakonferenzen. Als promovierter Klimatologe interessiert ihn der Klimawandel auch persönlich.

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Viele Versicherer sind dabei, ihre gesamte Wertschöpfungskette zu überprüfen und nachhaltiger auszurichten. Eine grosse Anzahl der Schweizer Privatversicherer verpflichtet sich der Erreichung der Ziele des Pariser Abkommens. Mit der im SVV neu gegründeten Kommission Nachhaltigkeit verleiht auch der Branchenverband diesem Thema zusätzliches Gewicht. Besagte Kommission ist auch der Ursprung des zweiten Nachhaltigkeitsreports der Schweizer Versicherungswirtschaft. Mit dem Report haben wir uns zum Ziel gesetzt, die Nachhaltigkeitsbestrebungen der Privatversicherer transparenter darzulegen.

Der zweite Nachhaltigkeitsreport der Schweizer Versicherungsbranche  (PDF) offenbart die Bandbreite der Aktivitäten, mit denen die Privatversicherer einen Beitrag an die nachhaltige Entwicklung der Gesellschaft leisten.

Die Schweizer Versicherungswirtschaft ist aus vielerlei Gründen dafür prädestiniert, nachhaltige Entwicklungen mitzugestalten. Das Kerngeschäft der Versicherer ist langfristig ausgelegt. Deshalb ist es wichtig, Risiken zu kennen, richtig einschätzen zu können und damit bewältigbar zu machen. Der Klimawandel erschwert diese Aufgabe. Die Unsicherheiten und die Auswirkungen, die der Klimawandel mit sich bringt, nehmen zu.

Umweltrisiken sind schwieriger einzuschätzen. Die Versicherer haben deshalb ein grosses Interesse daran, dieser Entwicklung entgegenzuwirken. Das tun sie beispielsweise, indem sie ihr selbstverwaltetes Kapital nachhaltig und unter Berücksichtigung von ESG-Kriterien anlegen. Im Jahr 2020 waren es rund 83 Prozent der Anlagen, bei denen Nachhaltigkeitskriterien in den Anlageprozess einbezogen wurden. Auch die Anzahl der Versicherer, die «Sustainable Finance» in ihrer Geschäftspraxis umsetzen, nimmt zu. Mit ihrer Investitionspolitik zielen die Versicherer aufgrund ihres langen Anlagehorizonts von Prämiengeldern darauf ab, dass ihre Kapitalanlagen auf weite Sicht ihren Wert halten oder steigern, und sie nutzen damit auch Möglichkeiten für die Erschliessung neuer, nachhaltiger Geschäftsfelder.

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Was den Versicherungsgesellschaften zugutekommt, ist die Tatsache, dass sich die Branche im Kern schon immer mit Nachhaltigkeit auseinandersetzen musste. Sie ist in der Lage, langfristig zu denken. Das bedeutet in der Folge, dass sich die Versicherer vermehrt die Frage stellen müssen, welche Risiken sie noch versichern wollen. Einzelne Versicherer nehmen schon heute zum Beispiel keine Unternehmen mehr in ihr Portfolio auf, die die Mehrheit ihres Umsatzes mit Kohle erwirtschaften.

Nachhaltigkeit ist auch ein Lernprozess. Heute existieren unzählige Standards und Labels – das macht es bisweilen schwierig zu erkennen, welche Anlagen tatsächlich nachhaltig sind. Initiativen wie diejenige der «Task Force on Climate-related Disclosures» versuchen, die Berichterstattung zu vereinheitlichen. Diese Massnahme wird vom SVV begrüsst. Für den Finanzsektor sind solche Informationen zwingend notwendig, um die Marktrisiken und die Investitionschancen besser einschätzen zu können. Transparente Kommunikation und das Setzen von Anreizen sind zwei der wichtigsten Faktoren, um Nachhaltigkeit umzusetzen. In diese Richtung zielt auch das revidierte CO2-Gesetz, das die Privatversicherer unterstützen. Eine Reduktion der CO2-Emissionen ist unabdingbar, soll der Klimawandel nicht weiter fortschreiten – und sollen Klimarisiken in der Schweiz und weltweit langfristig versicherbar bleiben.

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Bei der Nachhaltigkeit geht es per Definition darum, die Bedürfnisse der Gegenwart zu befriedigen, ohne dabei die Möglichkeiten künftiger Generationen zu beeinträchtigen. Dies gilt für Umweltthemen genauso wie für die sanierungsbedürftige Altersvorsorge, bei der die Jungen schon heute die Kosten der älteren Generation mittragen. Für uns Versicherer ist klar: Wir müssen das Thema Nachhaltigkeit umfassend betrachten, damit die drei Säulen Umwelt, Wirtschaft und Soziales stabil und ausbalanciert bleiben.