Frau Gröninger, haben sich in den letzten Jahren Anforderungen, Merkmale oder das Verständnis von Innovation in der Assekuranz verändert?
Absolut! Die Veränderung ist reflektiert im Innovationsumfang und -fokus. Wenn wir die Initiative bei den Versicherern und die Fortschritte in allen Bereichen entlang der Wertschöpfung in den letzten fünf Jahren beobachten, sehen wir einen klaren «Hocky Stick», sowohl in der Quantität als auch in der Breite. Die Einreichungen beim Innovationspreis als ein Beispiel: Die Anzahl der Einreichungen steigt von Jahr zu Jahr; die Anwendungsbereiche verbreitern sich auch von Jahr zu Jahr. 

Vor etwa fünf Jahren sind am meisten Energie, Ressourcen und Investition auf Produktinnovation und Dienstleistungen eingesetzt worden, jetzt wird auch in Front-to-back-Prozesse, Effizienz und neue Geschäftsmodelle investiert. Der Fokus auf Produkte und Services ist zwar weiterhin sehr wichtig, weil sie direkt mit Kunden verbunden sind, jedoch wird Produktinnovation ohne fundamentale Veränderungen in Geschäfts- und operationellen Modellen nicht nachhaltig. 

Innovationspreis der Schweizer Assekuranz:

HZ Insurance, das Institut für Versicherungswirtschaft der Universität St. Gallen, der Schweizerische Brokerverband SIBA, die Swiss Association of Insurance and Risk Managers SIRM und das Prüfungs- und Beratungsunternehmen EY Schweiz sowie erstmalig Microsoft Schweiz, verleihen am 12. November 2020 den 22. Innovationspreis der Schweizer Assekuranz.

Anzeige

Mitarbeitende mit innovativen Ideen = innovatives Unternehmen. Geht diese Gleichung auf oder hängt Innovation von ganz anderen Aspekten ab?
Ich würde die Gleichung umdrehen, und zwar: Innovatives Unternehmen = (immer mehr) Mitarbeitende mit innovativen Ideen. Menschen sind grundsätzlich innovativ. Neue Ideen bringen, Neues probieren ist in der menschlichen DNA, jedoch sind Menschen auch (fast zu) anpassungsfähig an das Umfeld. Wenn ein Unternehmen keine Innovationskultur hat, hierarchisch funktioniert, Perfektion anstrebt und Fehler bestraft, werden sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die ursprünglich innovativ waren, in ihrem Verhalten anpassen oder das Unternehmen verlassen. 

Ich unterstütze einige meiner Versicherungskunden in Projekten bzgl. Innovation oder Digitalisierung. Meistens höre ich als allererstes: «Wir müssen innovative Mitarbeiter einstellen, z. B. Data Scientists, ehemalige Insurtech-Mitarbeiter.» Meine Antwort dazu war immer: «Hat die Organisation die passende Kultur, die Struktur und die Incentivierung, sodass die innovativen Mitarbeitenden nicht nur kommen, sondern auch bleiben und Spass haben bei der Arbeit?» 

Klar ist es schwierig, eine passende Kultur und Struktur im gesamten Unternehmen zu schaffen, es reicht, wenn ein Bereich «ring-fenced» wird, um Schritt für Schritt den Schneeball-Effekt im gesamten Unternehmen zu schaffen.

Kann man auch mit vermeintlich nicht ganz so innovativen Mitarbeitern Innovationen entwickeln?
Im Zusammenhang mit der letzten Frage – Menschen sind innovativ. Jeder ist anders innovativ. Wenn die Mitarbeitenden die Kulturveränderung beobachten, spüren und erleben, werden sie mitreisen. Das Management wird überrascht sein, dass viele Mitarbeiter eine andere, innovativere, Version von sich zeigen. 

Die praktische Umsetzung von Innovationen ist oft nicht leicht. Mit welchen Hürden und Problemen muss man rechnen?
Innovation ist nicht gleich Kreativität. Es geht nicht darum, einfach etwas Neues zu erfinden, sondern etwas zu entwickeln, was für die Kunden Wert schöpft – übrigens müssen es nicht immer neue Produkte sein, sondern auch Erlebnis, Emotionen, Wahrnehmung, Einfachheit. Oft werden die zwei Begriffe «Innovation und Kreativität» in der Praxis vertauscht.

Eine andere Hürde ist der Umgang mit «Sunk Cost» – Innovation ist «Trial and Error», nicht «trial, and trail again». In einigen Fällen habe ich das Verhalten sowohl von Management als auch Teams beobachtet, das eigene Baby nicht aufgeben zu wollen oder zu können. Wenn es eine Sackgasse ist, dann sucht einen anderen Weg. 

Wo sehen Sie im Zusammenhang mit Innovation weitere Herausforderungen auf die Assekuranz zukommen?
Ich nenne hier nur eine, und zwar eine super wichtige: Die Assekuranz hat einen fundamentalen Zweck: Schutz für die Kunden. Mit Covid-19 wird dieser Zweck wichtiger denn je. Aber was tut die Industrie, um die Kunden besser zu schützen gegen die jetzige und die nächste Krise? Die Industrie soll zum fundamentalen Zweck zurückkommen. Das braucht viel Innovationsarbeit.

Yamin Gröninger, Partner, Markets Lead Financial Services Switzerland, EMEIA Insurance Innovation Lead, EY.
Quelle: ZVG

Yamin Gröninger, Partner, Markets Lead Financial Services Switzerland, EMEIA Insurance Innovation Lead, EY: 15 Jahre Erfahrung im Management und in der Leitung von Projekten in den Bereichen Unternehmensfinanzierung und Unternehmenstransformation für multinationale Unternehmen aller Branchen, seit 9 Jahren mit Schwerpunkt auf Versicherungskunden.
Yamin hat einen Executive MBA-Abschluss von INSEAD (Frankreich) und einen Master in Wirtschaftswissenschaften von der Universität Freiburg i. B. (Deutschland).

Kontakt: yamin.groeninger@ch.ey.com, LinkedIn